[Frei]schreiben!

In einem Buchladen


Vroni Murr liest selbst gerne. Dieses Mal war sie aber zum Beobachten in einem Buchladen.

Vroni Murr liest selbst gerne. Dieses Mal war sie aber zum Beobachten in einem Buchladen.

Von Redaktion idowa

Eine unauffällig erscheinende Frau mittleren Alters studiert durch den Vorhang ihrer schwarzen, schulterlangen Haare hindurch einen Reiseführer über Österreich. Vor dem Regal stehend wiegt sie sich von einem Bein auf das andere, als würden sie ihr durch das lange Stehen bereits schmerzen. Zielstrebig blättert sie durch die Seiten und liest. Anscheinend weiß sie genau, wohin in Österreich sie möchte. Schließlich nickt sie gedankenverloren, klappt das Buch zu und stopft es irgendwo zwischen die anderen Reiseführer. Eiligen Schritts verlässt sie den Buchladen, als wäre es ihr Vorhaben, ihre Mitreisenden genauestens über das eben Erlesene zu informieren.

Schreiben statt lesen
In einem großen, ledernen Sessel lümmelt sich ein junges Mädchen mit dickem, schwarzen Schal und übereinander geschlagenen Beinen. Am rechten Arm trägt sie einige Festival-Armbänder, in den Ohrläppchen hat sie große Löcher, die von einer Art Schraubenmutter auseinander gedehnt werden. Auf ihrem Schoß liegt ein karierter College-Block, auf den sie mit einem roten Stift mit rot lackierten Fingern kritzelt. Hin und wieder dreht sich ihre schlanke Gestalt nach hinten zu einer Verkäuferin um, beobachtet sie einen Moment und macht sich eine Notiz. Sie schreibt schnell und mäßig konzentriert. Doch die Verkäuferin scheint sie nicht wirklich zu interessieren. Es scheint, als müsse sie jemand anderem für sie unwichtige Informationen beschaffen. Sie wechselt einige Worte mit einer Freundin, die vor ihr steht. Dann legt sie den Block auf die Sessellehne und schreibt wieder etwas auf.

Der Geruch von Büchern kann bezaubern
Ein schlankes Mädchen mit grauer Sweatshirtjacke über einem blauen Batik-Top betrachtet das Regal mit den Klassikern. Mit den Fingern fährt sie langsam über die Buchrücken, stockt und zieht schnell ein Reclam-Heftchen heraus. Sie streichelt darüber, betrachtet den gelben, wenig versprechenden Einband. Ihr Blick fällt wieder ins Regal, findet ein anderes, größeres Heftchen von einem anderen Verlag. Ihr e Augen weiten sich begeistert. Ohne hinzusehen steckt sie das Reclam-Heft zurück an seinen Platz und nimmt die neue Entdeckung an sich. Sie streichelt und biegt das blaue Büchlein, als prüfe sie dessen Beschaffenheit. Das letzte Entscheidungskriterium ist anscheinend der Geruch der bedruckten Blätter, denn sie hebt die Seiten an die Nase und lässt sie wie ein Daumenkino von Anfang bis Ende durchrauschen. Offenbar ist der Duft zufriedenstellend, denn sie nimmt das Büchlein mit sich Richtung Kasse.

Werbeheftchen als Ablenkung vom Warten
Obwohl sie eine so kleine Person ist und zwischen den Reihen von Büchern komplett verschwindet, wird man durch ihr Plappern sofort auf sie aufmerksam. Das Mädchen, wahrscheinlich kaum vier Jahre alt, wurde von seiner Mutter in bunt geringelte Leggins und in einem nicht minder bunten Pulli gesteckt. Vor den Auslagen zum Thema Reise und fremde Länder brabbelt sie laut über die vielen Bilder der Kataloge auf ihrer Augenhöhe. Etwas scheint ihr nicht zu passen, denn ihre Stimme wird quengelnd und einen Tick schriller. Die Mutter, in einen Reiseführer über Algerien vertieft und mit der Miene eines Menschen, der im Stillen bedauert, nie dort sein zu können, versucht, ihre Tochter mit einer sanften Berührung auf den lockigen Kopf zu beruhigen. Frustriert über so wenig Anteilnahme dreht das Mädchen eine Runde um die Mutter, verdreht sogar die Augen. Diese Geste, hat sie vermutlich von ihren Eltern kopiert. Ein buntes Werbeheftchen lenkt sie jedoch ab. Sie nimmt es begeistert in ihre Fingerchen, stellt mit lauter Stimme eine Frage, erzählt unverständlich ins Blaue hinein, was es auf dem Bild sieht. Die Mutter, nichts um sich herum wahrnehmend, nimmt das Kind am Arm und zieht es mit sich weg. Das Büchlein in der kleinen Hand kommt mit.