Psychologe Peter Vorderer

Social Media: Warum dein Dauerscrollen kein persönliches Versagen ist

Soziale Medien sind darauf ausgelegt, uns möglichst lange zu fesseln. Der Psychologe und Soziologe Peter Vorderer erklärt, warum wir so schwer aufhören können zu scrollen.

Das Smartphone hat oft einen magischen Sog.

Das Smartphone hat oft einen magischen Sog.

Was macht soziale Medien so anziehend für uns?

Prof. Dr. Peter Vorderer: Unternehmen investieren sehr viel Geld, um herauszufinden, was unsere Aufmerksamkeit fesselt. Besonders interessant finden wir Dinge, die neu oder unerwartet sind. Darauf reagiert unser Gehirn quasi automatisch. Dazu kommt die Bedeutung der Algorithmen. Diese beobachten nicht nur, was wir anklicken, sondern auch, wie lange wir uns die jeweiligen Inhalte anschauen. Dadurch lernen sie unsere Interessen immer besser kennen und schlagen uns genau die Inhalte weiter vor, die uns in der Vergangenheit offenbar so gut gefallen haben und deshalb auch in Zukunft ganz besonders ansprechen. Das Ziel besteht immer darin, dass wir möglichst viel Zeit auf den Plattformen verbringen.

Welche Absicht steckt dahinter?

Je mehr Zeit wir damit verbringen, desto mehr Daten können über uns gesammelt werden und desto genauer lassen sich die Inhalte und die unvermeidliche Werbung auf uns zuschneiden, womit diese freilich immer „unwiderstehlicher“ wird. Dabei sorgen die Plattformen dafür, dass die Inhalte weder unterfordernd (also langweilig) noch überfordernd sind. Sie wechseln zwischen Bekanntem und Neuem so ab, dass die Inhalte ausreichend neu, aber nicht zu neu und damit möglicherweise zu schwierig sind. Genau diese Mischung macht die Inhalte sozialer Medien so reizvoll für uns.

Was unterscheidet eine gesunde Mediennutzung von einer problematischen?

Ich würde eher von einer selbstbestimmten und einer weniger selbstbestimmten Nutzung sprechen. Problematisch wird es dann, wenn wir gar nicht mehr selbst entscheiden, ob wir uns mit den Inhalten beschäftigen wollen, sondern das Smartphone fast schon automatisch in die Hand nehmen und die Inhalte abrufen. Das ist übrigens kein vollständig neues Phänomen. Schon beim Fernsehen haben Studien in den 1980er-Jahren gezeigt, dass viele Menschen häufig lieber etwas anderes machen würden. Trotzdem schalteten sie immer wieder den Fernseher ein.

Wie ist es beim Smartphone?

Hier ist dieser Effekt sehr viel stärker, weil die Angebote viel individueller auf uns zugeschnitten sind. Menschen treffen, ich würde sagen, die meisten Entscheidungen im Alltag automatisch. Das spart Energie. Genau das nutzen digitale Plattformen aus. Wenn wir einmal angefangen haben zu scrollen, fällt es schwer, wieder aufzuhören.

Was raten Sie Menschen, die wieder mehr Kontrolle über ihre Handynutzung haben möchten?

Der erste Schritt ist, zu verstehen, warum Smartphones so schwer wegzulegen sind. Das ist kein persönliches Versagen. Die Plattformen sind genau darauf ausgelegt. Verbote halte ich nicht für einen vielversprechenden Weg. Sinnvoller scheint es mir zu sein, die eigenen Gewohnheiten zu überdenken und diese gegebenenfalls zu korrigieren, so schwer das auch fallen mag.

Haben Sie da Beispiele?

Für junge Menschen ist es ein großer Schritt, das Smartphone nicht mit ins Bett zu nehmen. Wer das Handy neben sich liegen hat, nutzt es oft bis kurz vor dem Einschlafen und greift auch nachts schnell wieder danach. Das ist häufig zur reinen Gewohnheit geworden. Hilfreich sind auch handyfreie Zeiten – morgens vor dem Frühstück, beim Essen mit der Familie oder abends nach dem Abendessen. Studien zeigen, dass sich dadurch der Schlaf verbessert und Menschen Gespräche oder Freizeitaktivitäten bewusster erleben. Schon die bloße Anwesenheit eines Smartphones kann etwas verändern. Jüngere Untersuchungen zeigen, dass Gespräche oft oberflächlicher sind, wenn das Handy griffbereit ist – selbst wenn niemand darauf schaut.

