Vier Coronavirus-Fälle gemeldet Webasto überprüft auch Mitarbeiter an Standorten in Ostbayern

, aktualisiert am 29.01.2020 - 11:30 Uhr
Mehrere Webasto-Mitarbeiter haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Das Bild zeigt das Werk in Gauting. Foto: Lino Mirgeler/dpa

Befürchtet wurde es schon seit Tagen, nun ist der erste Nachweis da: Das in China kursierende neue Coronavirus ist auch in Deutschland angekommen. In Bayern gibt es bislang vier Fälle.

Nachdem bereits am Montagabend bekannt wurde, dass ein Mann in Bayern mit dem Virus infiziert wurde, wurde am Dienstagabend bestätigt, dass in Bayern drei weitere Menschen mit dem neuartigen Coronavirus infiziert worden sind. Sie stünden in Zusammenhang mit dem ersten bestätigten Fall der neuen Lungenkrankheit in Deutschland, teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in München am Dienstagabend mit. 

Wegen der vier mit dem neuen Coronavirus infizierten Mitarbeitern schließt der Automobilzulieferer Webasto nun seinen Stammsitz im oberbayerischen Gauting bis Sonntag. Bis dahin sollen Mitarbeiter der Firmenzentrale auch nicht an nationale und internationale Standorte reisen, wie das Unternehmen am Dienstagabend mitteilte. 

In Kontakt mit chinesischem Gast angesteckt

Ein 33-Jähriger aus dem Landkreis Landsberg am Lech in Bayern war der erste Mitarbeiter, der als mit dem Erreger infiziert gemeldet wurde. Er hat sich bei einem chinesischen Gast seiner Firma angesteckt.

Die Frau aus Shangai sei vergangene Woche zu einer Fortbildung bem Autozulieferer Webasto gewesen, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur am Dienstag aus Kreisen der Gesundheitsbehörden. Erst nach ihrem Rückflug nach China am 23. Januar wurde sie positiv getestet, weil sie sich krank gefühlt hat. Die Frau habe vor ihrer Reise nach Deutschland Besuch von ihren Eltern gehabt, die aus der besonders betroffenen Region Wuhan stammen. 

Patient hat am Montagvormittag noch gearbeitet

Beide Mitarbeiter seien stationär in ärztlicher Behandlung, es gehe ihnen den Umständen entsprechend gut, erklärte Vorstandschef Holger Engelmann von Webasto am Dienstag. Der 33-jährige Patient, der gestern Vormittag noch gearbeitet hat, liegt im Münchner Klinikum Schwabing. Nach Angaben seines behandelnden Arztes geht es ihm "sehr gut". "Er ist fieberfrei, hat auch derzeit keine Atemwegssymptomatik mehr", sagte Clemens Wendtner, Chefarzt im Klinikum Schwabing in München, am Dienstag. Der Mann werde nicht auf der Sonderisolierstation des Krankenhauses behandelt, sondern auf der normalen Isolierstation in einem Zimmer mit Schleuse. "Die Sonderisolierstation ist nicht aktiviert und wird für diesen Patienten auch nicht aktiviert", sagte Wendtner. Er betonte: "Es besteht keinerlei Gefahr für Mitpatienten." Enge Kontaktpersonen wie Familienmitglieder und Kollegen des 33-Jährigen sind aufgerufen, zu Hause zu bleiben.

Behörden überprüfen 40 Kontaktpersonen

Die bayerischen Behörden überprüfen 40 Kontaktpersonen in der Firma und der Familie. Davon betroffen ist nicht nur der Standort Stockdorf. Es werden auch Mitarbeiter an den ostbayerischen Standorten Hengersberg und Schierling auf das Virus getestet, wie der Bayerische Rundfunk berichtet.

Die Chinesin und der deutsche Mitarbeiter hätten im Rahmen der Schulung in einer kleinen Gruppe zusammengearbeitet. Die Ansteckung habe "in einem Intervall, in dem die Chinesin noch symptomfrei war" stattgefunden, sagte der Präsident des Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Andreas Zapf. Bislang gibt es keine weiteren Verdachtsfälle. "Wir haben bislang keinen finden können, der noch weitere Symptome hat", sagte Andreas Zapf, Präsident vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit am Dienstag in München. Das sei aber "Stand jetzt, 10.30 Uhr". Die Behörden seien derzeit damit beschäftigt, herauszufinden, mit wem die beiden Mitarbeiter der Firma Webasto Kontakt hatten. Das müsse jetzt "ganz rasch" gehen. Die Behörden überprüfen auch die Kinderkrippe in Landsberg am Lech, in der das Kind des 33-jährigen Erkrankten betreut wird. Die Krippe bleibt jedoch vorerst geöffnet. "Wir sehen derzeit keine Veranlassung dazu, die Krippe zu schließen", sagte ein Sprecher des dortigen Landratsamts am Dienstag. "Weder die Frau noch das Kind des Patienten sind bisher erkrankt". Die Eltern der betroffenen Einrichtung seien nicht eigens informiert worden, sagte der Sprecher. "Das ändert sich natürlich, wenn das Kind doch noch krank wird."

