Bayern

Großstreiktag am Dienstag: Münchner erklären, wieso sie die Arbeit niederlegen

Ämter, Müllabfuhr, Bäder, Kitas und Kliniken: Verdi ruft morgen zum "Großstreiktag" für mehr Lohn in München. Aber was verdient man eigentlich im Öffentlichen Dienst? Die AZ hat Streikende gefragt.


Karim A. Karim (50) hat in Ägypten BWL studiert, ist verheiratet, hat vier Kinder. Seit 2019 ist er U-Bahn-Fahrer in München.

Karim A. Karim (50) hat in Ägypten BWL studiert, ist verheiratet, hat vier Kinder. Seit 2019 ist er U-Bahn-Fahrer in München.

Von Irene Kleber

München - Eine knappe Woche noch bis zur nächsten Verhandlungsrunde um die Tarife im Öffentlichen Dienst. Nach Streiks in Kitas, Kliniken, auf Ämtern, beim Müll und im ÖPNV ruft die Gewerkschaft Verdi morgen zum Großstreiktag in München auf. Sie fordert 10,5 Prozent (oder 500 Euro) mehr Lohn. Um 11 Uhr trifft man sich am Marienplatz. Es werde "die größte Streikversammlung der letzten Jahre", sagt Verdi-Chef Heinrich Birner. Weil untere Einkommensgruppen "nicht mehr wissen, wo sie noch sparen können". Aufgerufen sind Ämter und Bürgerbüros, SSK-Filialen, Gärtner, Müllfahrer, Kanalschlosser, SWM-Energiefachleute und Kita-Personal. In der München Klinik soll nur Notbetrieb laufen.

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Günter Tanzmeier (35) betreut Hortkinder in Ramersdorf.

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Harald Natter (56) sammelt in der Innenstadt Müll ein.

"Nervlich sattelfest"
Harald Natter arbeitet seit 36 Jahren bei der Müllabfuhr - und am Wochenende am Kiosk.i

Beruf: Mülllader, Vorarbeiter

Alter: 56

Familienstand: verheiratet, zwei Töchter (22, 25)

Einkommen: brutto 3400 Euro (inkl. München- und Kinder-Zuschlag), netto 2600 Euro

Wochenstunden: 39,5

Ich sammle mit drei Kollegen Restmüll, Papier und Biomüll rund um den Hauptbahnhof ein. 150 Adressen und zehn Tonnen Müll sind das, mit Stopps alle fünf bis zehn Meter. Ich laufe acht bis zehn Kilometer hinter dem Müllauto her, drumherum schimpfen Autofahrer, kreuz und quer fahren Radler, da musst du nervlich sattelfest sein. 2600 Euro netto reichen nicht mit zwei Töchtern, die studieren, drum habe ich noch einen Minijob am Wochenende. Ich streike für 10,5 Prozent mehr brutto, weil das gerecht wär."

"In der Kloake der Stadt"

Thomas Kraus steht als Kanalschlosser mit den Gummistiefeln im Münchner Abwasser.i

Beruf: Kanalschlosser, Vorarbeiter, Stadtentwässerung

Alter: 42 Familienstand: Patchworkfamilie, vier Kinder (10, 10, 2, 1)

Einkommen: brutto 4534 Euro (inkl. 270 Euro München-Zulage, 190 Euro Erschwernis- und 287 Euro Vorabeiter-Zuschlag), netto 2923 Euro

Wochenstunden: 39

Ich arbeite seit 17 Jahren in Münchens Kanalisation. Wir sorgen dafür, dass die Kloake nicht hochkommt, München gesund und die Isar sauber bleibt. Mein Einkommen schaut hoch aus, aber allein die Miete frisst warm 2000 Euro. Für Nachwuchs muss unser Beruf finanziell attraktiver werden, auch deshalb streike ich."

