Freischreiben Theresa Rösch über geschlechtergerechte Sprache

Theresa Rösch ist geschlechtergerechte Sprache wichtig. Grafik: Florian Wende

Ob mit Schrägstrich, Binnen-I oder Gendersternchen: Für Theresa Rösch (19) aus Wiesent im Landkreis Regensburg gehört geschlechtergerechte Sprache zum Alltag. Warum ihr das so wichtig ist.

Nicht schon wieder dieses Thema! Wir haben doch zur Zeit wichtigere Probleme!“ Solche Aussagen bekomme ich immer wieder zu hören, wenn ich erzähle, dass ich auch im Alltag gendere. Ich finde es wichtig, obwohl die geschlechtergerechte Sprache nicht gerade normal klingt, aber man gewöhnt sich daran. Das sah ich allerdings nicht immer so.

Meine Meinung habe ich während eines Seminars an der Uni geändert, in das ich zuerst gar nicht wollte. Denn für was braucht man geschlechtergerechte Sprache? Ich fühle mich auf der Bank mit „Lieber Kunde“ genauso angesprochen wie ein männlicher Kunde. Aber ich merkte, dass es in der Debatte um mehr geht als die Benutzung der geschlechtsspezifischen Form.

Alles nur Grammatik

Eigentlich ist geschlechtergerechte Sprache erst einmal nichts anderes als sture, langweilige Deutschgrammatik und ein bisschen Latein gehört auch dazu. Fangen wir an mit dem Genus: das rein grammatische, sprachliche Geschlecht im Deutschen. Also Maskulin, Feminin und Neutrum beziehungsweise „der“, „die“ und „das“. Das Genus hat nichts mit dem biologischen, natürlichen Geschlecht zu tun. Das ist in der deutschen Sprachwissenschaft dann der Sexus. Hier gibt es die Bezeichnungen männlich und weiblich. Als dritte Form gibt es noch das Gender, das soziale Geschlecht.

Gegner der geschlechtergerechten Sprache, meist Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache, sehen zwischen Genus und Sexus keinen Zusammenhang und die ganze Sache eher als Wahnsinn. Dieser Verein ist eine Sache für sich. Sie hatten sogar eine Petition am Laufen, die gegen das Gendern ist. Es gibt aber sehr wohl einen Zusammenhang zwischen Genus und Sexus: Das Genus wirkt sich direkt auf die Vorstellung von Sexus aus. Das bewies Josef Klein bereits 2004 mit stereotypen Berufsbezeichnungen. Auch wenn „typisch weibliche“ Berufe oder neutrale Formen wie „Zuschauer“ im generischen Maskulin standen, verbanden die Testpersonen sie eher mit männlichen Gruppen. Vom generischen Maskulin spricht man, wenn Nomen männlich sind, obwohl das Geschlecht keine Bedeutung hat. Dasselbe Ergebnis erzielten Forschende im englischen Sprachraum, obwohl es dort nicht mal ein Genus gibt. Dort steuert allein das soziale Geschlecht die Wahrnehmung, vor allem von Berufen. So dachten die Probanden bei Spionen an männliche und bei Kosmetiker an weibliche Personen.

Viel schlimmer verfestigen sich soziale Verhältnisse mit dem generischen Maskulin, also wenn nur die männliche Form dasteht, diese aber für Frauen und Männer gelten soll. Und gerade Kinder beeinflusst das. Laut einer Studie der Freien Universität Berlin trauten sich Kinder Berufe eher zu, wenn beide Geschlechter angesprochen werden. Konkret zeigte sich das so: Wenn die Jungen und Mädchen zwischen sechs und zwölf Jahren gefragt wurden, ob sie sich den Beruf des Ingenieurs zutrauten, verneinten sie das eher. Fragten die Forschenden die Kinder, ob sie Automechaniker oder -mechanikerin werden wollen, war die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie dies bejahten. Bei Erwachsenen zeichnete sich in einer ähnlichen Studie ein fast gleiches Bild ab: Wenn die Stellenausschreibung nur im generischen Maskulin geschrieben war, bewarben sich weniger Frauen als bei Stellenanzeigen, die beide Geschlechter ansprachen. Rein sprachwissenschaftlich ist es also sinnvoll, die geschlechtergerechte Sprache zu benutzen. Und auch das Grundgesetz besagt, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Deswegen ist es doch eigentlich unsere Pflicht, auch für Gleichberechtigung in der Sprache einzustehen.

Sapere aude!

Wir sollten in der Debatte aber auch noch etwas anderes sehen, nämlich dass wir den Luxus besitzen, über Themen nachdenken zu können, die vielleicht nicht den größten Stellenwert in unserer Gesellschaft haben. Dafür gehen wir kurz ins Zeitalter der Aufklärung zurück. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Wer kennt diesen Satz aus dem Deutsch- oder Lateinunterricht nicht? Genau darin besteht der Sinn der Diskussion: Der Großteil von uns muss sich keine Sorgen über Nahrungsmittelknappheit und Geld machen. Jeder von uns kann sich aussuchen, auf welche Schule er oder sie geht und welchen Weg er oder sie danach geht. Wir dürfen denken und wir sollen das auch. Wir haben das Recht auf freie Meinungsäußerung und auch die Wissenschaft steht unter besonderem Schutz. Deswegen sollten wir auch über die geschlechtergerechte Sprache nachdenken – ganz egal, welchen Sinn wir in der Frage sehen.

Wenn wir die geschlechtergerechte Sprache für einige Zeit im Alltag benutzen, wird sie für alle zur Normalität und Wörter wie Zugführende, Lehrkräfte oder Beschäftigte werden alltäglich. So wird unsere Sprache ein bisschen gerechter.

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