LiteraTour Liebe zwischen Arm und Reich: Ines Kiefl erklärt, was uns Theodor Fontane in „Irrungen, Wirrungen“ sagen möchte

Die erste Buchausgabe von Theodor Fontanes „Irrungen, Wirrungen“ ist 1888 erschienen. Foto: H.-P.Haack/Wikipedia

Darum geht’s: Lene entstammt aus der ärmlichen Familie Nimptsch, kümmert sich rührend um ihre Pflegemutter und wohnt neben der äußerst neugierigen Frau Dörr und deren Mann. Sie gehört dem unteren Stand der Gesellschaft an, muss viel arbeiten, ist aber dennoch sehr glücklich. Noch glücklicher – zumindest vorerst – ist sie, als sie auf den reichen Baron Botho trifft. Anders als heute lernen sie sich nicht über Dating-Apps wie Tinder, sondern bei einer Bootsfahrt kennen, bei der Botho seine Lene heldenhaft aus ihrem kenternden Boot rettet. Und weil man bekanntlich immer das haben will, was man selbst nicht hat – ganz nach dem Motto „Gegensätze ziehen sich an“ – verlieben sich Lene und Botho ineinander.

Briefe statt WhatsApp

Der Aristokrat schätzt besonders Lenes unverstellte Art und legt viel Wert auf Natürlichkeit. Ebenso hält er sich gerne in der Natur auf, die als Ort der Freiheit ohne gesellschaftliche Zwänge zu sehen ist. Um auch ohne WhatsApp in Kontakt bleiben zu können, greifen die beiden auf die gute alte Methode des Briefeschreibens zurück. Der reiche und gebildete Botho korrigiert Lenes Rechtschreibfehler mit Vergnügen, er liebt sie mit all ihren Fehlern – oder eben gerade deswegen.

Das Paar unternimmt schließlich einen Ausflug in „Hankels Ablage“, einem Gasthaus, in dem sie ausnahmsweise mal Zweisamkeit hätten. Doch die Turteltauben werden durch adlige Bekannte Bothos gestört, wobei sich Lene zunehmend unwohl und fehl am Platz in dieser hohen Gesellschaft fühlt. Vor allem weil sich diese Leute ständig über Politik, hohe Kunst oder andere Menschen unterhalten, ihnen aber jede Echtheit fehlt.

Kein Happy End in Sicht

Auch die Nachbarin Dörr, die sich ständig einmischt, sieht kein Happy End in der Beziehung von Lene und Botho und sie behält Recht: Für Botho ist die reiche Cousine Käthe vorbestimmt und dieser besitzt schlussendlich nicht den Mut, seinem Herzen zu folgen und trennt sich gezwungenermaßen von Lene. Käthe ist äußerlich sehr schön, nicht unsympathisch, aber keineswegs tiefgründig. Das Sexleben des Ehepaars bleibt deshalb unerfüllt, denn dazu bedarf es mehr als oberflächliches Gekicher. So soll Käthe auf Kur verreisen, um nach ausgiebiger Entspannung für Nachwuchs zu sorgen, doch selbst von dort aus sendet sie nur Briefe ohne Tiefgang.

Auch Lene lernt unterdessen einen neuen Mann kennen: Gideon Franke, ein relativ guter Fang, der sich nicht von Lenes unterem Gesellschaftsstand abschütteln lässt. Sie heiraten, doch Lene und Botho werden mit ihren Ehepartnern nie so glücklich wie zuvor und schwelgen in ständiger Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit. Sie lieben sich also aufgrund ihrer Standesunterschiede, können gerade deswegen aber nicht zusammen glücklich werden, da beide dem gesellschaftlichen Druck kein Kontra geben wollen.

Das ist gemeint: Fontane versucht in seinem Roman eindeutig, die Einteilung der Gesellschaft in Stände zu kritisieren. Das nicht ganz befriedigende Ende der Hauptfiguren hinterlässt dabei ein Gefühlschaos zwischen Wut, weil Botho sich nicht aus dem gesellschaftlichen Zwang loszureißen traut, aber auch Mitleid, weil trotz ihrer Liebe keine Zukunft möglich wurde. Die Botschaft lautet also: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied!

Wann es spielt: Der Gesellschaftsroman gehört in die Epoche des Realismus. Wie der Name schon andeutet, geht es hierbei um die Detailgenauigkeit, die dem Leser das Gefühl gibt, dass alles genau so in der Realität passieren könnte. Die detailverliebten Naturbeschreibungen und die Standesunterschiede, die anhand des Einsatzes von Dialekt oder Rechtschreibfehlern in Briefen aufgezeigt werden, sind nur Beispiele dieser Schreibweise, in die jeder unbedingt mal reinlesen sollte.

Mehr Teile aus Ines’ LiteraTour-Serie findest du hier

 

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