Frankfurter Buchmesse Jubiläum des Tolkien-Klassikers: Ein Adliger mit Ringen

Nicht nur Bilbo, sondern auch der finstere Gollum wurde an diesem Abend von Synchronsprecher Manuel Straube zum Leben erweckt. Foto: Sonja Esmailzadeh

Es gibt auf Lesungen immer Besucher, die das Werk eines Autor noch nicht kennen - doch J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ hat hier wohl jeder gelesen, konstatiert Denis Scheck. Der Blick des Moderators und Literaturkritikers wandert durch den großen Harmoniesaal auf der Frankfurter Buchmesse, der am Samstag beinahe bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

Große und kleine Besucher, verkleidete Hobbits, Zwerge und Elben sind zusammengekommen, um das Jubiläum der deutschen Erstausgabe des erfolgreichsten High-Fantasy-Epos aller Zeiten zu feiern. Das Werk hat sich laut Verlag über 10 Millionen Mal in Deutschland, weltweit sogar rund 150 Millionen Mal verkauft.

Die Geschichte um Frodo Beutlin aus dem Auenland, der den Ring der Macht und damit das gesamte Schicksal von Mittelerde trägt, ist aus den Bücherregalen der alten und jungen Generationen also nicht mehr wegzudenken – vielleicht auch, weil der Englischprofessor Tolkien die Fantasy aus der trivialen, verstaubten und eskapistischen Ecke befreit hat. Doch wie kam die Fantasy-Bibel, der heute sämtliche Jünger und Apologeten folgen, überhaupt nach Deutschland?

Alles beginnt mit einer Reise Michael Kletts, Sohn des Verlegers Ernst (des Jüngeren), nach Amerika, wo er das Verlagswesen kennenlernen will. Zum Fünfzigjährigen erzählt der heutige Verleger selbst, wie er "Herr der Ringe" entdeckt hat. Er besucht damals auch seine Cousine und ihren neuen Mann, die in einem aufgelassenen Apfelgut im Wald wohnt, erzählt Klett.

Alles sei ihm verwunschen, ja verzaubert vorgekommen. Dann schwärmt seine Cousine auch noch von einem Herrn der Ringe. „Ich dachte, das wäre ein Adliger mit Vorliebe für Ringe“, sagt Klett. Erst später entdeckt er die „Traumblüte“, die „denkbar andere Lebenswelt.“

Ein überraschendes Weihnachtsgeschenk

Zurück in Deutschland berichtet Klett seinem Vater von seinem Fund. Von dem sei der allerdings wenig begeistert gewesen. Der Sohn, ein „verschwärmter Jüngling, der sich noch für Märchen interessiert“, erinnert sich Klett an den Konflikt. „Ich habe ein Jahr gerungen.“

Als es im Hause Klett beinahe still um Tolkien (1892-1973) wird, macht der Vater seinem Sohn plötzlich ein überraschendes Weihnachtsgeschenk: Er erwirbt die Rechte am „Herrn der Ringe“ - seinerzeit ein mittelgroßes Risiko. Der Verlag hatte bisher auch nur Schulbücher und Psychologisches im Repertoire.

Am 15. September erscheint dann erstmals der „Herr der Ringe“ auf Deutsch. Im selben Jahr gründet Michael Klett die „Hobbit Presse“, um auch andere Fantasy-Autoren hoffähig zu machen. Margaret Carroux übersetzt „Herr der Ringe“ und tauscht sich dabei immer wieder mit Tolkien, der auch Deutsch sprach, aus.

Scheck fragt, ob der inzwischen 81-jährige Klett mit Tolkien in Kontakt war, was dieser überraschend verneint. Warum er den so lange bewunderten und umworbenen Sprachen- und Weltenerfinder nie persönlich kennenlernte - dazu hält sich Klett bedeckt und spricht stattdessen von einer Distanz zwischen Verleger und Autor.

An dieser Stelle verfliegt der Zauber des Tages. Die im Voraus in der „Tolkien Times“, einer Zeitschrift des Klett-Verlags, angekündigte „mediengeschichtliche Tiefenbohrung rund um Tolkiens Werk“ bleibt aus. Ein Besucher sagt beim Verlassen des Saals, er finde es schade, dass es bei der Veranstaltung kaum um Tolkien ging.

Daran können auch die eigentlichen Stars des Abends bei der Lesung nicht viel ändern. Die Synchronsprecher Manuel Straube aus München (die deutsche Stimme von Bilbo Beutlin) – großartig auch als gequälter Gollum, der auf der Bühne faucht, krächzt und wimmert - und Timmo Niesner (Stimme Frodo Beutlin) aus Berlin beginnen passend zum angekündigten „literarischen Fest“ des Abends mit Bilbos 111. Geburtstagsfest im Buch.

So ganz wird das Fest des Abends dem Fest der literarischen Vorlage aber nicht gerecht. Das ist schade, soll die Messe – oft als Verkleidungsmesse verpönt - auch Literaturbegeisterte ansprechen und nicht nur verkleidete Fans einer Convention, die ihren Filmidolen nahe sein wollen. Das umso eher, als Sohn Christopher, der sich um den Nachlass seines Vaters kümmert, kein gutes Haar an den Verfilmungen gelassen hatte. Es hätte dem Event gut getan, auch Tolkiens Bedeutung für die heutige Zeit zu thematisieren, den Wert der Gefährten etwa. Das politische Thema des Zerfalls einer Wertegemeinschaft spielte auf der Buchmesse ohnehin eine übergeordnete Rolle in diesem Jahr.

So bleibt Tolkien bei der ansonsten unterhaltsamen Veranstaltung, die vom Jugendsinfonieorchester Hochtaunus mit Howard Shores Filmmusik untermalt wird, etwas blass. Aber wie stellt man sich einen Adligen mit vielen Ringen auch schon anders vor?!

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