„Betroffene kapseln sich ab“

Ralf Bartl von der AOK Bayern klärt im Interview über Sucht auf


Ralf Bartl klärt an Schulen über das Thema Sucht auf.(Foto: privat)

Ralf Bartl klärt an Schulen über das Thema Sucht auf.(Foto: privat)

Alkohol, Drogen, aber auch Schokolade und Internet - danach können Menschen süchtig sein. Doch was ist eigentlich eine Sucht und kann man sich davor schützen? Ralf Bartl, Schulserviceberater bei der AOK Bayern, klärt in Schulvorträgen zum Thema Sucht auf. Im Interview erzählt der 39-Jährige aus Ergoldsbach, wann eine Sucht beginnt und nach was man süchtig sein kann.

Herr Bartl, womit beginnt eine Sucht?

Ralf Bartl: Von einer Sucht spricht man dann, wenn das Verlangen nach einem Produkt immer wiederkehrt. Leider wird in unserer Gesellschaft das Wort Sucht immer mit harten und nicht mit leichten Sachen verbunden. Denn eine Sucht fängt oft schon mit Schokolade, Facebook oder WLAN an.

Was genau ist denn eine Sucht?

Ralf Bartl: Man möchte einen bestimmten Erlebniszustand immer wieder erreichen. Dieses Verlangen setzt den Verstand, mit dem man entscheiden kann, ob etwas vernünftig oder nicht vernünftig ist, komplett außer Kraft. Man handelt - egal, ob es gegen Gesetze verstößt oder nicht.

Muss ich bereits besorgt sein, wenn ich regelmäßig ein Stück Schokolade nasche?

Ralf Bartl: Am Beispiel Schokolade kann ich Sucht sehr gut erklären. Hat jemand eine Schublade, in der immer Schokolade drin ist, und er hat das Verlangen nach solcher, geht er zu dieser Schublade. Ist keine Schokolade mehr drin und er beschließt, morgen eine zu kaufen, besteht kein Suchtpotential. Regt er sich aber auf, geht weg und schaut nach fünf Minuten noch einmal in die Schublade, obwohl keine drin ist, befindet man sich schon in einem kritischen Zustand. Hier lässt sich gut erkennen: Man handelt, ohne den Verstand einzuschalten.

Nach was kann man süchtig sein? Sicher gibt es viele Dinge, die man nie als Suchtmittel erkennen würde...

Ralf Bartl:
Hier besteht das Problem: Was für den einen Sucht ist, ist für den anderen Genuss. Das überlappt sich. Beim Thema Alkohol zum Beispiel: Wenn jemand zu seinem Geburtstag oder an Silvester ein Glas Sekt trinkt, spricht man noch von Genuss. Passiert das aber relativ oft - bei Jugendlichen ist das teilweise der Fall - und jemand trinkt einmal in der Woche Alkohol, kann das schon eine Sucht sein. Die Frage ist immer: Wie lange hält man ohne etwas aus? Wenn ich zum Beispiel eine Woche ohne Schokolade durchhalte, ist das keine Sucht.

Von welchen Süchten sind vor allem junge Menschen betroffen?

Ralf Bartl: Meistens ist das eine Sucht nach Handy, Internet und WLAN. Ein Beispiel: Früher waren Jugendliche bei der Urlaubsplanung der Familie oft nicht eingeweiht. Heute dürfen Jugendliche mitreden und ihre erste Frage ist oft, ob es im Hotel WLAN gibt. Mittlerweile merkt man das auch schon bei Erwachsenen. Lassen sie zum Beispiel ihr Handy zuhause liegen, reagieren sie hektisch. Jugendliche können häufig nicht mehr ohne Handy. Bei Handy, Facebook, Internet überhaupt und bei Computerspielen ist also ein Suchtpotential vorhanden.

Wie kann sich diese Online-Sucht zeigen?

Ralf Bartl: Betroffene kapseln sich immer mehr ab. Das normale Umfeld wird zweitrangig. Das virtuelle Umfeld ist ihnen viel wichtiger. Man kommt nach Hause. Wenn der Rechner nicht eh noch läuft, schaltet man ihn ein. Viele, die so in die virtuelle Welt flüchten, werden in der wirklichen Welt nicht akzeptiert. Im Internet kann sich jeder hinter einer Art Mattscheibe verstecken und sich eine eigene Welt erschaffen.

Merkt man selbst, dass man in eine Sucht abrutscht?

Ralf Bartl: Das ist schwierig. Jemand, der in eine Sucht abrutscht, braucht ein faires Umfeld, dass ehrlich mit ihm umgeht. Ist jemand zum Beispiel süchtig nach Alkohol, erkennen das sicher Freunde, Bekannte und Kumpels.

Wie sollten sich Freunde verhalten, wenn sie merken, dass jemand in ihrem Umfeld von einer Sucht betroffen ist?

Ralf Bartl: Das kommt auch darauf an, wie derjenige reagiert. Wichtig ist, dass man nicht die Augen zu macht. Sie sollten ihn in einem Vier-Augen-Gespräch darauf ansprechen und fair und ehrlich sagen, dass sie merken, dass er zum Beispiel zu viel Alkohol trinkt. Wichtig ist dabei auch, dass die Person, die ihn anspricht, selbst ein Vorbild ist.

Kann man sich vor einer Sucht schützen?

Ralf Bartl: Eher nicht. Denn wie schon gesagt: Der Übergang zwischen Sucht und Genuss ist fließend. Mit Maß und Ziel kann man sich schon vor einer Sucht schützen, aber es kommt auch auf das Umfeld an. Machen zum Beispiel Eltern oder Freunde vor, dass es nicht schlimm ist, wenn man oft Alkohol trinkt, sieht man das selbst auch nicht als Problem.