Ernährungsexperte im Interview Warum es uns davor graust, Insekten zu essen

Lecker gegrillte Heuschrecken auf den Tortilla-Wrap? So ganz wohl ist Max bei dem Gedanken noch nicht – und Ernährungsexperte Dr. Gunther Hirschfelder weiß auch, warum. (Archivbild) Foto: Jair Cabrera/dpa, Collage: idowa

Für die "idowa Bucketlist 2022" hat sich unser Autor Maximilian Falk vorgenommen, kulinarisch mal etwas zu wagen und Insekten zu essen. Das Krabbelgetier ist proteinreich, umweltverträglich herzustellen und angeblich sogar ganz lecker – so richtig wohl ist ihm trotzdem nicht bei dem Gedanken. Woran liegt das? Ein Experte gibt Antworten.

Wie es Max bei seinem kulinarischen Selbstversuch ergangen ist, sehen Sie hier in Teil 2 unserer Reihe "idowa Bucketlist 2022": Wie es ist, Insekten zu kochen und zu essen

Prof. Dr. Gunther Hirschfelder ist seit 2010 Professor für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg. Er lehrt und forscht dort vor allem zu den Themen Ernährung und Landwirtschaft aus kultureller sowie historischer Sicht. Wenn es um die Beziehung zwischen Mensch und Lebensmitteln geht, ist er ein gefragter Experte und auch immer wieder mal im Fernsehen in Sendungen wie "Galileo" auf Pro7 oder verschiedenen Dokumentationen in ARD und ZDF zu sehen. Wenn also einer weiß, warum es mich beim Gedanken an Heuschrecken in meinem Mund gruselt, dann er.

Herr Dr. Hirschfelder – woran liegt es, dass Insekten als Nahrungsmittel hier im „Westen“ ungewöhnlich oder teilweise sogar verpöhnt sind?

Dr. Gunther Hirschfelder: Wir hatten in Europa immer genügend andere Proteinquellen, was beispielsweise im südlichen Afrika nie der Fall war und auch noch längst nicht ist. In Wüstenregionen etwa kommen Insekten einfach auch verstärkt vor und es gibt oftmals keine anderen Proteinquellen.

Im Paläolithikum, also in der Steinzeit, hatten wir wahrscheinlich auch in unseren Breitengraden Insekten auf dem Speiseplan. Aber seitdem wir gelernt haben, durch Jagd und Viehzucht andere Proteinquellen zu erschließen, ist es schlicht zu aufwändig geworden, bei uns Insekten in der Natur aufzusammeln – schließlich kann man ja auch ein größeres Tier fangen, um den Eiweiß- und Fettbedarf zu decken.

"Geschmack ist kulturell gelernt"

Gut, aber das Paläolithikum ist ja nun lange her und heute fängt auch kaum jemand mehr größere Tiere…

Hirschfelder: Das ist natürlich nur die Entwicklung über längere Zeiträume, relativ kurzfristig gibt es da aber auch die „Ekel-Schranke“: Geschmack ist kulturell gelernt und emotional aufgeladen. Im Laufe unserer Sozialisation lernen wir, uns vor bestimmten Dingen zu ekeln und sie als unangenehm zu empfinden.

Neben Insekten sehen wir das in Europa besonders bei Hund, Katze oder Pferd. Hunde wurden auch bei uns noch sehr lange gegessen und werden es in anderen Ländern immer noch, nur mittlerweile ist dieses Tier für uns hier im Westen emotional eben anders belegt als früher – das ist aber ausschließlich anerzogen.

Das heißt also, die emotionale Komponente beim Essen spielt heute die größte Rolle?

Hirschfelder: Genau. Das, was wir essen, verleiben wir unserem Körper buchstäblich ein – und wir können uns da selbst kaum revolutionieren, weil wir Essen vielfach auch als emotionalen Anker brauchen. Ich habe hier grade ein Schinkenbrot liegen, für mich ein tolles Zwischendurch-Essen an einem stressigen Tag, aber auf Insekten hätte ich jetzt heute keine Lust…

Ich kann das gut verstehen, beim Gedanken ans Insekten-Essen schaudert mich aktuell auch noch ein bisschen.

