Lang, lang ist‘s her, seitdem ich was geschrieben habe. Grund dafür ist der Alltag, der sich langsam aber sicher hier breit macht. Es passiert nicht jeden Tag ein neues Abenteuer, eher setzt eine Art Trott ein. Aber ganz ereignislos waren die letzten paar Wochen natürlich auch nicht.

Kurz nachdem ich meinen letzten Blogeintrag hochgeladen habe, haben Julius und ich einen Ausflug in die Stadt Jirapa gemacht. Sie ist circa eine Stunde mit dem Motorrad entfernt und dies war sozusagen unsere erste „größere“ Tour mit dem Motorrad durch die Savanne Westafrikas. Leider konnte ich mich aufgrund meiner Rolle als Fahrer nicht wirklich auf die atemberaubende Natur konzentrieren. In Jirapa selber trafen wir uns dann mit Thaddeus, unserem Lehrerkollegen, der dort wohnt und die Stadt wie seine Westentasche kennt. Als erstes führte er uns zu seiner Stamm-Bar, wo er uns auf ein kaltes Getränk einlud. Neben uns köchelte etwas in einem großen Topf und wir kamen nicht umher, einen Blick hinein zu werfen. Drinnen lag ein Hund… Kein allzu schöner Anblick!

Danach zeigte uns Thaddeus die Besonderheiten der Stadt, welche sich auf eine Kirche aus dem 19. Jahrhundert und einem Luxushotel, dem Jirapa Dubai, begrenzten. Zwar ist Jirapa fünf Mal so groß wie Kaleo, dennoch sind hier Städte nicht besonders sehenswert. Jede Stadt hat sozusagen dieselben Punkte: eine oder mehrere asphaltierte Straßen, an denen sich die immer gleichen Läden konzentrieren, ein paar Bars, welche sich kaum von ihrem Aussehen unterscheiden, ein paar Stellen, wo man öffentlich Pitu trinken kann und natürlich die kleinen Wohnhäuser. Alles sieht ziemlich gleich aus und unterscheidet sich nur durch die Menschen, die in der Stadt wohnen. Aber dennoch ist es schön, mal aus der mittlerweile gewohnten Umgebung herauszukommen.

Auch wenn wir mittlerweile in Kaleo oder Wa unsere Leute kennen, mit denen wir gerne etwas unternehmen, lernen wir doch auch immer wieder neue und interessante Menschen kennen. Einer von ihnen heißt Culture. An unserer Stamm-Bar neben der Schule haben wir ein paar Lehrer gehört, die über ihn geredet haben, und uns erzählten, dass er ein guter Freund von einem ehemaligen Freiwilligen ist und immer gerne mit Leuten von außerhalb redet. Außerdem sei er eine Art Fetischeur, der einem die Zukunft voraussagen könne. Da wir die Mentalität der Ghanaer schon fast komplett übernommen haben, beschlossen wir, ihn einfach zu besuchen – mal schauen, was rauskommt. Am nächsten Tag standen wir also einem großen Rastamann gegenüber, der uns fröhlich seine ganze Farm zeigte. Er lebt mehr oder weniger als Einsiedler, er baut sein Gemüse selber an und hält sich selber seine Tiere, und so muss er so gut wie nie auf den Markt gehen und etwas kaufen. So hat er es uns zumindest erzählt. Und weil Culture halt ein echter Rastamann ist, hat er uns erzählt, dass er natürlich auch Gras raucht. Er hat uns erzählt, dass er keine Angst von der Polizei hat, weil die ihn alle kennen und alle mögen und ihn niemals deswegen verhaften würden (In Ghana ist die Mindeststrafe für Drogenbesitz, wie Marijuana o. Ä. bei sechs Monaten angelegt). So zeigte er uns auch froh und munter, was er sonst noch so neben seinem Gemüse und Bananen anbaut. Wir haben uns Stunden unterhalten und er erzählte uns seine eigenen Lebensweisheiten. Von irgendwelchen Wahrsagungen haben wir allerdings nichts mitbekommen.

Uns ist in Kaleo nicht langweilig. Einerseits liegt es daran, dass wir überall Freunde haben, die wir besuchen können, andererseits liegt es daran, dass es seit ein paar Wochen auch bei uns „daheim“ nicht mehr langweilig ist. Wir haben einen neuen Mitbewohner. Die Schulleitung hatte uns gefragt, ob wir nicht unser Haus mit einem weiteren Lehrer teilen könnten und wir waren natürlich sofort offen für alles, da wir ohnehin zu viel Platz haben. Als man uns dann sagte, dass Abu bei uns einziehen würde, stieg unsere Motivation auf das neue Zusammenleben ungemein. Abu ist ein kleiner Mann und extrem lustig drauf. Bei unserer ersten Begegnung sagte er gleich zu Anfang, dass er Moslem ist, aber kein Bombenleger, und schon war das Eis gebrochen. Wir sind froh, dass sich jetzt im Haus etwas bewegt und uns, wenn wir denn einmal zuhause sind, nicht langweilig ist. Und einen weiteren großen Vorteil hat es, dass Abu bei uns eingezogen ist: Er ist ein verdammt guter Koch!

