Jugend im Ukraine-Krieg Wir haben nachgefragt, wie es Kiewern und Russen aktuell geht

Vor den Toren Kiews: Im Krieg in der Ukraine verlieren viele Menschen ihre Häuser. Wir haben mit Leuten gesprochen, die nicht wissen, ob sie je wieder heimkehren können. Foto: Vadim Ghirda/dpa/AP

Wir wollten wissen: Wie fühlen sich junge Menschen, die vom Krieg in der Ukraine betroffen sind? Also schickten wir Instagram-Nachrichten nach Kiew und Russland. Hier sind die Antworten, in denen es um Hunger in der Metro, Angst um die Geliebten und Unterdrückung in Russland geht.

Zeitenwende in Europa

Bomben fallen in der Ukraine. Männer von 18 bis 60 Jahren sollen ihr Land verteidigen, dürfen es nicht verlassen – Russland hat eine Invasion gestartet. Europa war stolz auf den Frieden. Er ist vorbei. Wie sich Betroffene fühlen, erfahren wir im Austausch. Der steht jedem offen. Es reicht, auf Instagram nach „Kiew“ zu suchen. Wer das tut, stößt auf Menschen, die reden wollen. Wir sollten zuhören.

Russen wie Alex (Name geändert) hassen den Krieg. Der 26-Jährige bangt um seine Freundin:

„An der Front bin ich nicht, aber online im Informationskrieg. Das Opfer ist die Wahrheit. Auch im TV läuft Propaganda. Wer sich wehrt, ist in Gefahr. Demos enden bei der Polizei. Soldaten haben ebenso keine Wahl. 2014 diente ich in der Armee. Wir kamen an die Grenze zur Ukraine, mussten all unsere Zeichen ablegen, damit uns keiner erkannte. Verweigert ein Soldat, droht Haft. Der Bruder meiner ukrainischen Freundin ist gestorben. Wofür? Solche Fragen stellen sich viele Russen. Doch wir gelten als Mörder. Obwohl wir den Krieg nie wollten.“ (Aus dem Englischen

Der 32-jährige Anton Gerasymovych (@notyourmurzik) harrt in Kiews Metro aus – und behält den Mut:

„Jeder hat einen Rucksack mit Pässen, Nahrung, einem Verbandset und Schlafsack. Ertönt der Fliegeralarm, laufen alle mit dem Nötigsten aus dem Haus, ohne Gewissheit, je zurückzukommen. Meine Freundin und ich suchen nun Schutz in der U-Bahn. Uns fehlte Essen und Wasser, bis das Rote Kreuz uns versorgte. Wir fürchten, dass Russland uns Freiheit, Identität und Sprache nimmt. Als Soldaten beim Angriff auf den Kiewer Flughafen das weltgrößte Flugzeug Mriya zerstörten, weinten wir. Es galt als nationaler Stolz. Und wir weinten, als sie ein Museum mit Bildern Maria Prymachenkos angriffen. Wir können wieder ein Flugzeug bauen – die Gemälde der Volkskünstlerin sind vernichtet. Um unsere Kultur zu bewahren, kämpfen wir alle vereint.“ (Aus dem Englischen)

Bilder und Videos aus der Metro: Viele Kiewer flüchten in die U-Bahn. Anton hat Aufnahmen gemacht. Hier zu finden hier auf www.idowa.de

Yaryna Arieva (@yarynarieva) ist Kiews jüngste Stadtratsabgeordnete. Sie lernte, mit Waffen umzugehen:

„Gebete und die Unterstützung von Freunden bewahren mich, unter dem Gewicht der schrecklichen Verzweiflung zusammenzubrechen. Mein Mann musste mich kürzlich wegen eines Militäreinsatzes verlassen. Als er weg war, lernte ich, wie ich ein Gewehr lade, das Magazin einsetze, Munition stopfe. Unsere Armee kämpft tapfer für uns, darum bin ich sicher, dass alles gut wird. Bitte geht ihr in Deutschland auf die Straße, geht zur russischen Botschaft, setzt Zeichen!“ (Yaryna spricht deutsch.)

Frieden und Freiheit nutzen 

Anton, Yaryna und Alex können an ihrer Lage wenig ändern. Sie befinden sich in der umkämpften Ukraine oder müssen auf Protesten fürchten, verhaftet zu werden. Bei uns rollen keine Panzer und wir leben in Freiheit. Die können wir nutzen. Keiner hindert uns, beispielsweise zu demonstrieren. Oder Abgeordneten im Bundestag oder im Europaparlament zu schreiben, dass wir Druck erwarten. Denn wir alle müssen uns nicht vorwerfen lassen, nur zuzuschauen, während der Krieg tobt.

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

0 Kommentare

Kommentieren

null

loading