Kritik an Lohndrückerei im Handwerk

Trotz Vollzeit unterhalb der Niedriglohnschwelle


Laut der der IG BAU Niederbayern zählen in der Region unter anderem die Landwirtschaft, die Gebäudereinigung und die Floristik zu den Branchen, in denen besonders wenig gezahlt wird. (Symbolbild)

Laut der der IG BAU Niederbayern zählen in der Region unter anderem die Landwirtschaft, die Gebäudereinigung und die Floristik zu den Branchen, in denen besonders wenig gezahlt wird. (Symbolbild)

Von David Salimi

40 Stunden Arbeit pro Woche und trotzdem bleibt es klamm im Portemonnaie: Aktuell arbeiten in Straubing 21 Prozent aller Vollzeit-Beschäftigten im Niedriglohnsektor. Insgesamt rund 3.900 Menschen erzielen trotz voller Stundenzahl ein Einkommen unterhalb der amtlichen Niedriglohnschwelle von derzeit 2.350 Euro brutto im Monat (Wert für Westdeutschland). Darauf hat die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) hingewiesen. Die Zahlen gehen aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Fraktion im Bundestag hervor.

Damit liegt Straubing über den anderen kreisfreien Städten, wie ein Blick in die Statistik zeigt. In Landshut liegt diese Quote etwa bei 19, in Passau bei 17,8 und in Regensburg bei nur 13,6 Prozent.

"Dass selbst eine Vollzeitstelle häufig nicht ausreicht, um finanziell halbwegs abgesichert zu sein, ist alarmierend", sagt Michael Matejka, Bezirksvorsitzender der IG BAU Niederbayern. In der Region zählten unter anderem die Landwirtschaft, die Gebäudereinigung und die Floristik zu den Branchen, in denen besonders wenig gezahlt werde. Grund dafür sei auch die schwindende Tarifbindung. "Je mehr Firmen aus Tarifverträgen aussteigen, desto schlechtere Karten haben die Beschäftigten. Es droht eine immer tiefere Spaltung des Arbeitsmarktes", warnt Matejka.

Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ist in Westdeutschland der Anteil der Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben 2019 weiter zurückgegangen. Im Jahr 2018 waren es noch 48 Prozent Beschäftigte, die in Betrieben mit Branchentarifvertrag tätig sind. Im vergangenen Jahr ist diese Zahl auf 46 Prozent gesunken, wie aus einer jährlichen Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) unter rund 15.000 Betrieben hervorgeht.

Maler- und Lackiererhandwerk als Positivbeispiel

"Aber auch die Politik ist am Zug", kritisiert Matejka. Sie solle mehr für die Tarifbindung tun. Als Positivbeispiel nennt Matejka das Maler- und Lackiererhandwerk. Dort haben Gesellen Anspruch auf einen tariflichen Mindestlohn von 13,50 Euro pro Stunde. Diese Lohnuntergrenze sei von der Politik für die ganze Branche zur Pflicht gemacht worden. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn liegt aktuell bei 9,35 Euro pro Stunde. Zusätzlich hat das Maler- und Lackiererhandwerk auch einen mit der Gewerkschaft ausgehandelten Ecklohn für Gesellen. Dieser dient als Orientierung für die Malerbetrieb bei der Bezahlung der Gesellen ab dem dritten Gesellenjahr und liegt deutschlandweit derzeit bei 17,15 Euro.

Claudius Wolfrum, Geschäftsführer des Landesinnungsverband des Bayerischen Maler-und Lackiererhandwerks, verweist außerdem auf den bestehenden Fachkräftemangel im Handwerk als Grund für eine bessere Bezahlung. Schon alleine deswegen seien Betriebe dazu angehalten, gute Löhne zu zahlen.

Umsatzeinbußen für Gebäudereiniger

Ebenso problematisch: Beschäftigte im Handwerk könnten nur selten Homeoffice machen. Wegen hoher Mieten in den Städten müssten sie zudem oft weite Pendelwege in Kauf nehmen. Empfindlich betroffen sind teilweise momentan vor allem die Gebäudereiniger, die mit knapp 700.000 Mitarbeitern Deutschlands beschäftigungsstärkste Handwerksbranche bilden. Laut einer Umfrage des Bundesinnungsverbands der Gebäudedienstleister verzeichnen derzeit 84 Prozent der Gebäudereiniger-Unternehmen pandemiebedingt Umsatzeinbußen. Fast zwei Drittel berichten, dass Kunden krisenbedingt weniger Aufträge oder Aufträge mit geringerem Leistungsumfang vergeben. "Wer bisher mit der Reinigung in Fitnessstudios, Sport- oder Gaststätten vertraut war, hat natürlch dementsprechende Einbußen zu verzeichnen", sagt Michael Zwisler, Geschäftsführer der Gebäudereiniger-Innung Südbayern. In Schulen, Ämtern und Krankenhäusern blieben die Aufträge jedoch weitestgehend erhalten.

Dennoch sind die Geschäftsprognosen des Bundesinnungsverbands für die kommende Zeit zurückhaltend. 32 Prozent der Unternehmer erwarten demnach nur befriedigende Geschäfte. 31 Prozent gehen sogar nur von ausreichend, eher schlechten oder schlechten Geschäften zumindest bis Jahresende aus. Bei den Gebäudereinigern liegt der Stundenlohn für die unterste Lohngruppe derzeit bei 10,80 Euro in der Stunde, wie Johannes Bungert, Geschäftsführer des Bundesinnungs-Verbands des Gebäudereiniger-Handwerks bestätigt.