Norwegen In Ålesund sind Klippfisch und Jugendstil zuhause

Ein Kennzeichen Ålesunds sind die Jugendstilbauten. Foto: Günter Schenk

Vom Aksla, Ålesunds Hausberg, liegt die Stadt dem Besucher wie ein Spielzeugland zu Füßen. Häuser und Kirchen sind zu sehen, das Meer und große Hafenanlagen, vor denen Kreuzfahrtschiffe ankern. Doch oben vom Aussichtszentrum wirken sie wie Miniaturen aus einem Bilderbuch. Einmalig ist der Panoramablick, der viele verführt, in Ålesund Norwegens schönste Stadt zu sehen.

Genau 418 Treppen tiefer, einen neuen, aussichtsreichen Fußweg abwärts, öffnet sich der Blick in ihre Geschichte. Im gepflegten Stadtpark steht das Denkmal des Wikingerkriegers Rollo, ein Vorfahre Wilhelm des Eroberers, der einst England regierte. Auf einer benachbarten Insel, erzählt die Fremdenführerin, sei er geboren, ehe er mit seinen Mannen die Normandie eroberte. Als Hägar, der Schreckliche, machte er Comic-Geschichte. Wissenschaftlich ist das alles umstritten, aber die Bürger Ålesunds können mit dem Wissen, Wikinger zu sein, gut leben. Dabei fand die Stadt erst Mitte des 15. Jahrhunderts als Niederlassung einiger Kaufleute aus dem südlicher gelegenen Bergen erstmals urkundlich Erwähnung. 1848 bekam der Ort die Stadtrechte verliehen. Der boomende Fischfang brachte neuen Wohlstand.

Klipp- und Stockfisch geht raus in alle Welt

Ålesund exportiert noch heute Klipp- und Stockfisch in alle Welt. Zwei Drittel der weltweiten Klippfisch-Produktion stammen aus der westnorwegischen Stadt. Getrockneter und gesalzener Kabeljau, den wegen seiner langen Haltbarkeit früher Matrosen auf hoher See ebenso schätzten wie Soldaten an der Front. In Norwegen galt Klippfisch lange Zeit als Arme-Leute-Essen, heute aber kommt er in den Restaurants der Stadt für teures Geld auf den Tisch. So etwa im XL Diner, einem der angesehensten Fischlokale der Stadt, wo der Klippfisch traditionell mit ausgelassenem Speck, Erbsenpüree und Kartoffeln serviert wird. Und an Stock- und Klippfisch erinnert auch das Denkmal einer Frau in der Stadtmitte, welche die stinkenden Fische in Wasser einlegt und sie so zur Weiterverarbeitung in der Küche fertigmacht.

Die renovierten Gebäude am Kanal waren früher meist Fischfabriken. Inzwischen aber haben sich Büros und Läden, Hotels und Gastwirtschaften in den alten Speicherhäusern eingenistet. So wie das Restaurant Anno, in dem dünnste Pizzaböden unter anderem mit Schaffleisch, Krabben und Klippfisch belegt werden. Auch das Hotel Brosundet hat am Kanal Platz gefunden. Zimmer 47 der Herberge allerdings findet sich im alten Leuchtturm auf der Hafenmole und gehört zu den Lieblingsplätzen norwegischer Flitterwöchner.

Dass die Stadt so aufgeräumt und großzügig wirkt, ist auf ein Großfeuer zurückzuführen, das im Januar 1904 mehr als 800 Holzhäuser zerstörte. Der Grund soll eine Kuh gewesen sein, die in einer Konservenfabrik eine Fackel umstieß und so eine der größten Brandkatastrophen in Norwegens Geschichte auslöste.

Ein heftiger Sturm machte die Pferde scheu

Zwar war die Feuerwehr schnell am Brandort, doch tobte der Sturm in dieser Nacht so heftig, dass die Funken die Pferde vor den Löschwagen scheuen ließen und man ihnen Augenklappen anlegen musste. Auch war der Druck auf den Schläuchen zu klein, um die oberen Stockwerke mit Löschwasser zu erreichen. Am Ende konzentrierten sich die Helfer deshalb darauf, die Einwohner in Sicherheit zu bringen. In nur 16 Stunden wurden rund 10.000 Menschen obdachlos, beinahe die komplette Innenstadt war zerstört. Wie durch ein Wunder kam nur eine alte Frau ums Leben.

Im Jugendstil-Zentrum in der ehemaligen Schwanen-Apotheke erzählen Zeitzeugen in Filmausschnitten von der Brandnacht. Doch so schnell wie das Feuer war damals auch die Hilfe. Aus ganz Norwegen und Deutschland kamen Architekten, die den Wiederaufbau Ålesunds zügig planten und durchführten. Auch der deutsche Kaiser Wilhelm II., der mit seiner Jacht in Norwegens Fjorden gern Station machte, ordnete persönlich Hilfe an. Der Kaiser schickte vier mit Baumaterial, Medikamenten, Nahrung und warmen Decken beladene Hilfsschiffe der Kaiserlichen Marine nach Ålesund. Für mehr als zwei Drittel der Schäden kamen die Versicherungen auf, den Rest finanzierte man über Aktienfonds. In nur drei Jahren erhielt Ålesund so ein neues Gesicht.

Anstatt auf Holz setzten die Planer auf Stein

Statt aus Holz baute man alle Häuser jetzt aus Stein. Nicht nur, weil das der Staat nach der Brandkatastrophe für die Stadtzentren Norwegens verbindlich vorgeschrieben hatte. Auch die ebenfalls abgebrannte Schwanen-Apotheke am Ålesundet, dem Aal-Kanal, der der Stadt ihren Namen gab, fand so eine neue Gestalt. Ein Prachtbau, der heute das Jugendstil-Zentrum beherbergt. Bis in das Jahr 2001 war die Apotheke in Betrieb, deren Einrichtung - von der mit Jugendstilmotiven verzierten Registrierkasse bis zu den Holzverzierungen im Treppenhaus - original erhalten ist. Heute ist sie Museumsshop und Eingang zu einer kleinen Ausstellung, welche die Arbeiten der am Wiederaufbau Ålesunds beteiligten Architekten dokumentiert. Fast alle waren vom damals modischen Jugendstil geprägt, der in Norwegen freilich seine eigene Handschrift hatte und von Stabkirchen- und Wikinger-Ornamentik geprägt war. Gut 450 Jugendstilhäuser entstanden so nach der Brandkatastrophe, von denen viele wie das Hotel Skandinavje denkmalgeschützt sind.

Viele Häuser erstrahlen in neuem Glanz

Stadtbummler begegnen den schönsten Jugendstilbauten im Zentrum: in den Straßen Korsegata und Kongensgate, der Apotekergata und am Aksel Holms plass. Reich sind dort die Schmuckdetails, die Fassaden voller Vielfalt. Viele der Häuser wurden in den letzten Jahren großzügig renoviert, für die rund 400.000 Besucher jährlich aufgehübscht. Vor allem für die Kreuzfahrer und Gäste der Hurtigruten-Schiffe, die von Januar bis Dezember in Ålesund Station machen. Kein Wunder, dass die 44.000-Einwohner-Stadt heute im gleichen Atemzug wie andere Jugendstil-Metropolen von Brüssel bis Riga genannt wird.

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