Obwohl es in Kaleo, wie schon gesagt, so gut wie nie langweilig ist, suchen wir dennoch immer nach Möglichkeiten, das Land kennenzulernen und andere Ecken von Ghana zu sehen. Eine solche Möglichkeit bot sich uns spontan vergangenes Wochenende. Die Schule machte mit ein paar Schülern eine Exkursion in die Stadt Nandom, da dort ein katholisches Festival mit dem Namen „Jesutanga“ stattfand. Nun bin ich ja nicht katholisch und belächle recht oft ihre Rituale, dennoch war ich interessiert daran. Der Trip war auf zwei Tage angesetzt und man warnte uns vor, dass dabei nicht viel oder gar nicht geschlafen werde, da man die ganze Nacht durchfeiert. Freitagnachmittag stiegen wir also in den kleinen Schulbus und machten uns mit vielen Schülern (von denen viele im Bus stehen mussten, in Deutschland absolut undenkbar!) auf in das circa zwei Stunden entfernte Nandom. Die ganze Busfahrt über wurde getrommelt und gesungen und allein das gab mir das Gefühl, im tiefsten Afrika zu sein. Dort angekommen überschlag sich dieses Gefühl. Wir standen plötzlich inmitten eines riesigen Marktes, wo Händler Essen, Trinken, Pitu, oder andere Waren anboten.

Menschen wuselten herum und man wusste gar nicht, wo man überall hinschauen sollte. Die ganze Szene spielte sich am Fuße eines großen Hügels (die Ghanaer nennen das schon einen Berg) ab, auf welchem eine Kirche steht. Die zwei mitgereisten Lehrer führten uns mit den Schülern herum und auf einem Haus las ich ein Stück Heimat: „Straubing“. Daneben war eine Tafel angebracht, worauf zu lesen war, dass die Häuser hier vom ehemaligen Straubinger Bürgermeister gespendet worden seien. Ja, man findet überall ein Stück Bayern. Nach der kurzen Führung erklommen wir den Berg und uns bot sich eine wirklich atemberaubende Aussicht: Wir hatten wieder einmal eine Aussicht über die Savanne, nur mit dem Unterschied, dass dieses Mal die Sonne langsam über dem Land unterging. Die Trockenzeit ist schon längst angebrochen und es hat seit über einem Monat nicht mehr geregnet. Alles ist sandig und staubig. Und genau dieser Staub lag jetzt bei diesem wahnsinnigen Sonnenuntergang zwischen den endlosen Baumkronen und verlieh der ganzen Szene etwas Mystisches. Während eine Messe auf dem Berg abgehalten wurde, saß ich mindestens eine Stunde auf einem Stein in Richtung Sonnenuntergang und bestaunte die fremde Welt. Als die Messe vorüber war und die Sonne endgültig untergegangen war, ging auf dem Gelände erst richtig die Post ab. Auf dem Berg wurde zwar die ganze Nacht durchgebetet, aber unten am Markt wurde ausgelassen gefeiert, getrommelt und getanzt, und das die ganze Nacht durch. Wir wanderten mit ein paar Schülern herum, die wir zufällig in der Menschenmasse wiederentdeckten, aßen gemeinsam und tranken Pitu. Irgendwann gegen 3 oder 4 Uhr, wurden wir dann müde und wanderten zum Bus zurück. Der Bus war voll mit Schülern, die sich ebenfalls gerade ausruhten und so nahm ich meine Decke und legte mich unter den freien Sternenhimmel. Geschlafen habe ich vielleicht zwei Stunden und als ich am Morgen aufwachte, war die Party immer noch in vollem Gange. So feierten wir noch ein bisschen, bevor wir die Rückfahrt antraten, welche ein Desaster war. Zuerst sprang der Bus aus unbekannten Gründen eine halbe Stunde nicht an. Als wir dann doch zur Abfahrt bereit waren und einige Kilometer gefahren sind, drehte sich der Busfahrer zu mir und sagte, dass die Bremsen nicht mehr funktionieren. Dabei lachte er. Ich fand das weniger lustig, da ich genau wusste, dass auf ghanaischen Straßen eine funktionierende Bremse lebenswichtig ist. Dennoch haben wir es irgendwie lebendig nach Hause geschafft.