"Mutter Bayerns"

Trauer um Ex-Landtagspräsidentin Barbara Stamm


Barbara Stamm (CSU), langjährige ehemalige Präsidentin des bayerischen Landtags, blickt beim Staatsempfang anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung zum Fotografen. Die ehemalige Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) ist tot.

Barbara Stamm (CSU), langjährige ehemalige Präsidentin des bayerischen Landtags, blickt beim Staatsempfang anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung zum Fotografen. Die ehemalige Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) ist tot.

Von Marco Hadem und Christoph Trost, dpa

"Mutter Bayerns" und "soziales Gewissen": Nicht nur die CSU hat mit Barbara Stamm eine große Persönlichkeit verloren. Über die Partei- und Landesgrenzen hinaus war die Fränkin geschätzt und beliebt.

Erst im Juli war Barbara Stamm noch einmal mittendrin. Als der bayerische Landtag nach zwei Jahren Corona-Pause wieder zum Sommerempfang auf Schloss Schleißheim lud, ließ sich Stamm die weite Fahrt von Würzburg nicht nehmen. Und kehrte damit wenige Monate vor ihrem Tod noch einmal an eine ihrer alten Wirkungsstätten zurück. Zwei Legislaturperioden war sie selbst hier die Gastgeberin gewesen, hatte die Gespräche mit den Gästen genossen, vor allem mit den vielen Ehrenamtlichen, die sie ganz bewusst dorthin eingeladen hatte. Meist bis tief in die Nacht. Am Mittwoch ist Barbara Stamm an den Folgen ihrer Krebserkrankung gestorben, gegen die sie so viele Jahre lang gekämpft hatte. Sie wurde 77 Jahre alt.

"Soziales Gewissen", "Mutter Bayerns", "Vorbild für die Frauen", "leidenschaftliche Kämpferin für die Schwachen": Spitzenpolitiker aus Staatsregierung und Opposition würdigten am Mittwoch gleichermaßen Stamms Lebenswerk. Der Ministerpräsident ordnete Trauerbeflaggung an.

2009 hatte Stamm ihre Brustkrebserkrankung öffentlich gemacht. Sie entschied sich frühzeitig, mit ihrer Krankheit ebenso umzugehen, wie sie es auch als Politikerin in ihren vielen Ämtern gepflegt hatte: offensiv und geradlinig. Dafür wurde sie nicht nur in ihrer eigenen Partei geschätzt. Und auch außerhalb Bayern genoss sie Ansehen.

Auf der Karriereleiter nach oben

Seit 1976 saß Barbara Stamm im bayerischen Landtag. In den 80er Jahren stieg sie die Karriereleiter empor, wurde stellvertretende Fraktionschefin und Staatssekretärin im Kabinett von Franz Josef Strauß. 1994 machte der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber sie zur Sozialministerin. Diese Amtszeit ging 2001 im Sturm der BSE-Krise zu Ende: Stoiber setzte sie vor die Tür, Stamm musste ihren Posten räumen. Stamm war tief verletzt und fühlte sich als Bauernopfer.

Doch Hinterbänklerin wurde sie auch nach dem Verlust ihres Ministeramtes nicht. Sie blieb - wie durchgehend seit 1993 - stellvertretende Vorsitzende der CSU. Auf den Parteitagen erzielte sie meist das Top-Ergebnis aller Vizes. Erst 2017 gab sie das Amt ab - freiwillig, wie sie sagte. Fakt ist: Auch unabhängig von ihren Ämtern war Stamm eine Art personifiziertes "soziales Gewissen" der CSU.

2008 wurde sie erstmals zur Landtagspräsidentin gewählt - sie war damit die erste Frau in diesem bedeutenden politischen Amt. Und auch wenn ihre teils sehr gefühligen Reden bei manchen ein gewisses Augenrollen verursachten - respektiert, geschätzt und geachtet war Stamm über die Maßen, und das über die Fraktionsgrenzen hinweg.

Stamm war über die Jahrzehnte hinweg auch stürmische Zeiten gewöhnt. Als Landtagspräsidentin kostete sie die Aufarbeitung der Abgeordnetenaffäre im Jahr 2013 viel Zeit, Kraft und Nerven. CSU-intern griff sie bei internen Streitigkeiten und Machtkämpfen oft vermittelnd ein. Über Querelen in der CSU seufzte sie häufig, umgekehrt geriet sie auch bei Parteifreunden in die Kritik. "Davor ist man in der Politik nie gefeit", sagte sie einmal rückblickend.

Immer über Liste gewählt

Außergewöhnlich bei Landtagswahlen war: Im Unterschied zur restlichen CSU-Parteiprominenz trat Stamm nicht als Direktkandidatin in einem Stimmkreis an. Sie kandidierte auf der unterfränkischen CSU-Liste, ihr Sitz im Landtag war damit abhängig vom Gesamtergebnis der Partei.

Das hatte am Ende Folgen: 2018 hatte sich Stamm trotz Krankheit und nach langer Überlegung für eine erneute Kandidatur entschieden, wohl wissend, dass angesichts der schlechten CSU-Umfragewerte alle Listenkandidaten praktisch chancenlos waren. So verlor die CSU 2018 nicht nur ihre absolute Mehrheit im Maximilianeum, sondern auch eine ihrer beliebtesten und erfahrensten Politikerinnen. Stamms Schicksal stand seither sinnbildlich für die Zeitenwende in der Landespolitik.

Nach dem unfreiwilligen Ende ihrer politischen Karriere nutzte Stamm die neu gewonnene Zeit für ihre Familie und ihre Freunde. "Das tut mir gut", sagte sie. Und wann immer möglich nahm sie sich auch Zeit, um ihr persönliches Archiv aufzuarbeiten, viele Kisten mit Unterlagen und Fotos fanden so den Weg ins Staatsarchiv. Abgesehen davon hörte Stamm aber nie auf, sich für die Schwächsten in der Gesellschaft einzusetzen und sich um soziale Projekte zu kümmern. Bis zuletzt war sie auch Vorsitzende des Lebenshilfe-Landesverbandes Bayern.

"Ich habe so vieles erreicht, was ich nie gedacht hätte", sagte Stamm einmal über sich selbst, kurz vor ihrem 70. Geburtstag. "Dafür bin ich dankbar, denn das stand ja nicht in meiner Geburtsurkunde drin."

Horst Seehofer, als ehemaliger CSU-Chef und Ministerpräsident einer von Stamms langjährigen Weggefährten, sagte am Mittwoch: "Sie hinterlässt in Bayern und in der CSU eine große Lücke, die nur schwer zu schließen sein wird." In all den Jahrzehnten in der Politik habe er "nicht viele von einem solchen Format kennengelernt".