Infografik: Wie ansteckend ist das Coronavirus? | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

 

Vorsichtsmaßnahmen bei Webasto nach Coronavirus-Infektionen

Nach den Coronavirus-Infektionen zweier Mitarbeiter hat der oberbayerische Autozulieferer Webasto eine ganze Reihe von Vorsichtsmaßnahmen ergriffen. Sowohl Dienstreisen nach China als auch innerhalb Chinas sind vorerst ausgesetzt, wie eine Sprecherin am Dienstag sagte. In der Unternehmenszentrale in Stockdorf südwestlich von München ist den 1.000 dort beschäftigten Kolleginnen und Kollegen freigestellt, zu Hause zu arbeiten.

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Die Mitarbeiter wurden darüber hinaus gebeten, Termine mit externen Besuchern in Stockdorf zu verschieben oder auf Telefonkonferenzen auszuweichen. Bei Terminen außer Haus sollen Stockdorfer Kolleginnen und Kollegen ihren Ansprechpartnern anbieten, bereits ausgemachte Termine zu verschieben oder sie telefonisch abzuhalten. Beides gilt zunächst für die nächsten zwei Wochen.

Hotline für besorgte Bürger

Bayern schaltet nach dem Bekanntwerden des ersten bestätigten Coronavirus-Falls in Deutschland eine Hotline für besorgte Bürger. Das teilte Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) am Dienstag in München mit. Die Behörden nehmen "die Lage sehr ernst, aber wir sind auch gut vorbereitet". "Die Kontaktpersonenermittlung läuft auf Hochtouren." Weitere Maßnahmen würden in Erwägung gezogen, sagte Huml. Gemeinsam mit dem Bund werde beraten, "ob es sinnvoll sein kann, an Flughäfen Fieber zu messen". Auch die Barmer-Krankenkasse hat bereits eine Hotline geschaltet. Der Service ist unter der Telefonnummer 030/9028-2828 zwischen 8 und 22 Uhr erreichbar

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sieht auch nach dem Bekanntwerden des ersten Coronavirus-Falls Deutschland gut gerüstet. Ein Sprecher des bayerischen Gesundheitsministeriums sagte: "Das Risiko für die Bevölkerung in Bayern, sich mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren, wird von der "Task Force Infektiologie" des LGL und vom Robert Koch-Institut (RKI) derzeit als gering erachtet." Menschen, die engen Kontakt mit dem Patienten hatten, würden ausführlich aufgeklärt und über mögliche Symptome, Hygienemaßnahmen und Übertragungswege informiert.

Schutzmasken in einzelnen Apotheken ausverkauft

Auch wenn Mediziner ihren Einsatz in Deutschland nicht für sinnvoll halten: In Bayern sind Atemschutzmasken in einzelnen Apotheken bereits ausverkauft. Er habe Entsprechendes von Betrieben in Unterfranken und München gehört, sagte ein Sprecher des bayerischen Apothekerverbandes am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. Derzeit gebe es eine verstärkte Nachfrage. Zudem sei es bei einigen Großhändlern schwierig, Nachschub zu bekommen. Auch der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels bestätigte, dass einzelne Großhändler die Nachfrage aus den Apotheken nicht bedienen könnten. 

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Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Bernd Salzberger (Universitätsklinikum Regensburg), hält nichts von der Anwendung der Masken: "Persönlicher Schutz ist im Augenblick vollkommen unsinnig", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Sogenannte chirurgische Gesichtsmasken sind dem Experten zufolge zudem eigentlich nicht zum Schutz vor Ansteckungen gemacht, sondern sollen verhindern, dass möglicherweise infektiösen Tröpfchen aus dem Atemtrakt von Chirurgen in das Operationsgebiet gelangen. Es ergebe Sinn, zum Beispiel als Grippekranker eine Maske zum Schutz anderer Menschen zu tragen. "Aber der Schutz vor einer Infektion von außen ist sehr, sehr schlecht damit", sagte Salzberger.

