Friseurinnung Bayern Doris Ortlieb: „Haare waschen ist jetzt Pflicht“

Endlich wieder Haare schneiden: Danach haben Friseure und Kunden sich wohl gleichermaßen gesehnt. Aber einiges ist anders und ungewohnt bei diesen ersten Friseurbesuchen nach dem Lockdown, sagt Doris Ortlieb von der Friseurinnung in Bayern. Foto: Collage Friseurinnung Bayern/dpa

Endlich wieder zum Friseur! In der sogenannten Corona-Krise werden früher alltägliche Dienstleistungen sehr wertvoll. Viele Menschen in der Region haben am Montag, als die Lockerungen es erstmals hergaben, die Gelegenheit zu einem neuen Haarschnitt genutzt.

Darüber, wie sehr die Masken beim Haarschneiden stören und wie die Stimmung in den Friseursalons derzeit ist, haben wir mit Doris Ortlieb von der Friseurinnung in Bayern gesprochen.

Schwere Zeiten für das Friseurhandwerk. Wochenlang waren die Friseurläden außer Betrieb. Wie ist die Stimmung bei den Innungsbetrieben?

Doris Ortlieb: Zunächst mal sind alle froh, dass sie überhaupt wieder arbeiten können. Aber es fehlt der Umsatz von sechs Wochen. Nur weil jetzt wieder geöffnet ist, gehen die Leute auch nicht mehr zum Friseur. Es werden jetzt halt eineinhalb Zentimeter mehr abgeschnitten, die in dieser Zeit dazugewachsen sind. Nach der Wiedereröffnung kann auch nicht der gleiche Umsatz gemacht werden, wie vorher. Durch die Arbeitsschutz- und Hygienemaßnahmen kann der Service nicht so getaktet werden, wie bisher. Man muss mehr Zeit für den einzelnen Kunden einrechnen. Zwischen den Kunden muss noch mehr gereinigt werden. Zum Teil geht schon der Shitstorm los nach dem Motto: „wieso erhöhen die Friseure jetzt ihre Preise?“ Der Friseur muss jetzt einfach anders kalkulieren als vor der Schließung. Er hat zusätzlichen Aufwand, Ausgaben für Masken und Desinfektionsmittel, er kann möglicherweise nicht alle Plätze im Salon belegen. Wer bisher an der Schließung nicht pleite gegangen ist, sollte nicht an der Wiedereröffnung pleite gehen.

Wie viele Friseursalons werden von einer Pleite betroffen sein?

Ortlieb: Das wissen wir nicht. Das wird man später einmal in der Statistik sehen. Es werden definitiv Betriebe auf der Strecke bleiben. Wie groß die Zahl ist, kann man im Moment nur vermuten. Das kann man sich an fünf Fingern abzählen. Wenn jemand relativ neu gegründet hat, dann hat er sein Geld eingesetzt, dann ist er nicht liquide. Dann ist die Frage: Wer springt ihm bei, dass er eine solche Durststrecke überstehen kann. Wenn jemand gerade investiert hat oder vor der Krise knapp bei Kasse war, wie soll er die Schließung überstehen? Soforthilfen und Kredite sind gut, nur: Bis die in den Betrieben ankommen, kann es unter Umständen schon zu spät sein.

Was ist beim Friseur jetzt anders? Wie haben sich die Arbeitsabläufe durch die Auflagen verändert?

Ortlieb: Es geht damit los, dass der Friseur zwingend auf Termin arbeiten muss, um zu verhindern, dass sich Menschen, die noch nicht dran sind, überhaupt im Salon aufhalten. Strenge Terminvorgaben waren nicht in allen Salons üblich bisher. Der Friseur muss sich auch überlegen, wie er den Kundenstrom richtig steuert. In den ersten Tagen wird man auch noch vieles erklären müssen, nicht nur, dass die Kunden schon beim Reinkommen die Maske tragen müssen. Dass der Kunde jetzt seine Hände desinfizieren muss, dass er seine Jacke selbst aufhängen muss. Die Haarwäsche vor dem Schneiden ist jetzt zwingend notwendig. Die Berufsgenossenschaft sagt, in den Haaren könnten Viren sein. Das weiß man zwar im Moment nicht hundertprozentig. Einfache Trockenschnitte gibt es nicht mehr. Das ist ein Problem beim Blondieren: Hier trägt man das Haarfärbemittel eigentlich auf das trockene Haar auf. Da muss man dann erst Fönen, oder zwischen Waschen und Färben schneiden. Früher war die Arbeit sehr viel vernetzter und unter den Mitarbeitern aufgeteilt. Jetzt soll nach Möglichkeit nur ein Friseur an einem Kunden arbeiten. Das Problem: Wie können Azubis dann überhaupt etwas machen? Man muss den Azubi Assistenzarbeiten machen lassen, der muss in seiner Ausbildungszeit mal an den Kunden ran. Hier müssen wir noch sehr viel Hirnschmalz reinstecken.

Viele modebewusste Männer tragen heutzutage Bart und lassen ihn sich auch beim Friseur pflegen und schneiden. Für die gibt es wohl schlechte Nachrichten, oder?

Ortlieb: Das ist ein Wermutstropfen der derzeitigen Bestimmungen. Durch das Maskentragen ist diese Dienstleistung derzeit nicht möglich. Wie lange wie darauf verzichten müssen, ist noch offen. Es ist zum Schutz der Kunden und zum Schutz der Friseure. Ich denke, die Situation ist momentan noch zu unklar, um diese Dienstleistung freizugeben. Wir hoffen aber, wenn der Start jetzt bei den Friseuren gut klappt und die alle gesund bleiben, können wir auch hier bald eine Lockerung bekommen. Man sieht es auch an den Kosmetikstudios, die fragen: „Wieso dürfen die Friseure und wir noch nicht?“ Wenn der Schritt kommt, wird meiner Einschätzung nach auch die Bartpflege wieder möglich sein.

Wie sehr stören die Masken das Haareschneiden?

Ortlieb: Die Kunden sollten auf jeden Fall Masken verwenden, die nicht hinten am Kopf gebunden sind. Die Masken mit dem Gummi hinter den Ohren sind auch eine Herausforderung für die Friseure. Das ist aber nur eine Frage der Zeit, bis die Friseure damit ganz selbstverständlich umgehen können. Ich habe auch die tollsten Konstruktionen gesehen, wie man schneiden kann, ohne, dass der Kunde die Maske verrücken muss. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, die Haltebänder von den Ohren zu nehmen und mit einer Plastikklammer hinten am Nacken zusammenzuhalten. Dann kann auch eine saubere Kontur geschnitten werden. Es werden auch schon Masken entwickelt, die man im Gesicht aufkleben kann und die ohne Gummi auskommen. Da werden sich mit der Zeit Techniken herausbilden und die Friseure bekommen auch Routine im Umgang mit diesen Masken. Von allen Problemen, die die Salons jetzt haben, dürften die Gummibänder an den Masken das Kleinste sein! (lacht)

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