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Artikel vom 04. January 2013 07:35, 78 mal gelesen

Kommentar

Hoffnungsträger Christie

Autor: Dr. Gerald Schneider
Bei den Republikanern herrscht Aufregung. Mit deutlichen Worten gegenüber seiner Partei lässt der Gouverneur von New Jersey, Chris Christie, am Mittwoch aufhorchen. "Enttäuschend und ekelerregend" sei es, dass die Republikaner im Kongress die Abstimmung über die Freigabe von Hilfsgeldern für die Opfer des Supersturms "Sandy" verhindert hätten. "Kaltschnäuzige Gleichgültigkeit" wirft er John Boehner, dem Sprecher des Repräsentantenhauses, vor, der im Zuge der Haushaltsdebatte nicht auch noch in derselben Nacht über die 60 Millionen Dollar an Hilfsgeldern abstimmen lassen wollte. Eine gut vorbereitete Breitseite feuert Christie während einer Pressekonferenz am nächsten Tag auf die eigenen Reihen ab.

Schon bei der vergangenen Präsidentschaftswahl wollten viele Republikaner den 50-jährigen Chris Christie dazu bewegen, sich um das Amt zu bewerben. Doch der Rechtsanwalt, der seit 2009 Gouverneur von New Jersey ist, lehnte mit den Worten "now is not my time" eine mögliche Präsidentschaftskandidatur ab. Christie sah seine Zeit wohl auch deshalb noch nicht gekommen, weil er es für aussichtslos hielt, gegen den Amtsinhaber Barack Obama anzutreten. Doch für die Wahl im Jahr 2016 werden die Karten völlig neu gemischt - eine bessere Ausgangslage also für den republikanischen Hoffnungsträger.

Dabei passt Christie so gar nicht in das Bild einer republikanischen Partei, die sich immer stärker darum bemüht, sich durch Blockadehaltung von den Demokraten abzugrenzen. Pragmatisch, humorvoll, sachorientiert und stets die Dinge beim Namen nennend - so kennt man den gewichtigen Mann aus New Jersey. Auch viele Anhänger der Republikaner, die mit der Machtzentrale in Washington hadern, spricht er damit an. Demokratischen Wählern ist Christie mit dieser Einstellung ebenfalls zu vermitteln.

Da kommt ihm die Verweigerungshaltung der Republikaner derzeit ganz recht. Wenn er seine Partei aus dem Klammergriff von Tea Party und religiösen Eiferern befreien will, muss er diese Gruppen öffentlich bloßstellen. Frontal angehen kann er sie dabei nicht, also nimmt er sich Boehner vor, der angesichts der Festlegungen seiner Partei gegen jede Form von Steuererhöhungen und einen Ausbau des Einflusses Washingtons in der Zwickmühle steckt. Obwohl auch manch anderer Republikaner erkannt haben mag, dass eine prinzipielle Verweigerungshaltung ohne Bereitschaft zum Kompromiss die Partei auf Dauer an den Rand drängen wird, können die Republikaner die konservativen Geister, die sie selbst gerufen haben, nicht so einfach wieder loswerden.

Womöglich hat Christie mit seinen Ausfällen den Republikanern einen großen Gefallen getan. Christie nennt das ungeliebte Ergebnis der derzeitigen Haltung der Republikaner beim Namen: "Schämt euch im Kongress!", alle Amerikaner können sich angesichts der drohenden Probleme unabhängig von Parteizugehörigkeiten mit dieser Botschaft identifizieren.

Dabei ist die Distanzierung von den eigenen Truppen ein probates Mittel in der Politik. Auch hierzulande nutzen Politiker diesen Weg, um sich selbst vom Partei-Establishment abzusetzen und in eine günstigere Position für die Zukunft zu bringen. Zuletzt hat der Regener Landrat Michael Adam so agiert, als er in einer auf Facebook inszenierten Aufregung über die Bayern-SPD herzog.

Nicht nur bei den "Sandy"-Opfern in New Jersey kommen Christies deutliche Worte gut an. Wenn sich der Gouverneur von New Jersey seine Offenheit im Aussprechen unliebsamer Wahrheiten auch im Zuge eines Präsidentschaftswahlkampfes erhalten kann, hat er realistische Chancen, der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Er wäre jedoch nicht der Erste, der seine liberalen Ansichten über Bord werfen müsste, um überhaupt Kandidat der Republikaner werden zu können - der Letzte hieß Mitt Romney.

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