Bayern

Künstlerin zeigt Bücher, die die Nazis verbrannt haben

Die Bücherverbrennung am Königsplatz vom10. Mai 1933 jährt sich am Mittwoch zum 90. Mal. Die Stimmen der offenen Gesellschaft wurden damals zum Verstummen gebracht. Mirjam Zadoff spricht über die Kraft geretteter Exemplare.


Seit 2021 erinnert ein Mahnmal an die Bücherverbrennung am Königsplatz. 1933 haben die Nazis Werke vieler Autoren verbrannt. Unter anderem solche von Erich Kästner.

Seit 2021 erinnert ein Mahnmal an die Bücherverbrennung am Königsplatz. 1933 haben die Nazis Werke vieler Autoren verbrannt. Unter anderem solche von Erich Kästner.

Von Eva von Steinburg

München - Diese Bücher sind rar. Es gibt sie nicht auf dem Flohmarkt, seltenst im Antiquariat. Die meisten stammen aus Privatsammlungen.

Künstlerin Annette Kelm (47) hat eine Serie von verfemten, in der NS-Zeit verbotenen Büchern mit hoher Bildschärfe fotografiert. 104 Cover hat sie für den Band "Die Bücher" ohne Zusatzinfo neutral inszeniert. "Diese Bücher sind so stark, sie sprechen für sich", sagt die Berliner Künstlerin: "Ihre Stimmen sind nicht vernichtet. Ich zeige, dass diese Bücher in der Welt sind. Das berührt mich."

Ein Teil dieser Fotografien hatte Mirjam Zadoff (49), Direktorin des NS-Dokumentationszentrums, im Haus in München bereits ausgestellt. Am 90. Jahrestag der NS-Bücherverbrennung liest die Münchner Historikerin am morgigen Mittwoch aus einem der verbotenen Werke: Magnus Hirschfeld: "Weltreise eines Sexualforschers", gegen 12 Uhr, bei der Kunstaktion am Königsplatz.

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Die Künstlerin Annette Kelm hat die Cover von Büchern abfotografiert, die die Nazis verbrannt haben. Hier eines von Vicky Baum.

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Das Cover zeigt Kurt Tucholskys "Lerne lachen ohne zu weinen".

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"Alarm" von Erich Mühsam aus dem Jahr 1925

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Walter Serner: "Der Pfiff um die Ecke" aus dem Jahr 1925.

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Anna Seghers hat "Transit" im Exil in Mexiko geschrieben.

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Erika Manns Buch "Stoffel fliegt übers Meer".

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Das Buch "Hetzjagd durch die Zeit" von Egon Erwin Kisch.

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Dachau. Eine Chronik.

AZ: Frau Zadoff, von den Buchcovern gehen Impulse aus. Sie erzeugen eine Nähe. Wie ist das für Sie?

MIRJAM ZADOFF: Bei mir lösen die Bücher den Impuls aus, sie zu lesen, darin zu blättern und darüber nachzudenken. Die Ideen, die uns heute beschäftigen - sie waren damals schon da. Man spürt die Vielstimmigkeit der Weimarer Republik, die erste deutsche Erfahrung mit der offenen Gesellschaft, mit Themen wie Frauenrechten, Anarchie, Sexualwissenschaft, Pädagogik - behandelt von vielen Jüdinnen und Juden.

Brennende Bücher, ein unerträgliches Bild.

1933 fängt der Kampf gegen Bücher an, der bis 1945 anhält - und zwar massiv. Bücher wurden verbrannt, zerstört aber auch unspektakulär zum Altpapier sortiert. Im vorauseilendem Gehorsam hat man sehr viel aus den Bibliotheken entfernt.

Start des Fotoprojekts war eine Ausstellung im NS-Dokuzentrum 2019. Daraus ist erst dieser Bildband entstanden. Welche der zerstörten Titel kennen Sie?

Bertolt Brecht habe ich viel gelesen und vor sehr langer Zeit Im Westen nichts Neues. Ich mag an den Covern, dass sie Assoziationen in uns auslösen. Die Illustrationen, die Grafik in der Weimarer Republik erinnert vielleicht an andere Bücher. Viele Werke sind ganz verschwunden. Die Säuberung hat gewirkt auf Themen wie Anarchie, Kommunismus, Pazifismus. Viele Werke sind nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder aufgelegt worden.

Heinrich Heine war verfemt, der geschrieben hatte: "Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende Menschen."

Dieses Zitat ist visionär. Wir sehen, dass dort, wo man Ideen aussortiert, und mit Aggression gegen Ideen vorgeht, die Gefahr besteht, dass die Situation in der Gesellschaft eskaliert.

Sie blicken Richtung Amerika?

Der Kampf um die Bibliotheken ist nicht vorbei. In den USA werden Bücher zum Thema Queerness aus Schulbibliotheken entfernt und zur schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Das ist ein Kulturkampf. Von einer Abschaffung der Zensur kann keine Rede sein.

Kinderbuchautor und Journalist Erich Kästner lebte nach 1945 bis zu seinem Tod 1974 in München. In Berlin hatte er am 10. Mai 1933 zugesehen, wie Menschen seine Bücher stapelweise ins Feuer warfen.

Darunter waren alle seine Bücher außer Emil und die Detektive. Als Schriftsteller hatte er ein Weltbild, in dem sich Kinder gegen die Hierarchie wehren. Für neue Kinder wurden im Nationalsozialismus neue Bücher geschrieben.

Welches der Bücher haben Sie?

Das Kinderbuch Die Fischreise, ein illustriertes Buch von Tom Seidmann Freud. In den 90er Jahren habe ich es in einem Antiquariat in Jerusalem gekauft.

Im NS-Dokuzentrum haben Sie das "Notizbuch des Provinzschriftstellers" von Oscar Maria Graf ausgestellt. Er ist in Berg am Starnberger See geboren.

Der Autor war 1933 zuerst beleidigt. Wieso verbrennen Sie meine Bücher nicht? Annette Kelms Fotos erinnern an die Schicksale der Autorinnen und Autoren, die verfolgt, ins Exil gezwungen wurden. Viele konnten nicht mehr arbeiten oder wurden ermordet. Sie erinnern an den Wert der Vielfalt, an Internationalität, Individualität, Meinungsfreiheit und Toleranz. Dieses Kunstprojekt ist wirklich toll.

Annette Kelm: Die Bücher, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln. 60 Euro