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Auswärtiges Amt warnt vor Reisen in chinesische Provinz Hubei

Die Bundesregierung warnt seit Dienstag vor Reisen in die zentralchinesische Provinz Hubei, von der aus sich das neuartige Coronavirus ausbreitet. Bisher hatte das Auswärtige Amt nur von Reisen in die Region um die Millionenstadt Wuhan abgeraten. Jetzt heißt es auf der Internetseite des Ministeriums: "Vor Reisen in die Provinz Hubei wird gewarnt." An anderer Stelle heißt es aber trotzdem weiterhin: "Das Risiko für deutsche Reisende in Wuhan wird als moderat eingeschätzt."

Nach Angaben des Auswärtigen Amts befinden sich in der Region 90 Deutsche und Angehörige. Derzeit wird eine Evakuierungsaktion für sie geprüft. Das neuartige Coronavirus kann eine Lungenkrankheit auslösen, an der im Hauptverbreitungsland China bereits mehr als 100 Menschen gestorben sind - die meisten davon waren ältere Patienten mit schweren Vorerkrankungen. Die Gesamtzahl der weltweit bekannten Erkrankungen ist inzwischen auf mehr als 4500 gestiegen. Auch in Deutschland wurde eine erste Infektion festgestellt.

Reisewarnungen sind als dringender Appell des Auswärtigen Amts zu verstehen, Reisen in ein Land oder in eine Region eines Landes zu unterlassen. Sie werden nur bei einer akuten Gefahr für Leib und Leben ausgesprochen und sind daher selten. Die meisten Reisewarnungen betreffen Bürgerkriegsgebiete wie Syrien, Afghanistan oder Mali. Derzeit gelten für 26 Länder Reisewarnungen oder Teilreisewarnungen für bestimmte Regionen.

Deutsche Behörden weiten Maßnahmen gegen Coronavirus aus

In Deutschland sollen weitere Informationspflichten für Fluggesellschaften und Krankenhäuser kommen, um eine Ausbreitung der neuen Lungenkrankheit aus China zu verhindern. Das teilte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Dienstag nach einer Telefonkonferenz mit seinen Länderkollegen mit. So sollen bei Flügen aus China die Piloten vor dem Landen an deutschen Flughäfen den Tower über den Gesundheitszustand der Passagiere informieren. Reisende aus China sollen Formulare ausfüllen, wie sie in den nächsten 30 Tagen zu erreichen sind. Die Airlines sollen die Angaben für diesen Zeitraum abrufbar halten. Damit sollen in Infektionsfällen Kontaktpersonen ausfindig gemacht werden können - etwa, wer neben wem gesessen hat.

Wie Spahn weiter sagte, sollen Kliniken künftig auch schon begründete Verdachtsfälle auf das Coronavirus an das Robert Koch-Institut melden müssen - nicht nur bestätigte Fälle wie bisher. Das Bundes-Institut soll zudem größere Koordinierungsbefugnisse im ganzen Land bekommen.

Der Minister bekräftigte: "Die Gefahr für die Gesundheit der Menschen in Deutschland bleibt nach unserer Einschätzung weiterhin gering." Man nehme die Situation ernst und sei gut vorbereitet. "Für übertriebene Sorge gibt es keinen Grund."

EU fliegt Hunderte Europäer aus Wuhan aus

Zwei Flugzeuge sollen Hunderte EU-Bürger aus der Region in China herausholen, die am stärksten vom Coronavirus betroffen ist. Die erste Maschine soll nach Angaben der EU-Kommission am Mittwochmorgen in Frankreich starten und etwa 250 Franzosen nach Hause fliegen. Das zweite Flugzeug solle im Laufe der Woche folgen und mehr als 100 Europäer aus anderen EU-Ländern heimbringen.

Wie die EU-Kommission am Dienstag mitteilte, hat Frankreich über den europäischen Zivilschutz entsprechende Unterstützung für Europäer in Wuhan und Umgebung gebeten. "Zwei Flugzeuge werden über unseren EU-Zivilschutz-Mechanismus in Gang gesetzt, um EU-Bürger aus der Region Wuhan nach Europa zurückzuholen", erklärte der EU-Kommissar für Krisenmanagement, Janez Lenarcic, in Brüssel. Bei Bedarf könne weitere EU-Unterstützung mobilisiert werden.

Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides sagte laut der Mitteilung: "Wir stehen bereit, um die Mitgliedstaaten zu unterstützen und eine starke und koordinierte EU-Antwort auf die Entwicklung des Coronavirus außerhalb und innerhalb der Union zu geben." Mit dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten überwache man die Lage genau.

Die EU werde die Transportkosten der beiden Flugzeuge mitfinanzieren, teilte die Kommission weiter mit. EU-Bürger könnten sich weiterhin melden, wenn sie aus der betroffenen Region heimgeholt werden wollten. Jedoch dürften nur gesunde oder symptomfreie Bürger die Reise antreten.

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