Faktencheck zu Impfnebenwirkungen Wer hat Recht? BKK Provita oder Paul-Ehrlich-Institut?

Der Vorstand einer bayerischen Krankenkasse behauptet, dass eine Analyse gezeigt habe, in Deutschland würden viel zu wenig Verdachtsfälle auf Impf-Nebenwirkungen erfasst. Stimmt das? (Symbolbild) Foto: Alastair Grant/AP/dpa

Jüngst warf eine gesetzliche Krankenkasse dem Paul-Ehrlich-Institut in einem Schreiben vor, zu wenige Fälle von Impfnebenwirkungen zu registrieren. Das wird auch in sozialen Medien verbreitet. Was hat es damit auf sich?

Um mögliche, wenn auch seltene Impfnebenwirkungen genauestens zu überwachen, sollen behandelnde Ärzte und Ärztinnen ungewöhnliche Symptome, die nach einer Impfung auftreten, dem zuständigen Paul-Ehrlich-Institut (PEI) als Verdachtsfälle melden. Eine Analyse der Krankenkasse BKK Provita soll nun allerdings zeigen: Das PEI erfasst viel zu wenige Fälle von Impfnebenwirkungen.

Die Daten in dieser Analyse allerdings lassen diesen Vorwurf nicht zu: Sie sind allein deshalb schon nicht aussagekräftig, weil nicht unterschieden wird zwischen vorübergehenden Symptomen nach einer Impfung wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schmerzen an der Einstichstelle und tatsächlich schweren, anhaltenden Gesundheitsproblemen. Nur letztere fließen in die PEI-Daten ein. Wegen eines Briefes des mittlerweile entlassenen Vorstands Andreas Schöfbeck an den Präsidenten des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, vom 21. Februar 2022 ist die BKK Provita jüngst in die Schlagzeilen geraten.

Wie kommt die BKK Provita zu ihrer Behauptung?

Grundlage für die Auswertung seien die Abrechnungsdaten der Ärzte und Ärztinnen, heißt es von der Krankenkasse, bei der rund 125.000 Meschen versichert sind. Dazu hat die BKK Provita eigenen Angaben zufolge Daten für fast elf Millionen Versicherte aus dem Bestand der Betriebskrankenkassen ausgewertet – "für das erste Halbjahr 2021 und circa zur Hälfte für das dritte Quartal 2021", wie es in dem Schreiben an den PEI-Präsidenten Klaus Cichutek heißt.

Dabei will die BKK Provita die ICD-Klassifikationen, mit denen medizinische Diagnosen international einheitlich benannt werden, nach den Codes für sogenannte Impfreaktionen und -nebenwirkungen durchsucht haben. Diese ICD-Schlüssel dienen vor allem dem Zweck der Abrechnung ärztlicher Leistungen bei den Krankenkassen. Sie sind etwa auf Krankschreibungen zu finden.

Zur Art und Schwere der jeweiligen Beschwerden der Versicherten könne man nichts sagen, heißt es vom damaligen Vorstand Schöfbeck am 25. Februar gegenüber der "Welt"-Zeitung: "Klar ist nur: Es ist den Leuten so schlecht gegangen, dass sie zum Arzt gegangen sind."

Auf die Anfrage der Deutschen Presse-Agentur (dpa), wie gewährleistet worden sei, dass in der Berechnung nicht Symptome einer erwarteten Impfreaktion mit schwerwiegenden und meldepflichtigen Nebenwirkungen vermischt wurden, wollte die BKK Provita keine Stellung beziehen.

Welche Codes wurden untersucht – und was bedeuten sie?

Eigenen, von der Homepage mittlerweile entfernten Angaben zufolge hat die BKK Provita die Abrechungsdaten nach vier ICD-Schlüsseln durchsucht:

  • "T88.0": Dieser Code bezeichnet eine "Infektion nach Impfung". Wie das Bundesgesundheitsministerium (BMG) mitteilt, wird der Schlüssel von Ärzten und Ärztinnen vergeben, falls zum Beispiel nach der Impfung eine Entzündung auftritt, etwa wenn über die Einstichstelle Erreger in den Körper gelangen.
  • "T88.1": Unter dieses Kürzel fallen "sonstige Komplikationen nach Impfung", die nicht einem anderen Code zuzuordnen sind. Dem BMG zufolge wird "T88.1" verzeichnet, wenn etwa die Einstichstelle rot oder geschwollen ist oder Hautausschlag auftritt.
  • "Y59.9": Unter der Rubrik "Komplikationen durch Impfstoffe oder biologisch aktive Substanzen" werden laut BMG unerwartete Ereignisse gelistet, die durch einen bestimmten Stoff ausgelöst werden. "So ein Stoff kann zum Beispiel ein Impfstoff sein", heißt es. Muss es aber nicht.
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Diese drei ICD-Codes umfassen nicht allein Covid-Impfungen, sondern können genauso bei Impfreaktionen nach einer Tetanus- oder Hepatitis-Spritze vergeben werden. Nur der vierte Schlüssel, den die BKK Provita auswertete, ist corona-spezifisch:

