Alles im Museum?

Videospiele, Performance, KI: Neue Werke und Stile in der Kunst

Was darf in einem Museum stehen und was nicht? Diese Frage stellt sich durch Werke, die Grenzen ausloten. Ein Überblick über kreative Köpfe, Stilrichtungen und Trends, die gültige Definitionen verschieben.

Blick ins Klo: „Fountain“ von Marcel Duchamp.

Blick ins Klo: „Fountain“ von Marcel Duchamp.

Objektkunst

Ein Pissoir, ein altes Fahrrad oder eine Cola-Dose: Objektkunst ist oft besonders verwirrend, wenn sie einem im Museum begegnet. Alltagsgegenstände werden dabei zu Kunst erklärt, indem sie in einen neuen Zusammenhang gebracht werden. Entweder, indem man die Sache so, wie sie ist, ausstellt oder mit anderen Elementen kombiniert.

Marcel Duchamp erfand den Begriff der Readymade-Kunst. Dabei wird ein Gegenstand, zum Beispiel ein Pissoir, in seinem bekanntesten Werk „Fountain“ von 1917, beinahe unverändert zu Kunst gemacht. Marcel Duchamp fügte nur eine Unterschrift hinzu. Das Original-Pissoir ist übrigens verschollen. Replikate finden sich in Museen weltweit.

Auch das Werk „Untitled (Portrait of Ross in L.A.)“ von Félix González-Torres ist auf den ersten Blick nur ein Haufen Bonbons. Es entstand 1991 und wird heute in einem Kunstinstitut in Chicago gezeigt. Museumsbesucher dürfen sich sogar eine Süßigkeit nehmen. Also ein Geschenk an die Gäste? Nicht ganz. Der Bonbon-Haufen wiegt anfangs 79 Kilogramm, das Gewicht von Ross Laycock, dem verstorbenen Partner des Künstlers. Um das Gewicht zu halten, wird der Stapel nach einiger Zeit aufgefüllt. So wie die Museumsbesucher von dem Bonbon-Haufen essen, fraß die AIDS-Krankheit Ross Laycock bis zum Tod auf. Der Zuschauer, der sich ein Bonbon nimmt, wird zum Mittäter – so wie die Politiker und die Bevölkerung, die während der AIDS-Krise in den 1980er- und 90er-Jahren die Krankheit und ihre Folgen gerade für queere Menschen ignorierten.

Marina Abramović blickt bei „The Artist is Present“ ihrem Gegenüber in die Augen.

Marina Abramović blickt bei „The Artist is Present“ ihrem Gegenüber in die Augen.

Performance-Kunst

Ein Künstler stellt sich ins Museum oder an einen anderen Ort und seine Handlungen oder die Situation werden zum Werk – das ist Performance-Kunst. Bekannt für diesen Stil ist zum Beispiel Marina Abramović. Die serbische Künstlerin hat oft verstörende oder kontroverse Werke, die Besucher aus ihrer Komfortzone zwingen sollen. So saß sie zum Beispiel im Jahr 2010 über 700 Stunden auf einem Stuhl im Museum of Modern Art in New York, sieben bis acht Stunden pro Tag. Dabei schwieg sie. Die Performance namens „The Artist is Present“ (deutsch: Der Künstler ist präsent) lud Besucher ein, sich ihr gegenüberzusetzen und in die Augen zu schauen.

Die Künstlerin Yoko Ono, die „Beatles“-Fans als Partnerin von John Lennon kennen, ist auch für ihre Performances bekannt. Bei „Cut Piece“ durfte das Publikum die Klamotten der Künstlerin mit Scheren abschneiden. Ihr Buch „Grapefruit“ ändert die Perspektive: Darin befinden sich Anweisungen der Künstlerin an den Leser. „Kunstwerk zum Drauftreten“ fordert zum Beispiel auf: „Lass ein Bild oder eine Leinwand auf dem Boden oder der Straße liegen.“

Der Künstler Invader hat es auch nach München geschafft.

Der Künstler Invader hat es auch nach München geschafft.

Street Art

Kunst muss nicht immer nur in Museen stattfinden: Street Art macht sie für jeden auf der Straße zugänglich. Graffiti und Künstler Banksy haben den Stil bekannt gemacht. Seine sozialkritischen Werke tauchen über Nacht an Straßenecken auf und sind Millionen wert. Er ist bekannt für seine Publicity-Stunts: So schredderte er das Bild „Girl with Balloon“, direkt nachdem es bei einer Auktion verkauft worden war. Er bot auch einmal seine Werke für 60 Dollar an einem Stand in New York an, sagte aber niemandem, dass es echte Zeichnungen von ihm seien.