Wie kann das sein?

Wir wissen eben, haben sozusagen ein Gespür dafür, dass wir bei dem, was wir gerade tun, jederzeit durch die mögliche Kommunikation per Handy unterbrochen werden könnten und verwenden einen Teil unserer Aufmerksamkeit auf das, was wir gerade „verpassen“: Irgendetwas verpassen wir eben immer. Deshalb ist es wichtig, sich bewusst Zeiten zu schaffen, in denen man ohne Smartphone unterwegs ist. Ein Spaziergang oder ein Treffen mit Freunden fühlt sich häufig ganz anders an, wenn man nicht ständig erreichbar ist.

Abgesehen von der geteilten Aufmerksamkeit: Wie können sich digitale Medien auf die psychische Gesundheit auswirken?

Ein großes Thema sind unrealistische Schönheitsideale. Viele Bilder auf den Plattformen sind bearbeitet und zeigen eine perfekte Version der Realität. Das kann nicht nur das eigene Körperbild, sondern die gesamte Wahrnehmung unserer Umwelt negativ beeinflussen. Ein weiterer Punkt ist die Geschwindigkeit und Vielfalt der immer und überall zur Verfügung stehenden Inhalte. In sozialen Medien wechseln Inhalte im Sekundentakt. Daran gewöhnen wir uns und suchen auch außerhalb der Mediennutzung ständig nach neuen, überwältigenden Reizen. Dadurch fällt es zunehmend schwerer, sich längere Zeit mit komplexen Themen auseinanderzusetzen, die nicht in jedem Moment einen „Kick“ bereithalten. Viele wichtige Fragen brauchen aber Ruhe, Zeit und gründliches Nachdenken.

Was halten Sie von Digital Detox?

Mit dem Begriff tue ich mich etwas schwer. Er klingt so, als müsste man sich kurzfristig von etwas „entgiften“. Das eigentliche Problem löst das aber oft nicht.

Warum?

Wer eine Woche komplett auf das Handy verzichtet und danach genauso weitermacht wie vorher, hat langfristig wenig gewonnen. Viel wichtiger scheint mir ein selbstbestimmterer Umgang mit digitalen Medien. Es geht darum, selbst zu entscheiden, wann und wie lange man die Plattformen nutzt. Die Entwicklung und Etablierung dauerhafter Gewohnheiten im Umgang damit sind aus meiner Sicht sinnvoller als ein kurzfristiger Verzicht.

Beobachten Sie, dass digitale Medien Jugendliche heute anders beeinflussen als noch vor einigen Jahren?

Ja, schon deshalb, weil digitale Medien heute sehr viel stärker im Alltag der meisten Menschen in praktisch allen Lebenssituationen integriert sind als noch vor ein paar Jahren. Gleichzeitig beginnt die Nutzung immer früher. Heute sieht man schon kleine Kinder mit Tablets oder Smartphones. Diese Geräte sind in unglaublich kurzer Zeit zur wichtigsten Alltagstechnologie geworden. So eine schnelle und umfassende Veränderung unseres Medienverhaltens hat es zuvor noch nicht gegeben. Außerdem wird künstliche Intelligenz unseren Alltag in den nächsten Jahren stark verändern.

Was erwarten Sie hier?

Wir müssen lernen, bewusst mit solchen Technologien umzugehen. Die Frage sollte nicht sein, ob KI gut oder schlecht ist, sondern wofür wir sie sinnvoll einsetzen können und welche Aufgaben wir lieber selbst übernehmen sollten.

Verbinden digitale Medien Menschen oder machen sie einsam?

Beides ist möglich. Sie können Menschen helfen, Kontakte zu knüpfen oder trotz großer Entfernungen in Verbindung zu bleiben. Gleichzeitig können sie isolieren, wenn persönliche Begegnungen immer häufiger durch digitale Kommunikation ersetzt werden. Wie so oft gibt es keine einfache Antwort. Digitale Medien sind weder nur gut noch nur schlecht. Entscheidend ist, wie wir sie nutzen und ob sie unser reales Leben ergänzen oder ersetzen.

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