Finanzen Abschied vom „Klimpergeld“? Das sagen bayerische Banker

Belgien will Schluss machen mit den zahllosen Klimpermünzen und aufgeblähten Geldbeuteln nach jedem Einkauf. Die 1- und 2-Cent-Münzen sollen aus dem Verkehr gezogen werden. Ein Modell auch für Deutschland? Bedeutet ein solches Gesetz nicht auch den Anfang vom Ende des Bargelds an sich? Wir haben bei bayerischen Banken und Bankenverbänden nachgefragt.

Bereits im April ging es dem 500-Euro-Schein an den Kragen. Zu umständlich für Geschäfte, zu groß die Gefahr der Fälschung. Jetzt scheint das andere Ende der Bargeld-Hierarchie zu bröckeln: Belgien wurde Anfang des Monats seine 1- und 2-Cent-Münzen los. Manche Interessensverbände sehen darin die schleichende Abschaffung des Bargelds, die damit einen Schritt weiter gebracht werden soll.

Die belgischen Einzelhändler jedenfalls ziehen eine positive Zwischenbilanz. Und an manchen deutschen Supermarktkassen geht es auch nicht mehr um jeden Cent. Stattdessen wird gerundet. Anstatt sich das Wechselgeld centgenau auszahlen zu lassen, können Kunden es runden lassen und damit einen Kleinstbetrag spenden. Belgien hat das Prozedere zum Gesetz gemacht: Seit Anfang Dezember müssen Geschäfte das Wechselgeld auf fünf Cent auf- oder abrunden. Nach Angaben des Verbands sparen Händler durch die Reform Kosten. Denn Münzrollen mit 1- und 2-Cent-Stücken zu beschaffen, kostet oft mehr, als die Münzen wert sind. Soll Deutschland sich an seinem Nachbarn im Westen ein Beispiel nehmen?

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„Zahlen sprechen deutliche Sprache“

Die „Diskussion um das Klimpergeld“ ist den Sparkassen in der Region nicht neu. „Letztlich stehen bei den Kleinstmünzen Kosten und Nutzen in keinem vernünftigen Verhältnis zueinander“, sagt Eva Mang vom Sparkassenverband Bayern: „Nicht umsonst verlangen viele Sparkassen eine Gebühr dafür, dieses Geld zu zählen.“

Ähnlich sieht das Robert Elsberger von der Sparkasse Niederbayern-Mitte: „Grundsätzlich verursacht die Bargeldlogisitik einen hohen Aufwand und enorme Kosten, die, wenn überhaupt, nur marginal verursachergerecht weitergegeben werden können. Das Handling von Münzgeld ist dabei noch einmal deutlich aufwändiger. Wobei es keinen Unterschied mehr macht ob eine 2 Cent oder eine 1 Euro Münze bearbeitet wird.“ Dem Aufwand stehe gegenüber, dass die meisten Kunden die Kleinstmünzen lieber loswerden als bekommen: „In unserer Sparkasse Niederbayern-Mitte werden zweieinhalb mal so viele Münzen angenommen, wie wir an unsere Kunden ausgeben“, erklärt Elsberger.

Der langfristige Trend gehe zum bargeld- und bald auch kontaktlosen Bezahlen, sagt Sparkassen-Sprecherin Eva Mang: „Mehr und mehr Leute finden die EC-Karte oder das Bezahlen per Handy praktischer. Mittlerweile können Sie jeden Betrag, auch das Brötchen beim Bäcker für 1,20 Euro, mit diesen Services bezahlen.“ Auch bei den Händlern und Gastronomen in Bayern steige die Akzeptanz der neuen Zahlungsmethoden rasant.

Im Jahr 2018 lagen die Kartenzahlungen mit einem Umsatzanteil von 48,6 Prozent erstmals vor dem Bargeld mit 48,3 Prozent. Zur Jahresmitte 2019 stiegen die bargeldlosen Bezahlvorgänge bundesweit um fast 22 Prozent auf 2,14 Milliarden Stück. Auch bei den Kunden der Sparkasse Niederbayern-Mitte – Privatkunden wie Händlern – werde sich dieser Trend fortsetzen, so die Einschätzung von Robert Elsberger: „Die Vorteile wie Geschwindigkeit, Hygiene und auch geringere Kosten für Bargeldmanagement sind Gründe, die Händler zunehmend dazu veranlassen, bargeldlose beziehungsweise kontaktlose Zahlungen anzubieten.“

Einzig die Verbände und Institutionen, die auf Spenden angewiesen sind, profitieren von den Kleinst-Münzen. Vielen Leuten ist es zu mühselig, sie zu sammeln, zu zählen und zur Bank zu bringen – oder gelegentlich Kaufpreise genau abgezählt aus den Münzen zurechtzulegen. Deshalb wandern die Mini-Münzen oft in Spendenboxen im Einzelhandel oder im öffentlichen Raum.

Der Bundesverband der Sparkassen rechnet damit, dass bis Ende 2020 das Ziel „Vollausstattung“ erreicht ist. Dann werden alle Kunden mit Karten ausgestattet sein, die kontaktloses Bezahlen ermöglichen. Laut Mang sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: Seit Januar 2017 habe der Anteil an Kontaktlos-Zahlungen mit Sparkassen-Cards um 37,3 Prozent zugenommen. Die Anzahl der Kontaktlos-Zahlungen seit Januar 2017 beläuft sich auf insgesamt 778 Millionen. Von bundesweit 859.000 Kassenterminals sind 752.000 für die „Girocard kontaktlos“ freigeschaltet. Das entspricht einem Marktanteil von 88 Prozent.

„Finger weg vom Bargeld“

Die Vorteile von „Plastik statt Cash“ sieht auch der Verband der Genossenschaftsbanken in Bayern. Die Verantwortlichen befürchten aber, dass in Folge der Diskussion um die Klimpermünzen das Bargeld an sich zur Disposition stehen könnte. Zur Diskussion um die Maßnahme der Belgier erklärt Jürgen Gros, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB): „Die Bedeutung von elektronischen oder mobilen Bezahlverfahren nimmt zu, das ist klar. Trotzdem: Die Deutschen fragen nach wie vor Bargeld nach und nutzen es. Knapp die Hälfte ihrer Einkäufe im stationären Handel bezahlten sie im Jahr 2018 mit Bargeld. Die Verbraucher möchten zu Recht selbst entscheiden, wie sie einkaufen. Bargeld ist zudem als gesetzliches Zahlungsmittel geschützt.“

Gros warnt davor, jetzt in eine Abschaffungsdiskussion einzusteigen. „Das kann dann schnell dazu führen, dass wir über eine Komplettabschaffung von Bargeld reden. Aber das wäre sicher der falsche Weg. Nach wie vor schätzen die Deutschen die Vorteile des Bargeldes. Es ist bequem, sicher, anonym und steht für viele für ein Stück Freiheit. Das soll auch so bleiben. Wenn sich Unternehmen dazu entscheiden, Geldbeträge zu runden, müssen sie dies auch gegenüber ihren Kunden transparent machen und erklären“, sagt Gros weiter. Entscheiden müssten das aber die Unternehmen selbst.

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