Ein Erfahrungsbericht Warum ist die Welt völlig von der Rolle?

Jeder nur eine Packung! Offenbar gar nicht so leicht in diesen Tagen. Denn die Corona-Krise brachte automatisch auch die Klopapier-Krise mit sich. (Symbolbild) Foto: Rene Traut, dpa

Die Welt ist völlig von der Rolle. Buchstäblich. Denn mit der Corona-Pandemie hat gleichzeitig auch die erbitterte Schlacht in den Supermärkten ums Klopapier begonnen. Dabei werden mitunter alle Register gezogen. In diesen Tagen wird deutlich, warum es zunehmend schwerer wird, Verständnis für das Verhalten mancher Menschen aufzubringen. Ein Erfahrungsbericht.

„Hamsterkäufe“ - ein Begriff, der nach meinem Empfinden schon jetzt heißester Anwärter auf das Unwort des Jahres 2020 ist. Weltweit blanke Nerven in den Supermärkten und Drogerien. Man könnte meinen, das Ende aller Tage stünde bevor. Das ist freilich falsch. Doch selbst wenn dem so wäre: warum dann ausgerechnet Klopapier? Für den maximal sauberen Abgang? Niemand weiß es und doch gleichen sich die Bilder überall. Wo einst mal eine bunte Artenvielfalt an Toilettenpapier gestapelt war, herrscht heute gähnende Leere. Da waren die „Hamsterer“ wohl wieder schneller.

Eine Erfahrung, die derzeit viele am eigenen Leib machen müssen. Über eine Woche versuchte ich mein Glück auf der Jagd nach dem „Blattgold“. Erst noch sporadisch und tiefenentspannt, dann mit zunehmender Belustigung ob der Ausmaße. Erste Lektion: als nach wie vor arbeitender Mensch hat man nach Feierabend keine Chance mehr auf Klopapier. Egal, wie viele Lagen – alles landet von der Palette früh morgens direkt im Einkaufswagen. So stehe ich nachmittags nur mit leeren Händen und einem süffisanten Grinsen im Supermarkt da. Bei meinem Grinsen bleibt es nicht. Ich breche in schallendes Gelächter aus mit den Worten: „Was läuft mit der Menschheit eigentlich falsch?“

Der Moment, in dem eine Verkäuferin mich sieht. Sie entschuldigt sich bei mir für die leeren Regale. Mein Lachen verstummt. Ich entgegne ihr: „Dafür müssen Sie sich bestimmt nicht entschuldigen. Sie können ja nichts dafür.“ Die nette Verkäuferin bietet mir an, mir für den darauffolgenden Montag Klopapier zu reservieren. Ich denke mir zwar „So weit sind wir schon gekommen“, willige aber in das Geschäft ein. „Wie viele Packungen brauchen Sie denn?“, fragt mich die Verkäuferin zum Abschluss. Sichtlich erleichtert antworte ich ihr: „MIR reicht eine Packung. Vielen Dank.“

Wie ein Sechser im Lotto

Dann kommt der Montag, mein großer Tag. Heute gibt’s Klopapier für mich. Von wegen. Die Lieferung kam wider Erwarten nicht und ich werde auf den Folgetag vertröstet. Macht nix. Dienstag also. Neuer Tag, neues Glück. Ich betrete einmal mehr den Supermarkt meines Vertrauens. Ich kann das Gefühl kaum beschreiben, aber ich komme mir unweigerlich dämlich vor, als ich eine Verkäuferin, die gerade Regale sortiert, frage: „Entschuldigung. Für mich müsste eine Packung Klopapier reserviert sein?“ Wieder denke ich mir: „Was mache ich da eigentlich?“ Doch die „Hamsterer“ lassen mir keine andere Wahl. Die Verkäuferin blickt mich an und stellt mir eine Frage, mit der ich in diesen verrückten Zeiten wahrlich nicht gerechnet hätte: „Das Blaue oder das Rote?“ Es gibt eine Auswahl. Ich bin fast überfordert, antworte aber freundlich: „Das ist mir egal.“

Als die Verkäuferin wenige Minuten später aus dem Lagerraum kommt, trägt sie es auf Händen: mein Klopapier. Ich hoffe schon fast auf eine feierliche Zeremonie im Moment der Übergabe, doch die Fanfaren bleiben aus. Stattdessen recke ich den „Papier-Pokal“ in die Höhe und rufe: „Jackpot! Ich hab’ im Lotto gewonnen.“ Doch wie das so ist mit Gewinnern, ruft das sofort die Neider auf den Plan. Ich merke, wie ich von anderen Supermarkt-Kunden plötzlich mit Argusaugen beobachtet werde. Hinter meinem Rücken tuscheln die Leute: „Er hat Klopapier.“ Ich fühle mich fast dazu genötigt, mich in den Staub zu werfen, das Klopapier von mir zu stoßen und zu rufen: „Ich bin unwürdig!“ Schließlich entscheide ich mich aber doch dagegen – immer schön sauber bleiben.

Mit allen Wassern gewaschen

Doch an der Kasse wartet auch schon die nächste Begegnung der dritten Art auf mich. Eine Frau mittleren Alters spricht mich an: „Sie haben Klopapier! Wo haben Sie das denn her?“ Mit einem Schmunzeln antworte ich ihr: „Das hab’ ich schon vor einigen Tagen extra reserviert.“ Und dann greift die Frau tief in die Trickkiste. Sie schaut mich mit einem Hundeblick an und sagt: „Schade. Mein alter und alleinstehender Nachbar hat nämlich kein Klopapier mehr und ich musste ihm meins geben.“ Jetzt ist sogar ihr neben ihr stehender Sohn verwirrt. Als wollte er sie mit seinen Augen ungläubig fragen: „Welcher alte und alleinstehende Nachbar?“ Ich bleibe daher hartnäckig und verlasse den Supermarkt mit meiner neuen Errungenschaft.

Und die Moral von der Geschicht’? Selbstredend leben wir aktuell in schwierigen Zeiten. Doch genau das erfordert nicht nur ein Umdenken aller, sondern auch ein gewisses Maß an Selbstdisziplin. Ich bin überzeugt: Würde jeder nur das kaufen, was er tatsächlich benötigt, dann hätten wir alle in diesen Tagen zumindest ein Problem weniger.

Weitere Artikel

 

idowa-Newsletter kostenlos abonnieren

E-Mail-Adresse:
 
 
 

3 Kommentare

Kommentieren

null

loading