Idowa-Adventskalender (2) Borderline: "Die Wut gegen sich selbst"

Lisa B. sitzt auf einer Bank in Mainkofen. Regelmäßig ist sie im Bezirksklinikum wegen der Borderline-Persönlichkeitsstörung in Behandlung. Foto: privat

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Sie trinkt bis zum Umfallen. Sie schneidet sich mit einem Messer. Sie hat Selbstmordgedanken, weil sie wütend ist. Auf sich selbst. Lisa B. hat Borderline. Über den Umgang mit einer tückischen Krankheit und den Wunsch, endlich ein ganz gewöhnliches Leben zu führen.

„Ich hatte eine schöne Kindheit, bei uns lief eigentlich alles völlig normal ab“, sagt Lisa B. (Name von der Redaktion geändert). Die heute 26-Jährige ist behütet in Regen im Bayerischen Wald aufgewachsen. Die Eltern verheiratet, sie hat noch zwei jüngere Geschwister, eine Schwester und einen Bruder. „Die Beziehung zu meinen Eltern war immer sehr liebevoll“, sagt Lisa. Zu ihren Großeltern hat Lisa noch heute ein sehr inniges Verhältnis. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich mal ein so kompliziertes Leben führen werde“, sagt Lisa.

Lisa ist aufgrund ihrer Krankheit, der Borderline-Persönlichkeitsstörung, arbeitsunfähig. Sie lebt allein, in einer Drei-Zimmer-Mietwohnung in Regen. Wie ihre Tage so aussehen, was sie so macht den ganzen Tag, hängt einzig und allein von ihrer Stimmungslage ab, die krankheitsbedingt stark schwanken kann.

„Leben zwischen Extremen“

„Es ist ein Leben zwischen zwei Extremen“, sagt Lisa. An guten Tagen steht sie früh auf, nimmt die Medikamente, die ihr verschrieben wurden, auf die sie eingestellt ist. „Ich mache Erledigungen, gehe einkaufen und kümmere mich um den Haushalt. Einmal in der Woche putze ich die Wohnung eines älteren Herrn, der alleine lebt.“ Lisa ist an solchen Tagen zuverlässig, hält Verabredungen ein, besucht zum Beispiel ihre Großeltern.

An schlechten Tagen aber ist Lisa wie ausgewechselt. Sie schafft es weder aus dem Bett, noch nimmt sie ihre Medikamente. Die Krankheit übernimmt. Lisa spürt Wut, spürt den Drang, sich zu verletzen. Sie greift in den Nachttisch, wo ein Teppichmesser nur auf Momente wie diese wartet. Damit schneidet sie sich in den Unterarm, ein paar Mal setzt sie an. Lisa wird noch wütender, greift zur Flasche. Je betrunkener, umso wütender. Ein Teufelskreis. Dann kommt der nächste Schnitt. „Mir geht es phasenweise so richtig schlecht. Zweimal in der Woche lasse ich mich in eine Klinik bringen, jeweils für eine Nacht. Bei der Einweisung bin ich oft komplett betrunken, stürze richtig ab.“

Aus klinischer Sicht gehören Selbstverletzungen und Suizidversuche zu den schlimmsten Symptomen, sagt Prof. Dr. Monika Sommer, Psychotherapeutin und Leitende Psychologin am Bezirksklinikum Regensburg. „Die Emotionsregulation dieser Patienten ist oft defizitär, sodass sie immer wieder in die sogenannten Hochspannungszustände kommen und sich in der Folge immer wieder verletzen.“ Das wiederum könne auch die Gefahr von Sekundärerkrankungen erhöhen. In Lisas Fall besteht die Gefahr einer Alkoholsucht.

Mit zwölf das erste Mal geritzt

An die Anfänge ihrer Krankheit kann sich Lisa noch gut erinnern. Als Erwachsene hat sie bereits in vielen psychologischen Gesprächen darüber gesprochen. „Ich muss ungefähr zwölf gewesen sein, als ich mich das erste Mal geritzt habe“, sagt Lisa. Die Ärzte vermuten, dass Lisa zu diesem Zeitpunkt bereits erkrankt war, also das Ritzen nicht „nur“ ausprobieren wollte. „Mir war bewusst, dass etwas mit mir nicht stimmt, ich wollte mich aber niemandem anvertrauen.“ Fast ihr komplettes Leben als Jugendliche spricht Lisa weder mit ihrer Familie noch mit Freunden über ihre Sorgen oder Ängste. Sie zieht sich zurück, lässt niemanden an sich ran.

„Nach dem Ritzen habe ich einfach langärmelige Klamotten angezogen, damit niemand die Wunden an den Armen sieht“, sagt Lisa. Die Schnitte seien aber immer „nur“ oberflächlich gewesen. „Ich musste nie genäht werden.“

Irgendwann jedoch geht es Lisa zunehmend schlechter. Sie will nicht mehr leben, sieht keinen Ausweg mehr. Mit 19 versucht sie, sich umzubringen. An die genauen Umstände oder einen konkreten Grund kann sich Lisa aber nicht mehr erinnern. Ihre Mutter und ihre Schwester haben Lisa damals gefunden. Sie lag bewusstlos in ihrem Zimmer, am Boden neben ihr Alkohol und Tabletten. Der Suizidversuch bringt Lisa erst auf die Intensivstation, dann für längere Zeit ins Bezirksklinikum Mainkofen. Dort bekommt sie die Diagnose Borderline.

