Kurzgeschichte
Schritt für Schritt: Der Weg zu mehr Selbstbewusstsein
Schaffe ich das? Kann ich das? Nein, das ist nichts. Nein, das wird nichts. Nein, ich muss es machen, es ist meine Arbeit. Mit zitterndem Zeigefinger tippe ich langsam die einzelnen Ziffern der Handynummer ein. Ich blicke kurz auf, nur um zu sehen, dass mir meine Kollegin einen genervten Blick zuwirft. Mir ist bewusst, dass ich ewig brauche, bis ich es schaffe, jemanden anzurufen. Mein Herz rast, als hätte ich einen 100-Meter-Sprint hinter mir.
Es läutet einige Male, ehe sich eine ruppige, männliche Stimme zu Wort meldet. Nach einer kurzen Begrüßung und Vorstellung meinerseits lege ich den Grund meines Anrufes offen: ein Zahlungsausstand. Vor lauter Nervosität bringe ich die Worte nur stotternd von meinen Lippen. Die Zunge bleibt mir wortwörtlich am Mundboden hängen. Die Antwort auf meine Nachfrage, wann mit einer Zahlung zu rechnen sei, fällt kurz aus: Er wird nicht zahlen, da er sich nicht im Unrecht sieht. Dann wird aufgelegt.
Ich komme gar nicht dazu, ihm die Konsequenzen bei Nichtzahlung aufzuzeigen. Bei uns in der Firma ist es üblich, zunächst anzurufen, ehe die Mahnung und im schlimmsten Fall das Vollstreckungsschreiben rausgehen.
„Na, das war aber erfolgreich“, schmunzelt meine Kollegin. Ich blicke kurz auf, nur um dann meinen Blick beschämt zu senken. Ich weiß, dass sich jemand anderes nicht so einfach hätte abwimmeln lassen. Aber wie kann ich mich selbstbewusst zeigen, wenn ich es überhaupt nicht bin? „Es wäre schön, wenn du genauso viel Einsatz zeigen könntest wie alle anderen hier. Es ist traurig, dass du immer am wenigsten zum Team beiträgst“, streut sie noch Salz in die Wunde.
Das ist der Schlüsselmoment, als ich beschließe: Es muss sich etwas ändern. Es macht „Klick“ in meinem Kopf, der Schalter ist umgelegt. Aber wie stelle ich es an, dass sich meine Lebenshaltung um 180 Grad ändert?
Das Erste, was ich nach der Arbeit erledige, ist, die örtliche Buchhandlung aufzusuchen. Ich stöbere das Regal mit Ratgebern über das Leben durch und werde tatsächlich fündig. Ratschläge für das tägliche Leben, Selbstbewusstsein entwickeln, Entscheidungen treffen, mit Überzeugung auftreten – das hört sich doch alles sehr vielversprechend an.
Zuhause angekommen, schlage ich das Buch auf und beginne gleich mit dem Lesen. Allerdings kann ich schon nach den ersten drei Kapiteln nichts mit dem Inhalt des Ratgebers anfangen. Damit flaut die erste Euphorie bereits ab. Aber ich darf nicht gleich aufgeben, es muss sich wirklich etwas ändern.
Damit fange ich an, auf YouTube nach „Wie wird man selbstbewusst?“ zu suchen. Nach ein paar Klicks finde ich ein Profil, das mich anspricht. Die Frau scheint mir ähnlich zu sein, ich kann mich mit ihr identifizieren. Voller Spannung sehe ich mir ein paar Videos an und kann mir vorstellen, davon einige Dinge umzusetzen. Einige Tipps werden auf eine To-do-Liste geschrieben, die ich in nächster Zeit abarbeiten möchte.
Am Freitag ist es so weit: Ich setze mich alleine in ein Restaurant. Es ist das erste Mal, dass ich außerhalb meiner Familie zum Essen gehe – und das auch noch allein. Im ersten Moment bin ich total angespannt, aber mit der Zeit lässt der innere Druck nach. Die Bestellung meistere ich ohne Stottern, es ziert sogar ein leichtes Lächeln meine Lippen. Auch sonst verläuft der weitere Abend ohne Zwischenfälle. Auf dem Heimweg freue ich mich so über meinen Erfolg, dass ich die nächsten Tage weiter die Punkte auf meiner Liste abhake.
