Serien im Häppchen-Format Konkurrenz für Netflix und Disney+? Der neue Streamingdienst "Quibi" im Test

Der nicht mehr ganz so neue Streamingdienst Quibi möchte mit Miniproduktionen für unterwegs überzeugen. Foto: David Voltz

Still und leise versucht Quibi, das Streaming aufzumischen. Dazu setzt der Anbieter auf zwei Dinge: bekannte Namen und Produktionen im Häppchen-Format. Ob das ankommt?

Nachdem Netflix mit Disney+ Anfang des Jahres einen erfahrenen Konkurrenten im Streaming-Geschäft bekommen hat, mischt sich nun ein weiterer Gegner dazu: die Streaming-Plattform Quibi, die es seit 6. April auch in Deutschland gibt. Allerdings hat davon fast niemand etwas mitbekommen, denn der Anbieter betreibt weitaus weniger aggressive Werbung für sein Angebot als seine Mitstreiter.

Quibi gibt’s nur fürs Smartphone

Dabei fährt Quibi ein völlig anderes und neuartiges Konzept, das für Aufsehen sorgen könnte. Der Name der Plattform steht für Englisch „quick bites“, was auf Deutsch so viel heißt wie „schnelle Häppchen“. Und genau das finden Nutzer bei dem neuen Streaming-Portal: eigenproduzierte Serien, Filme und Shows, die in kurze, etwa zehnminütige Mini-Folgen zerteilt werden – Häppchen eben. Diese lassen sich exklusiv nur auf dem Smartphone genießen, auf anderen Plattformen wie einem Smart-TV gibt es die App des Anbieters nämlich nicht. Die Köpfe hinter dem Dienst, Ex-Disney- und DreamWorks-Boss Jeffrey Katzenberg und Ex-Chefin von eBay und HP Meg Whitman, hatten sich das auch als Alleinstellungsmerkmal für ihren Streaming-Dienst überlegt: Quibi ist ausschließlich für unterwegs gedacht, für den kurzen Seriengenuss zwischendurch, zum Beispiel, wenn man auf einen Bus wartet oder im Zug sitzt.

Serien im Hochformat

Damit das reibungslos funktioniert, haben die Macher die sogenannte „Turnstyle“-Funktion entwickelt und sich patentieren lassen. Sie ermöglicht es, Serien nicht nur quer im Vollbild anschauen zu können, sondern auch hochkant. Dazu zoomt die App automatisch auf das Wichtigste aus einer Szene und blendet den Rest aus. Das hat aber den Nachteil, dass viele der Produktionen an Stimmung einbüßen müssen. Was bringt denn auch eine spannende Horrorfilm-Szene ohne düstere Umgebung, wenn ich nur das Mondgesicht des Schauspielers auf meinem Smartphone sehe?

Promis ohne Ende

Aber wer braucht schon Atmosphäre, wenn er Promis ohne Ende haben kann? Auch das war wohl einer der Leitgedanken bei der Gründung von Quibi. Denn der neue Streamingdienst setzt bei allen Eigenproduktionen auf bekannte Gesichter vor und hinter der Kamera. Chris Hemsworth, Anna Kendrick, J.Lo, Steven Spielberg, Christoph Waltz oder Guillermo del Torro – sie alle verschenken leider ihr Talent in den kurzen Film- und Seriensnacks, denn in zehn Minuten wachsen einem die Charaktere, die sie spielen, nicht wirklich ans Herz und richtig anspruchsvolle Plots können sich auch nicht entwickeln.

Ähnlich ist das auch bei den Shows, die Quibi zu bieten hat: Wenn diese anfangen, Spaß zu machen, enden sie schlagartig – wie ein Feuerwerk, das einfach nicht zünden will. Die meisten Produktionen bleiben deshalb eher inhaltsleer. Nur ein paar Dokumentationen wie Joe Jonas‘ Weltreise, bei der er ganz viele seiner Promi-Freunde trifft, oder die Reihe „&music“, die in jeder Folge ein anderes Thema aus der Musikwelt beleuchtet, sind wirklich gelungen und fügen sich auch super in das Quick-bites-Konzept ein.

Die sind es aber nicht wert, sich den Dienst zuzulegen, denn Quibi ist vergleichsweise teuer: Nach 14 Tagen gratis kostet das Abo hier in Deutschland 8,99 Euro pro Monat. Dafür gibt es zwar fast täglich neue Folgen, aber es fehlt bislang eine deutsche Vertonung oder zumindest deutsche Untertitel. Stattdessen sind alle Inhalte derzeit nur im Originalton und mit englischen Untertiteln verfügbar. Dass da das Preis-Leistungs-Verhältnis nicht wirklich überzeugt, zeigen auch die Nutzerzahlen: Nur 1,3 Millionen Menschen nutzen Quibi weltweit regelmäßig, während Disney+ inzwischen weit über 50 Millionen Nutzer zählt. Das haben sich die Erfinder des Dienstes wohl anders vorgestellt.

Corona ist an allem schuld

Macher Jeffrey Katzenberg schiebt den schwachen Start auf die aktuelle Lage: „Ich schreibe alles, was bisher falsch gelaufen ist, dem Coronavirus zu“, sagte der Quibi-Gründer in einem Interview mit der New York Times. Das mag wohl zumindest teilweise stimmen, schließlich sind wir wegen der anhaltenden Pandemie weniger unterwegs, aber es könnte auch einfach am Konzept liegen. Das versucht nämlich, den entspannten Abend vor dem Fernseher am Ende eines anstrengenden Tages zu zerreißen und in freie Zeitfenster zu stopfen, damit wir noch mehr und noch schneller konsumieren können. Quibi macht unseren Serien- und Filmgenuss also zum Lückenbüßer im stressigen Alltag. Und genau das will doch eigentlich niemand, oder?

Hier geht's zum Download der Quibi-App für iOS und für Android

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