Mobbing und Missbrauch

Nach der Diagnose fühlt sich Lisa erleichtert. Endlich hat sie eine Erklärung für ihr Verhalten, die Stimmungsschwankungen, die Angst sich jemandem anzuvertrauen. „Die Diagnose hat mich aber auch überfordert, ich konnte am Anfang einfach nichts damit anfangen.“ Erst mit der Zeit fängt Lisa an die Krankheit zu akzeptieren, mit ihr umzugehen, so gut es geht. „Das ist aber ein Prozess, der bis heute andauert.“

Borderline braucht keinen konkreten Auslöser. Man wird auch nicht über Nacht krank wie bei einer Erkältung. „Es ist eine Entwicklung in einem schwierigen sozialen Umfeld, die Jahre dauern kann“, sagt Psychotherapeutin Sommer. „Es sind meist Erlebnisse in der Kindheit oder Jugend, die den Grundstein für Borderline legen.“

„Jahrelanges Mobbing in der Schule hat mich damals krankgemacht“, sagt Lisa. Ihrer Mama vertraut sich Lisa schließlich an, sagt ihr, dass sie gemobbt wird. Das erste Mal Ritzen verschweigt Lisa aber. Nach ihrer Schulzeit fängt Lisa eine Ausbildung an. „Da ist es mit dem Mobbing aber auch nicht besser geworden“, sagt Lisa. Die Anforderungen ihrer Chefin kann sie so gut wie nie erfüllen. „Egal wie viel Mühe ich mir gegeben habe, ich konnte es niemandem recht machen.“ Mit diesem Bewusstsein ist Lisa erwachsen geworden.

Als Lisa einen schweren Unfall hatte - sie wurde in Regen von einem Auto angefahren - soll ihre Chefin am Telefon kein Mitgefühl gezeigt haben. „Passt schon, tschüss“ war alles, was sie gesagt hat, erzählt Lisa. Dann habe sie aufgelegt. Da wusste Lisa, dass sie weder vom Arbeitsleben überfordert noch überempfindlich war. „Das war Mobbing.“ Die Reaktion ihrer Chefin lässt Lisa die Ausbildung hinschmeißen. „Ich habe es da einfach nicht mehr ausgehalten“, sagt Lisa. Von da an bekam sie Hartz 4, geregelt von einem gesetzlichen Betreuer, der ihr über das BKH Mainkofen gestellt wurde. Seit letztem Jahr bekommt sie Erwerbsminderungsrente.

Selbstbestrafung aus Scham

Während der Schulzeit wird Lisa vom eigenen Freund missbraucht, erzählt sie. Monika Sommer erklärt: „Wenn innerhalb eines schwierigen sozialen Umfeldes ein Trauma hinzukommt oder ein schlimmer Verlust, kann sich die Entwicklung der Krankheit beschleunigen.“ Auch Lisa ist sich sicher, dass es seit dem Missbrauch viel schneller und häufiger für sie bergab geht. Bis heute hat die 26-Jährige Flashbacks und Albträume. Den Missbrauch selbst hat sie jahrelang für sich behalten. Sie hat sich geschämt.

„Wenn ich an den Missbrauch denke, staut sich ein innerer Druck an. Ich habe so viele Aggressionen, die ich gegen mich selbst richte und mich verletze.“ Sie selbst will den Schmerz spüren. Sich bestrafen. Dafür, dass sie sich nicht gewehrt hat, nicht stark genug war. Sie ist jedes Mal aufs Neue wütend auf sich selbst, nicht auf ihren Ex-Freund, ihre Mitschüler oder ihre Chefin. „Die Wut gegen mich selbst ist die extremste Emotion, die ich fühle.“

Skills sind „Schmerzersatz“

Beim akuten Verlangen sich selbst zu verletzen, verwendet Lisa heute Skills, also Fertigkeiten gegen die akute Symptomatik. „Was mir hilft ist Finalgon-Salbe. Das ist eine Wärmecreme, die ich auf den Arm auftrage und dann einen Verband drumherum wickle. Darunter wird es dann richtig heiß. Das ist mein Schmerzersatz.“

Weitere Skills, die Lisa schon ausprobiert hat, sind Wechselduschen und Ammoniakampullen bei Flashbacks. Auch effektiv seien vergleichsweise einfache Methoden, wie zum Beispiel ein Gummiband ums Handgelenk zu schnippen oder Kieselsteine im Schuh. Für impulsive Typen eigne sich auch Sport, also sich richtig auspowern. „Wenn aber gar nichts mehr geht, kann mich nur das Ritzen befriedigen.“ Auf die Skills greift Lisa aktuell drei bis vier Mal täglich zurück. Sie helfen ihr. Nicht immer, aber sie helfen.

Zur Familie ist das Verhältnis aktuell schwierig. „Meine Mutter sagt, ich würde die Familie mit meiner Krankheit zerstören“, so Lisa. Deshalb bestehe der Kontakt auch nur sporadisch. „Das Verständnis für meine Situation fehlt einfach. Ich habe ja eine unsichtbare Krankheit, und nicht einfach nur ein gebrochenes Bein, das man sehen kann.“ Ihre Großeltern geben Lisa in guten Phasen aber einen gewissen Halt. „Krankheitsbedingt habe ich ein Problem mit Nähe und Vertrauen. Meine Oma gibt mir aber ein Gefühl von Stabilität, das Borderlinern ja meist fehlt.“

Für ihre Zukunft wünscht sich Lisa eine Partnerschaft, die ihr genau dieses Gefühl von Stabilität gibt. Lisas Partner sollte viel Verständnis für ihre Krankheit aufbringen können, am besten nicht selbst mental vorbelastet sein. „Ich hätte so gerne ein normales Leben, vielleicht auch irgendwann mal Kinder, aber mit einer Borderline-Störung ist das nicht so einfach. Ich weiß, ich muss dranbleiben.“

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