Kampf gegen die Pandemie Ärztepräsident fordert Neustart der Corona-Impfkampagne

Spritzen liegen auf einem Tisch während einer Impfkampagne mit dem Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer. Foto: Isabel Infantes/EUROPA PRESS/dpa/dpa

Alle Impfappelle nützen wenig, die Impfzahlen sind viel zu niedrig, um die vierte Corona-Welle noch abzuflachen. Was tun? Ganz neu anfangen, meint einer.

Die Corona-Infektionszahlen steigen und die Impfkampagne stockt - Ärztepräsident Klaus Reinhardt fordert deshalb einen Neustart.

Viele Ungeimpfte seien keine überzeugten Impfverweigerer, sagte der Präsident der Bundesärztekammer der Deutschen Presse-Agentur. "Um diese Unentschlossenen zu erreichen, muss die Impfkampagne in Deutschland komplett neu aufgestellt werden." Die Aufforderung "Ärmel hoch" habe anfangs genützt. "Jetzt aber brauchen wir viel zielgenauere Kommunikationsmaßnahmen und niedrigschwellige Impfangebote." Gefragt seien kreative Konzepte.

"Die Impfquote ist in ganz Deutschland zu niedrig, insbesondere aber in den östlichen Bundesländern", erklärte Reinhardt. Das sei mit Blick auf den Herbst und Winter bedenklich.

Aktionswoche "Hier wird geimpft"

Die Bundesregierung will mit einer bundesweiten Aktionswoche vom kommenden Montag an Schwung in die Impfungen bringen. Gemeinsam mit den Ländern ruft sie dazu auf, an möglichst vielen Orten einfach wahrzunehmende Angebote zu machen - etwa in Sportvereinen, bei der freiwilligen Feuerwehr, in Apotheken oder Mehrgenerationenhäusern - mit dem Motto: "Hier wird geimpft". Auf der Internetseite www.hierwirdgeimpft.de sollen Impfangebote zu finden sein.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will sich an diesem Mittwoch mit dem Chef des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, zum Stand der Impfkampagne äußern. In der Sendung "RTL Direkt" sagte er, er wundere sich immer wieder, wie viele Menschen noch nicht geimpft seien, obwohl sie mit der Impfung kein Problem hätten: "Denen wollen wir eine einfache Gelegenheit geben."

Darauf setzen auch die Landesregierungen in Sachsen und Thüringen, den beiden Ländern mit den wenigsten Erstimpfungen. "Wir sehen, dass Aufklärung und Gespräche wichtig sind, um die Menschen zu überzeugen, die noch zögern", sagte die sächsische Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) der dpa. Man nutze alle verfügbaren Kanäle.

Die thüringische Sozialministerin Heike Werner (Linke) appellierte an die Bürger, Angebote zu nutzen. "Wir betreiben viel Aufwand, um die Impfungen so nah wie möglich zu den Menschen zu bringen", sagte Werner der dpa. Sie verwies auf Impfaktionen in Einkaufszentren, bei Sportveranstaltungen und ohne Termin.

Andere sind skeptisch, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) etwa. "Wir haben sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet", hatte er am Dienstag gesagt und auf Brief- und Medien-Kampagnen verwiesen sowie auf niedrigschwellige Angebote. Doch alles laufe zäh. "Ich komme jetzt an einen Punkt, wo ich denke, vielleicht haben wir das, was wir machen können als Politik, auch ausgereizt."

Der Präsident des Deutschen Kinderhilfswerks, Thomas Krüger, forderte von allen Erwachsenen, sich aus Rücksicht auf die nicht impfbaren Kinder die schützende Spitze geben zu lassen. "Es ist vollkommen rücksichtslos, sich nicht impfen zu lassen", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ). Den Kindern sei in den vergangenen Monaten durch die Schließung von Schulen und Kitas sehr viel abverlangt worden, um die Älteren zu schützen. Jetzt müsse die Rücksichtnahme in die andere Richtung gehen.

61,5 Prozent vollständig geimpft

Bisher sind in Deutschland 61,5 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, 65,9 Prozent haben mindestens eine Impfung (RKI-Daten vom Dienstag). Um die vierte Welle der Pandemie noch abzuflachen wird eine Impfquote von 80 bis 90 Prozent als nötig erachtet.

Der Direktor der Virologie am Universitätsklinikum Essen warnte vor einer Überlastung der Intensivstationen. "Wir machen uns langsam das Gesundheitssystem kaputt", sagte Ulf Dittmer der "Rheinischen Post". In seiner Klinik liege die Zahl der Kranken mit schweren Symptomen bei 23. Davon seien 20 ungeimpft, der Jüngste sei 20 Jahre alt. Dittmer forderte deshalb eine Diskussion über die Impfpflicht. "Darüber müssen wir reden", sagte er. Schon jetzt gebe es in Nordrhein-Westfalen keinen freien Platz mehr für die Behandlung mit einer Herz-Lungen-Maschine.

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