Bundesliga Ziemer: 1. FC Nürnberg "momentan näher an der 3. Liga"

Thomas Ziemer war in Vilzing zu Gast. Foto: Bastian Häns

Thomas Ziemer war am Samstag zu Gast beim Bayernliga-Spiel der DJK Vilzing gegen die zweite Mannschaft des TSV 1860 München, um für den Bananenflanker Legendentag am 15. Juni Werbung zu machen. Der ehemalige Offensivspieler, der für den Club insgesamt 58 Pflichtspiele in der 1. und 2. Liga, sowie drei Spiele im DfB-Pokal bestritten hatte, kam nicht daran vorbei, auch die Lage bei seinem Ex-Verein anzusprechen. Im Interview spricht er deutlich die Fehler des "Clubs" an und erzählt, was den FCN zu seiner Zeit ausgemacht hat.

Herr Ziemer, wie beurteilen Sie die sportliche Lage beim 1. FC Nürnberg?
Thomas Ziemer: Ich denke, dass der 1. FC Nürnberg im Moment näher an der 3. Liga ist, als an der Bundesliga. Es geht wirklich drunter und drüber. Sportlich ist man fast abgestiegen, denn man hat noch ein sehr hartes Restprogramm (Leverkusen, Bayern, Wolfsburg, Gladbach, Freiburg, Anm. d. Red.). Das ist ein Vakuum, das dort geherrscht hat – gerade in der wichtigen Phase nach der Entlassung von Michael Köllner. Jetzt haben sie einen neuen Sportvorstand geholt, das muss man abwarten. Grundsätzlich liegt auch im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) vieles im Argen. Es wird spannend, ich habe gewisse Zweifel, dass alles in die richtigen Bahnen läuft.

Was genau läuft im NLZ falsch?
Ziemer: Das sind einfach noch Hinterlassenschaften von Michael Köllner, der hatte damals die absolute Macht. Er hat seine Bekannten eingestellt, angefangen vom NLZ-Leiter über den U21- oder den U17-Trainer. Es muss alles umgedreht werden. In Nürnberg haben wir durch die Tradition viele, die in Frage kommen würden – mit dem Fußballlehrer, oder der A-Lizenz. Der neunköpfige Aufsichtsrat will natürlich auch keine Macht abgeben. Die Struktur beim Club ist das große Problem.

Würden Sie sagen, dass die Mannschaft das Potenzial für die Bundesliga hat?
Ziemer: Nein. Wenn man die Transfers im Winter ansieht – man hat Ivo Ilicevic geholt, am letzten Tag der Transferperiode, mit 32 Jahren, zuletzt in Kasachstan gespielt – würde die Mannschaft auch gegen Vilzing wahrscheinlich Unentschieden spielen. Es waren so viele Spieler am Markt, die man bekommen hätte können. Alex Meier wäre mit Sicherheit lieber in die Bundesliga  zum 1. FC Nürnberg als zum FC St. Pauli gegangen. Da gibt es genügend Beispiele. Ich sehe die Mannschaft nicht konkurrenzfähig in der Liga. Es muss über den Kampf gehen und das ist das große Problem.

Wird es also Zeit für einen Umbruch?
Ziemer: Es muss ein großer Umbruch kommen. Es ist immer lustig von Aussagen von Spielern zu lesen, deren Vertrag ausläuft. ‚Ich gehe mit in die zweite Liga‘ sagen sie, obwohl man den eigentlich nicht einmal in der 2. Liga brauchen kann. Neben der Qualität ist der Kader mit 29 Mann auch zu groß. Wieso nehme ich nicht 24 Spieler und hole mir noch zwei Spieler von den Amateuren mit dazu? Das Geld für die übrigen Spieler kann man auch in das NLZ stecken.

Was lief sportlich falsch?
Ziemer: Bei Michael Köllner haben Spieler, die die Woche zuvor noch auf der Tribüne gesessen sind, im nächsten Spiel dann auf einmal gespielt. Dann hat man keine Hierarchie in der Mannschaft. Mit einer geschlossenen Mannschaft kann man viel erreichen – egal ob das in der Kreisliga oder in der Bundesliga ist. Mit Leidenschaft und Einsatzwille musst du nicht die guten Fußballer haben.

Denken Sie, dass Michael Köllner zu spät entlassen wurde?
Ziemer: Ja, ich denke der Zeitpunkt war zu spät. Ich mag den Michi, kenne ihn gut und er hat Tolles erreicht mit dem Verein, aber zum Winter hin hätte er erkennen müssen, dass etwas schiefläuft.

Wie sehen Sie die aktuelle Konstellation im Trainerteam?
Ziemer: Boris Schommers war halt der Co-Trainer von Köllner und der Marek Mintal ist noch dabei. Ich weiß nicht, ob das funktioniert.

Denken Sie also, dass sich da nicht so viel geändert hat?
Ziemer: Ich habe gehört, es hat sich nicht viel verändert. Sie spielen jetzt ordentlich, schauen, dass sie hinten gut stehen und damit holst du auch deine Punkte. Da geht es nur über Kampf und Leidenschaft und du brauchst Glück. Aber es kommt jetzt ein Programm, bei dem du wahrscheinlich eher nichts holen wirst. Es ist eh der Wahnsinn, dass du immer noch um die Musik mitspielst. Sie können das immer noch schaffen, mit so wenig Punkten - das ist schon ein glücklicher Zufall.

Was hat denn den Verein zu ihrer Zeit ausgemacht?
Ziemer: Wir waren ein verschworener Haufen und hatten natürlich auch super Trainer. Felix Magath, Klaus Augenthaler, Friedel Rausch – da bist du dann auch zwei Mal aufgestiegen. Wir hatten aber auch in der 1. Liga die Leute, die den Unterschied ausgemacht haben, wie Sasa Ciric oder Pavel Kuka, Frank Baumann, Michael Wiesinger – die fehlen halt jetzt. Klar, Erfolg schweißt immer zusammen, aber wir sind auch mal einen trinken gegangen, obwohl wir verloren haben. Dann haben wir halt in der nächsten Woche wieder gewonnen. Das geht in der heutigen Zeit wegen den Medien auch nicht mehr, aber wenn du eine Mannschaft bist, findest du immer ein Schlupfloch.

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