  • "U12.9": Dieser Code bezeichnet "unerwünschte Nebenwirkungen bei der Anwendung von Covid-19-Impfstoffen", die nicht näher bezeichnet werden. Vergeben wird der Schlüssel bei Beschwerden wie Schmerzen oder Rötungen an der Impfstelle, Fieber, Ausschlag, Durchfall, Gliederschmerzen oder eine Schwellung der Lymphknoten, wie das BMG schreibt. Demnach verwenden Ärzte diesen Code neben leichten Symptomen auch für schwerere, nicht beabsichtigte Wirkungen wie Lähmungen im Gesicht oder Entzündungen am Herzen. Was lautet das Ergebnis der BKK-Provita-Analyse?

Die Krankenkasse geht in ihrem Brief an das PEI davon aus, dass nach Auszählung der vier ICD-Codes in ihrer Stichprobe 216.695 Nebenwirkungen nach einer Corona-Impfung aufgetreten seien. Diese Daten werden auf die ganze deutsche Bevölkerung und das Gesamtjahr 2021 hochgerechnet. Die BKK Provita kommt zu folgendem Schluss:

"Vermutlich" seien 2,5 bis 3 Millionen Menschen wegen Impfnebenwirkungen "in ärztlicher Behandlung gewesen". Angeblich haben sich vier bis fünf Prozent der Corona-Geimpften in Deutschland deswegen beim Arzt vorgestellt. Die BKK Provita leitet mit Blick auf die Daten des PEI ab, dass es "eine sehr erhebliche Untererfassung von Verdachtsfällen für Impfnebenwirkungen" gebe.

Welche offiziellen Angaben macht das Paul-Ehrlich-Institut?

Dem PEI werden von Ärzten Verdachtsfälle von Nebenwirkungen oder Impfkomplikationen gemeldet, die in einem zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung stehen. Das heißt aber nicht, dass in den PEI-Daten eine Impfung tatsächlich die Ursache für die Symptome sein muss.

In seinem Sicherheitsbericht über den Zeitraum zwischen dem Beginn der Impfungen in Deutschland am 27. Dezember 2020 und 31. Dezember 2021 schreibt das Institut: Insgesamt seien 244.576 Verdachtsfälle einer Nebenwirkung nach der Impfung mit einem der seinerzeit vier zugelassenen Corona-Mittel gemeldet. "In 29.786 Verdachtsfällen wurden schwerwiegende unerwünschte Reaktionen gemeldet", so das PEI.

Zum Vergleich: Nach Angaben des Robert Koch-Insituts wurden in diesem Zeitraum rund 150 Millionen Impfungen verabreicht. Im Verhältnis bedeutet das: Bei 1000 Impfdosen wurden dem PEI zufolge insgesamt 1,64 Verdachtsfälle gemeldet. Für schwerwiegende Reaktionen lag die Quote bei 0,20 Meldungen pro 1.000 Impfdosen.

Zu den Daten der BKK Provita teilt das PEI der dpa am 25. Februar 2022 mit, "bislang keinen Zugang zu den Originaldaten" erhalten zu haben. Außerdem lägen keine Informationen zur Auswertungsmethode vor, daher sei aktuell keine Beurteilung der BKK-ProVita-Daten möglich. "Darüber hinaus ist aus dem Schreiben nicht zu entnehmen, ob tatsächlich ein ursächlicher Zusammenhang mit der Impfung festgestellt worden ist", heißt es über den Brief.

Auch der dpa wollte die BKK Provita keine weiteren Informationen etwa über die Methodik oder Herkunft der Versichertendaten mitteilen.

Warum sind die Zahlen so unterschiedlich?

