Lesenswert (0) Empfehlen Google +

Artikel vom 03. März 2013 14:32, 153 mal gelesen

Hauptstadtkolumne

Wir bauen auf, wir reißen nieder...

Autor: Klaus Sterzenbach
Die Mauer muss weg". Das rief Willy Brandt, das skandierten die eingesperrten Bürger der DDR, das wollten fast alle. Am 9. November 1989 war es dann so weit. Da öffnete sich der Schlagbaum an der Bornholmer Brücke, und schon bald darauf kamen die Mauerspechte. Mit kleinen Hämmern wurde das Bauwerk traktiert, findige Händler verkauften Mauersplitter an die Touristen, dann kam schweres Gerät, und irgendwann war die Mauer wirklich verschwunden. Begleitet vom DDR-Handwerkerspruch: "Wir bauen auf, wir reißen nieder, so gibt es Arbeit immer wieder."

Hie und da steht noch ein Segment herum, dabei handelt es sich um die "vierte Generation", die ab 1975 verbaut wurde. So ein Ding ist 3,60 Meter hoch, 1,20 Meter breit, ungefähr 20 Zentimeter dick, aber mit dem L-förmigen Fuß 2,10 Meter tief. Es wiegt 2,7 Tonnen und kostete einst 359 Ost-Mark, verbaut wurden davon 45.000 Stück. Man kann heute ein angebliches Original inklusive Graffiti für 10.000 Euro erwerben, aber ohne Transportkosten.

Früher, als es die DDR noch gab, wohnte der Franzose Thierry Noir in Kreuzberg, ganz nah an der Mauer. 1984 begann der Mann, den grauen Beton zu bemalen. Manchen gefiel das, anderen nicht. Sechs Jahre später konnte er "drüben" weitermalen, an jenem Teil der Mühlenstraße, der heute weltweit bekannt ist als "East Side Gallery". Dieser Abschnitt der Mauer gilt mit 1,3 Kilometern als die längste Open-Air-Galerie der Welt, sie ist der größte Rest des "antifaschistischen Schutzwalls".

Thierry Noir wollte das "blutige Monster" immer weghaben, aber am Freitagmorgen stand er um acht Uhr mit 200 anderen Leuten davor, um gegen den "brutalen Abriss" zu kämpfen. "Absurd", sagt er selbst dazu, und "paradox". Denn dort, wo die ehemalige Grenze so sichtbar ist wie sonst nirgends, dort soll nun eine Fußgängerbrücke gebaut werden über die Spree. Und, das weiß man nicht so genau, wahrscheinlich auch ein Hochhaus. Mit "Luxuswohnungen", sagen die Protestierer. Aber als Luxus gilt speziell in Kreuzberg und Friedrichshain auch schon mal, wenn jemand nur eine renovierte Fassade hat und der Investor aus Süddeutschland kommt.

Am Freitag also musste die Polizei anrücken, um den Abriss der Mauer zu gewährleisten. Als die Beamten gerade nicht ganz bei der Sache waren, gelang es den Demonstranten, den Ring zu durchbrechen. Sie blockierten den Kran und ersetzten das erste fehlende Mauerstück mit einer Styroporplatte, darauf der Slogan "Mauer wieder zu". Das klingt wie der Abschlussreim von "Ich und du, Müllers Kuh ...", ist aber ernst gemeint. Es herrscht auch Entsetzen bei den Regierungsparteien SPD und CDU, doch juristisch ist da nichts zu machen. Die Mauer steht zwar unter Denkmalschutz, trotzdem hat die oberste Denkmalbehörde zugestimmt, es gibt einen gültigen Bebauungsplan.

Kulturgut, Zeuge der Geschichte, Symbol des Kalten Krieges, so lauten die Argumente der Abrissgegner. Die meisten von ihnen sind so jung, dass sie 1989 noch gar nicht geboren waren. Es geht aber auch um mehr als "nur" die Mauer. Der Immobilienmarkt der Stadt explodiert, die Verdrängung ist ein Thema, und Bauflächen direkt am Ufer sind begehrt. Man fragt: Wem gehört die Stadt? Der Senat hat Fakten geschaffen, diskutiert wurde nicht. Jetzt also Bagger statt Dialog.

Kommentare zum Artikel


Artikel kommentieren


Anzeige
Anzeige

Verbreitungsgebiet Verbreitungsgebiet Cham Deggendorf Regen Dingolfing Straubing-Bogen Regensburg Landshut Erding-Freising-Kelheim
Anzeige
Anzeige