Dazu zählt auch ein Anruf pro Tag, bis ich meine Aufregung vollends zur Seite gelegt habe. Ich rufe alte Bekannte an, bei denen ich mich schon länger nicht mehr gemeldet habe. Entgegen meiner Meinung, dass sie sich skeptisch zeigen könnten, waren alle erfreut, dass ich mal wieder von mir hören ließ. Das freut mich sehr, da ich mich selbst eher negativ sehe und für mich das Glas im Normalfall halb leer anstatt halb voll ist.
Außerdem melde ich mich zu einem Persönlichkeitstraining an. Eine Art Selbsthilfegruppe. Grundsätzlich wäre ich in einer solchen Gruppe untergegangen, allerdings hat die Kursleiterin nicht lockergelassen, bis ich meinen Panzer abgeworfen habe. Bei jedem Termin wurden meine Aussprache und meine Haltung sowie mein Auftreten gegenüber den anderen besser. Der Glaube an mich selbst lässt meine Schultern nach hinten ziehen und die Brust rausstrecken. Tatsächlich fange ich langsam an, an mich zu glauben. Ich kann mich ändern. Und ich werde mich noch weiter ändern.
Nach einigen Wochen fällt auch der Kollegin meine Veränderung auf. Zunächst wirft sie mir einen Blick zu, als könnte sie nicht glauben, dass ich soeben selbstbewusst und ohne Zögern einen Ausstand souverän eingefordert habe. Der erste überhaupt. Ein Erfolg.
Nach ein paar weiteren Anrufen, die ich ohne langes Überlegen getätigt habe, sieht sie mich an, als wäre ich ein Alien. „Was ist denn mit dir passiert?“, fragt sie neugierig und ein bisschen verwundert nach. „Ich trinke seit einer Woche meinen Kaffee schwarz“, erwidere ich völlig ruhig. „Was? Was ist denn das für eine Antwort?“, zeigt sie sich verärgert. Ich bin ihr keine Rechenschaft schuldig. „Die Antwort auf deine Frage“, gebe ich nicht nach.
Daraufhin wird auch die Beziehung zwischen ihr und mir besser. Ich habe endlich den Anstand und Respekt eingefordert, der mir zusteht. Zufrieden mit mir selbst arbeite ich weiter an mir. Es gibt noch einiges zu tun, damit ich mit mir selbst im Reinen bin. Es wird ein lebenslanger Prozess sein, der immer wieder Arbeit und Zeit erfordert. Aber das ist es mir wert, denn so, wie ich einmal war, so will ich nicht mehr sein.
Und ja, ich, Sabrina, habe es in kleinen Schritten geschafft, mein Leben lebenswert zu gestalten. Ich habe es geschafft.
4 einfache Tipps zu mehr Selbstbewusstsein
1. Rede mit dir selbst wie mit einem guten Freund
Viele sind zu sich selbst viel härter als zu anderen. Wenn etwas schiefläuft, kommen schnell Gedanken wie: „Ich kann das einfach nicht.“ Versuche stattdessen, mit dir selbst fairer umzugehen. Fehler gehören zum Leben dazu und sagen nichts darüber aus, wie viel du wert bist. Oft macht genau diese innere Haltung langfristig den größten Unterschied für echtes Selbstbewusstsein.
2. Verlasse immer wieder deine Komfortzone
Selbstbewusstsein entsteht selten über Nacht – meist wächst es durch Erfahrungen. Das können schon kleine Dinge sein: jemanden ansprechen, im Unterricht etwas sagen oder allein irgendwo hingehen. Anfangs fühlt sich das vielleicht ungewohnt an, aber genau dadurch merkst du mit der Zeit: „Ich kann mehr, als ich denke.“ Kleine mutige Momente zu sammeln, stärkt einen.
3. Vergleich dich online nicht ständig mit anderen
Auf Social Media wirken viele perfekt, erfolgreich oder selbstsicher. Dabei sieht man meist nur die besten Momente und nicht die Unsicherheiten. Wenn man sich ständig mit diesen perfekten Ausschnitten vergleicht, fühlt man sich schnell schlecht. Versuche, dich daran zu erinnern: Niemand hat sein Leben immer komplett im Griff – auch wenn es online manchmal so aussieht.
4. Achte auf deine Haltung und dein Auftreten
Oft beeinflusst dein Körper deine Gefühle stärker, als du vielleicht glaubst. Wenn du aufrecht gehst, Blickkontakt hältst und etwas ruhiger sprichst, wirkst du nicht nur selbstbewusster auf andere – du fühlst dich oft auch sicherer. Du musst dabei nicht laut oder besonders cool sein, es geht eher darum, dir selbst das Gefühl zu geben: „Ich werde in dieser Situation ernst genommen.“