In die Abrechnungen der Ärzte und Ärztinnen bei den Krankenkassen fließen auch solche Krankheitsbilder ein, die im Sinne des Arzneimittelgesetzes nicht zu den schwerwiegenden Impfreaktionen gehören – und daher auch nicht an das PEI gemeldet werden müssen. Zwar können auch milde Reaktionen lästig sein, unerwartet oder gar gefährlich sind sie aber nicht.

Im Infektionsschutzgesetz heißt es in Paragraf 6, meldepflichtig ist "der Verdacht einer über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung". Lokale, vorübergehende und allgemeine Reaktionen, die beispielsweise auch schon bei klinischen Prüfungen der Impfstoffe festgestellt wurden, sind nach PEI-Angaben "nicht meldepflichtig". Auch das RKI erläutert diese Unterscheidung.

Ärzte und Ärztinnen wiederum müssen auf ihren Abrechnungen ICD-Codes vergeben. Wer sich zum Beispiel nach einer Impfung zu schlapp fühlt, um arbeiten zu gehen, konsultiert den Arzt für eine Krankschreibung. Dazu müssen die Patienten aber nicht unbedingt behandelt werden. Ein ICD-Schlüssel wird aber dennoch vergeben, wie etwa ein Mediziner aus Neu-Ulm ausführlich auf Twitter erläutert.

Die BKK-Provita-Analyse zeigt also lediglich, dass die bekannten und zu erwartenden Impfreaktionen tatsächlich auftreten. Schlüsse auf möglicherweise bislang unerkannte Nebenwirkungen sind daraus aber nicht zu ziehen.

Was sagen andere Experten zur BKK-Provita-Analyse?

Das Dachverband der Berufskrankenkassen (BKK), die zentrale Organisation der betrieblichen Krankenversicherungen, distanziert sich öffentlich, aber nur wortkarg mit dem Schreiben eines seiner mehr als fünf Dutzend Mitglieder: "Wir teilen mit, dass die Daten nicht wie gemeldet vom BKK Dachverband stammen", heißt es auf Twitter. Inhaltlich wird keine Stellung bezogen.

Harte Kritik an der BKK-Provita-Berechnung kommt unter anderem vom Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte Deutschlands (Virchowbund). Der Bundesvorsitzende Dirk Heinrich nennt die Schlussfolgerungen der Krankenkasse in einer Stellungnahme "kompletten Unfug". Diese vermische zwei völlig unterschiedliche Bereiche: die ärztliche Diagnose-Codierung mit ICD-Codes und die Meldung an das PEI.

Der Virchowbund weist daraufhin, dass der ICD-Code "U12.9" für unerwünschte, nicht näher bezeichnete Nebenwirkungen die gesamte Bandbreite erwartbarer, milder und vorübergehender Folgen einer Impfung umfasse. Erst bei dem Verdacht auf Nebenwirkungen, die über das übliche Maß hinausgehen, müssten Ärzte diese an das PEI melden.

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums erläutert am 28. Februar zur Analyse der Krankenkasse: Die BKK Provita habe alle Meldungen der Ärzte erfasst – etwa auch wenn sich Menschen schlapp gefühlt hätten und nicht zur Arbeit gegangen seien. "Das entspricht aber nicht der Definition von Impfreaktionen", so der Sprecher.

Worum handelt es sich eigentlich bei der BKK Provita?

Virchowbund-Chef Heinrich wirft der Krankenkasse "undifferenzierte Schwurbelei" vor. Diese passe "ganz offensichtlich in das Markenimage der Kasse, die mit Homöopathie und Osteopathie als Satzungsleistungen wirbt." Er unterstellt, die BKK Provita wolle vor allem Werbung bei der impfkritischen Klientel machen.

Die BKK Provita schreibt über die eigenen Werte: "Unser Gesundheitsverständnis ist von der Überzeugung geprägt, dass die persönliche Gesundheit und die Gesundheit unseres Planeten untrennbar verbunden sind." Die Krankenkasse befasse sich mit "Zusammenhängen zwischen der menschlichen Gesundheit und den politischen, ökonomischen, sozialen und natürlichen Systemen unseres Planeten; also allem, was uns umgibt".

Am 1. März 2022 trennte sich die BKK Provita "mit sofortiger Wirkung" von Vorstand Schöfbeck. Noch Anfang 2021 hatte dieser im Vorwort des Sachbuches eines Impfskeptikers infrage gestellt, ob es ausreichend Studien zu Wirksamkeit und zu Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe gebe. Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna waren nach ausführlicher wissenschaftlicher Prüfung am 21. Dezember 2020 beziehungsweise 6. Januar 2021 in der EU zugelassen worden.

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