"Es geht nur mit Zweitjob"

Stefanie Gernhardt ist OP-Schwester im Klinikum Neuperlach - Fehler machen ist tabu.i

Beruf: OP-Schwester

Alter: 42 Familienstand: ledig, alleinerziehend, eine Tochter (14)

Einkommen: brutto 2308 Euro (inklusive München-, Kinder- und Pflege-Zulage), netto 1741 Euro

Wochenstunden: 23

Ich bin seit sieben Jahren OP-Schwester im Klinikum Neuperlach, wir haben es im Zentral-OP mit Bauch-, Magen-, Leber- oder Blinddarmoperationen zu tun, auch mit Krebs oder mit Notkaiserschnitten. Von den sieben OP-Sälen sind im Moment nur vier in Betrieb, weil uns Personal fehlt. Wir, die noch da sind, haben Verantwortung rund um die Uhr, wir konzentrieren uns stundenlang, oft kann ich nicht mal auf die Toilette oder etwas trinken gehen. Wir retten Leben, und wenn wir Fehler machen, hängen Leben davon ab.

Vollzeit würde ich dieses Mammutprogramm nicht schaffen, zumal bei dem Personalmangel. Deshalb arbeite ich nur drei Tage in der Klinik. So reicht aber das Geld nicht, um als alleinerziehende Mutter meine Tochter und mich zu ernähren. Deshalb mache ich einen Zweitjob, der nicht so an den Nerven zehrt: Ich überführe Autos auf 520-Euro-Basis innerhalb von Deutschland für Autohäuser, Leasing- oder Mietwagenfirmen. Da bekomme ich Mindestlohn, aber beim Autofahren über weitere Strecken erhole ich mich von der Klinikarbeit, um dann für den OP wieder fit zu sein.

Ich streike, weil Schwestern und Pfleger dringend mehr Geld verdienen müssen. Der Beruf muss finanziell attraktiver werden und es muss aufhören, dass gute Leute aus dem Beruf rausgehen, weil die Bezahlung nicht reicht. Es muss aufhören, dass der Personalmangel die, die noch da sind, noch weiter belastet. Ich streike auch, damit ich weiter alle Rechnungen bezahlen kann. Mein Einkommen - netto 1741 Euro mit allen Zulagen, plus Minijob - ist zu knapp für mich und meine Tochter. Allein für die Miete unserer 70-Quadratmeter-Wohnung zahle ich 1300 Euro. 10,5 Prozent mehr Lohn, wie Verdi es fordert, sind angemessen. Bei mir wären das brutto etwa 230 Euro im Monat mehr. Was davon netto bliebe, reicht nicht mal als Inflationsausgleich."

"Nicht nur überleben"

Karim A. Karim ist einer von 460 Münchner U-Bahn-Fahrern. Er ernährt vier Kinderi

Beruf: U-Bahn-Fahrer

Alter: 50 Familienstand: verheiratet, vier Kinder (14, 16, 19, 19)

Einkommen: brutto 3160 Euro (inklusive Zuschlägen), netto rund 2000 Euro

Wochenstunden: 38,5

Ich arbeite seit vier Jahren für die MVG, ich fahre alle Münchner U-Bahn-Linien, von der U1 bis zur U8. Am liebsten meine Heimatstrecke mit der U6 nach Freimann, wo ich wohne. Weil das Stück zwischen Studentenstadt und Garching oberirdisch und nicht im Tunnel verläuft, da bekomme ich dann auch mal etwas Sonne ab.