Wer der Künstler ist, ist unbekannt, doch nach Recherchen der Nachrichtenagentur Reuters gibt es seit ein paar Monaten eine Theorie: Es soll der Künstler Robin Gunningham sein, der aber inzwischen unter dem Namen David Jones leben soll. Dass das Geheimnis nun nach vielen Jahren gelüftet sein könnte, macht viele Banksy-Fans unglücklich. Die Anonymität gehöre für sie zum Künstler dazu. Genauso werfen Banksys Graffiti die Frage auf, was Kunst und was Vandalismus ist: Seine Werke werden wegen ihres Geldwertes oft geschützt oder gestohlen, während andere Künstler für ihre Straßenkunst verklagt werden.

Ein anderer bekannter Street Artist ist der Franzose Invader. Aus Mosaikteilen formt er Motive, die an alte, verpixelte Videospiele erinnern. Oft zeigen seine Werke popkulturelle Motive oder die namensgebenden Space Invaders aus dem alten, gleichnamigen Arcade-Videospiel. Seine Pixel-Mosaike befinden sich in vielen Großstädten, darunter auch in München. Dort sind seit einiger Zeit 18 Werke von Invader versteckt. Mit der kostenlosen App „Flash Invaders“ können Fans des Künstlers die Bilder fotografieren und wie in einem Arcade-Spiel Punkte sammeln. Je mehr Invader man findet, desto höher klettert man in der weltweiten Rangliste. Oft befinden sich die Mosaike an bedeutsamen Orten oder laden ein, abgelegenere Gassen einer Stadt zu erkunden.

Videospiele

Auch wenn weiter darüber diskutiert wird: Games werden immer mehr als eine Kunstform akzeptiert. Viele, die Videospiele in ihrer Kindheit spielten, sind inzwischen erwachsen. So finden Games öfter einen Platz in modernen Museen. „Great Adventure of Material World“ von Multimedia-Künstler Lu Yang lud zum Beispiel schon in verschiedenen Galerien auf der ganzen Welt zum Zocken ein, darunter in Amsterdam und New York. Der Straubinger Künstler Pascal Koertel findet: „Natürlich sind Games Kunst. Schließlich arbeiten auch zahlreiche Designer, Künstler und andere Kreative an ihnen. Und wie vor einem guten Gemälde taucht man in eine neue Welt ab.“

Das Besondere ist hier, dass Spiel und Spieler direkt miteinander interagieren. Gerade Indie-Games wie „Undertale“ oder „Inscryption“ experimentieren mit den künstlerischen Möglichkeiten, die ein Game bietet. Andere wie „Minecraft“ sind dagegen eine Welt, in der Spieler alles Mögliche bauen können – auch riesige Kunstwerke aus verpixelten Blöcken.

Die Rock-Band Radiohead hat sogar ein kostenloses Game veröffentlicht, das Museum und Kunstwerk zugleich ist. Der Spieler läuft durch abstrakte, labyrinthartige Räumlichkeiten, begegnet Ausstellungsstücken, inspiriert von den Alben „Kid A“ und „Amnesiac“, und kann die einzelnen Werke in stiller Atmosphäre auf sich wirken lassen.

KI-Kunst

Kann künstliche Intelligenz Kunstwerke erschaffen? Das ist gerade eine hitzige Diskussion, die Museen und Künstler führen. Eigentlich nimmt eine KI nur Elemente aus den Tiefen des Internets und fügt sie zu etwas anderem zusammen. Das wirft Fragen zum Urheberrecht auf, die noch nicht geklärt sind.

Je nachdem, welches Programm man nutzt, erkennt man auch, dass jede KI einen etwas unterschiedlichen Stil hat. Menschen, die sich als KI-Künstler bezeichnen, argumentieren, dass das menschliche Hirn auch nur bekanntes Wissen kombiniert und etwas Neues ausspuckt. Die Daten, mit denen eine KI gefüttert ist, seien also wie die Inspiration, die ein Mensch mit sich trägt. Außerdem betonen selbsterklärte KI-Künstler, dass die Programme Kunst für jeden zugänglich machen, auch für Menschen ohne eine Begabung zum Zeichnen oder Zugang zu teuren Materialien.

Kritiker warnen, dass KI die Bedeutung von Kunst und des Menschen verwässern könnte. Außerdem fehlt es oft noch an Transparenz, ob ein Werk mit einer KI erstellt wurde. Es geht um die Frage: Was ist Kunst wert, wenn kein Mensch dahintersteht, um dem Werk einen Wert zu geben?

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