Hirschfelder: Das ist nachvollziehbar, denn Insekten sind in Europa durchaus auch mit Narrativen, also mit Themenfeldern verbunden: Wir lernen früh in der Kindheit, dass sie irgendwie unheimlich und auch eklig sind. Würden wir Insekten schon früher auch als Lebensmittel kennenlernen, wäre die Hemmschwelle wohl nicht so hoch.

"Chancen für Insekten als Futtermittel"

Gibt es denn konkrete Vorteile, den der Konsum von Insekten auch den Menschen hier im „Westen“ böte?

Hirschfelder: Das liegt auf der Hand – Insekten sind in der Herstellung schlicht effizienter als unsere gängigen Zucht-Tiere. Bei den für den Nahrungskreislauf gedachten Insekten, die beispielsweise an einer Uni in den Niederlanden gezüchtet werden, braucht man etwa zwei Kilo Getreide oder vergleichbares Futtermittel, um ein Kilo Insektenfleisch zu erzeugen – das ist ein weit besserer Schnitt, als wir ihn bei Schweinen, Kühen oder selbst Fischen haben.

Langfristig sehe ich bei der Insekten-Zucht die Chancen aber eher darin, dass wir sie beispielsweise als Futtermittel für Geflügel oder Fische verwenden. Davon abgesehen werden Insekten in Form von Burger-Patties oder Ähnlichem aber wohl eher ein interessantes „Gimmick“ oder Event-Food bleiben, glaube ich.

"Wir leben hier in einer gewachsenen Kulturlandschaft"

Es gibt aber nun auch Experten, die sagen, dass die klimaschädlichen CO2-Emissionen unserer Fleischproduktion deutlich reduziert werden könnten, wenn wir uns in Europa alle mal ein Herz fassen und mehr Insekten essen würden. Würden Sie dem zustimmen?

Hirschfelder: Im Konjunktiv würde ich auf jeden Fall zustimmen! Aber wir leben nun mal nicht im Konjunktiv, sondern in der Realität: In einer Demokratie kann jeder essen, was er will, und hier in Deutschland leben wir eben auch in einer gewachsenen Kulturlandschaft. Das bedeutet, dass unser System fein austariert ist zwischen Ackerbau, Gemüseanbau und Viehzucht – und es gibt schlicht keine rechtliche Grundlage dafür, das Fleisch aus dieser Gleichung zu streichen. Sicherlich werden wir es aber reduzieren und dazu auch eine andere Politik sehen in den nächsten Jahrzehnten.

Nun ja, aber geht die Veränderung der Produktion nicht zunächst vom Einkaufsverhalten der Konsumenten aus?

Hirschfelder: An sich ja – aber am Thema Fleisch sehen wir ganz deutlich, dass die Leute zwar drüber reden, aber letztendlich nichts tun. Wenn Sie sich heute durchs Internet klicken, bekommen Sie den Eindruck, dass kein Mensch mehr Fleisch isst und alle Veganer geworden sind – die faktischen Konsumzahlen sehen aber anders aus: Der Fleischkonsum pro Kopf und Jahr ist in Deutschland in den letzten drei Jahren gerade einmal von rund 61 auf etwa 58 Kilo gesunken, wobei auch das eher dem gesunkenen Konsum außer Haus in Gaststätten geschuldet ist.

"Essen ist emotional aufgeladen und kulturell verankert"

Sie sehen also nicht wirklich die Chance, dass ich mit meinen Insekten zum Trendsetter werden könnte?

Hirschfelder: Wohl eher nicht, nein. Dafür ist Essen viel zu emotional aufgeladen und kulturell verankert. Unser Essverhalten ist eng verbunden mit unserer kulturellen Tradition und steckt voller eigentlich veralteter, überholter Vorstellungen und Werte. Das macht es fast unmöglich, dieses Essverhalten grundlegend zu revolutionieren. Sicherlich gibt es urbane, aufgeschlossene Gesellschaftsschichten, die so etwas eine Weile durchziehen könnten – aber für die Masse der Bevölkerung sehe ich das überhaupt nicht, da fehlt allein schon die Bereitschaft zur Veränderung im Allgemeinen.

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