Die MVG ist ein toller Arbeitgeber, aber bei der Inflation jetzt reicht mein Einkommen nicht mehr aus, um meine sechsköpfige Familie ernähren zu können. Deshalb habe ich für eine bessere Bezahlung gestreikt. Ich verdiene brutto im Tarifvertrag der MVG (Stufe 2) rund 2700 Euro, dazu kommen 270 Euro München-Zuschlag und 190 Euro Schichtzuschlag, den gibt es aber nicht in Urlaubs- oder Krank-Zeiten. Netto kommen da etwa 2000 Euro heraus. Mit dem Teilzeitgehalt meiner Frau, die als Sekretärin arbeitet, und dem Kindergeld sind wir bisher gut klargekommen, jetzt reicht das nicht mehr. Meine Zwillings-Söhne sind 19 Jahre alt, meine Töchter 14 und 16. Wir leben zu sechst in einer 90-Quadratmeter-Wohnung in Freimann, die 1500 Euro Miete kostet, dazu kommt Strom und Heizung. Gerade ist ein Brief gekommen, der 100 Euro Mieterhöhung ankündigt. Für den wöchentlichen Lebensmitteleinkauf haben wir vor zwei Jahren noch etwa 100 Euro bezahlt, jetzt reichen 200 Euro die Woche kaum noch aus, das sind im Monat also 400 Euro mehr Kosten. Dass die Inflation angeblich bei zehn Prozent liegt, kann also nicht stimmen, jedenfalls nicht im Supermarkt. Wir Münchner U-Bahnfahrer wünschen uns von unserem Arbeitgeber, dass er uns jeden Monat brutto 500 Euro mehr bezahlt. Bei meinem Einkommen wären das netto etwa 270 Euro. 100 Euro davon wird schon die Mieterhöhung auffressen, die verbleibenden 170 Euro würden nicht einmal reichen, um die Mehrkosten für die Lebensmittel zu decken. Wenn wir nicht nur überleben wollen, sondern leben, muss mein Gehalt steigen."

"Was wir für die Gesellschaft leisten, passt nicht zum Lohn"

Günter Tanzmeier ist Erzieher in einem Hort mit 100 Kindern, die 25 Sprachen sprecheni

Beruf: Erzieher, stellvertretender Hort-Leiter

Alter: 35 Familienstand: verheiratet, zwei Kinder (9 und 11 Jahre)

Einkommen: brutto 4876 Euro (inklusive Zuschlägen), netto rund 2900 Euro

Wochenstunden: 39

Wir betreuen rund 100 Grundschulkinder in vier Gruppen in unserem Hort in Ramersdorf. Mit zwölf Erzieherinnen, Erziehern und Kinderpflegerinnen sind wir personell gut aufgestellt, auch, weil wir ein schönes Arbeitsklima haben. Aber die Arbeit ist auch fordernd. Bei 60 bis 70 Prozent unserer Kinder ist die Muttersprache nicht deutsch, sie sprechen 25 andere Sprachen und Dialekte, von Türkisch über Albanisch und Farsi bis Ukrainisch. Bei vielen Kindern geht die Pubertät schon los, sie sind in den sozialen Medien unterwegs, es gibt Sorgen vor dem Schulübertritt in der vierten Klasse und vieles mehr.

Wenn wir unseren Job nicht machen, spürt die Wirtschaft das nicht sofort - das ist bei den Metallern anders, wo sofort die Produktionsbänder stillstehen. Bei uns sieht man erst zehn, 15 Jahre später, ob unsere Arbeit gelungen ist, nämlich Kinder fürs Leben und den Arbeitsmarkt fit zu machen. Der Wert unserer Arbeit für die Gesellschaft und das, was wir verdienen, das passt aber noch immer nicht zusammen - und zwar ganz unabhängig von der Inflation. Deshalb habe auch ich für mehr Einkommen gestreikt.

Ich rechne gerne vor: Für meine 39-Stunden-Woche bekomme ich brutto als stellvertretender Einrichtungsleiter nach Tarif rund 4300 Euro, dazu kommt die München-Zulage von 270 Euro, eine Kinderzulage von 60 Euro für zwei Kinder und 200 Euro Arbeitsmarktzulage für Mangelberufe, die es ja inzwischen gibt. Zusammen sind das 4876 Euro brutto. Netto bleiben rund 2900 Euro. Eine normale Erzieherin ohne Leitungsfunktion kommt auf 350 Euro weniger. Einer meiner Bekannten hat eine Firma gegründet, die sich mit einer Software zum Spracherwerb beschäftigt. Er macht online das, was wir täglich im wirklichen Leben tun, Menschen Sprache beizubringen. Aber er geht jeden Monat mit doppelt so viel Geld nach Hause. So gesehen: Ja, 500 Euro brutto mehr im Monat für Erzieherinnen und Erzieher, das finde ich angemessen. Wenn es auf 10,5 Prozent hinausliefe, wie Verdi es fordert, wären das bei mir brutto 450 Euro. Wie viel davon netto bliebe, die Inflation mitgerechnet, kann man ja ausrechnen."