[Frei]schreiben!
Dreaming my dreams...

Ich warte. Auf was Spannendes. Dass ein Chinaböller durchs Zimmer rauscht und ein Loch in die Wandtafel schlägt. Oder allen die Gürtelschnallen platzen. Vielleicht könnte uns die Lehrerin auch einen Salsatanz vorführen. Oder dass dem Kartenständer auf einmal eine blonde Lockenpracht wächst. Mir würde es schon reichen, wenn mal jemand husten oder gähnen oder sich an der Nase kratzen würde. Mir ist so langweilig, dass ich gespannt auf den nächsten Lidschlag meiner Banknachbarin warte.
Kennst du das auch?
Diese leeren Zeitabschnitte, in denen du nicht sagen kannst, was du getan hast oder wo du warst? Wenn du plötzlich aufwachst und du hast keine Ahnung, was du hier auf diesem Plastikstuhl vor dem winzigen Tisch, auf dem Papier mit Hieroglyphen liegt, zu suchen hast? Deutlich nimmst du den Kohlenstoffdioxidgehalt in dieser puddingdicken Luft wahr. Verschiedene Körperdüfte, die sich zu einem großen, dampfenden Gestank verschwören, der dich irgendwie an den dumpfen Schmerz des Nachdenkens in deinem Hinterkopf erinnert? Antwort: Du bist in der Schule. Und da vorn führt eine strickjackentragende Frau eine faszinierend hypnotische Bewegung durch: Der Kiefer klappt auf und zu, und die hervorstehenden Biberzähne von frisch gerauchtem Schwefel-Gelb locken die Säure aus deinem Magen. Zu. Auf. Zu. Auf. Ein Geräusch, das dich an eine würgende Katze erinnert, dringt als Räusperer aus ihm hervor. Sie setzt das Nasenfahrrad auf, beugt sich auf dem angeschrägten Sitzkissen nach vorn zu ihrem Computer und klickt rum. Lehnt sich wieder nach hinten, die Brille wieder in der Hand. Räusperer. Auf. Zu. Auf.
Existenzgrundlage Gummibärchen?
Irgendwo aus der hinteren Ecke links dringt eine schläfrige, unverständliche Schülerantwort an dein Ohr. Du schaffst es noch, den fragenden Gedanken an einen neuen russischen Mitschüler vor einen Tagtraum mit einem fliegenden Pavian zu quetschen. Dann knallt dein Kopf auf die Tischplatte. Du beschließt, weil du so erwachsen und vernünftig bist, wenigstens noch den Rest der Stunde mit heim zu nehmen. Auf. Zu. Worum geht's da überhaupt? "Bevölkerung mit einer Fülle von Sondergesetzen von den normalen Lebenszusammenhängen ausgeschlossen und ihrer Existenzgrundlage beraubt. Die Maßnahmen ..." Deine Existenzgrundlage ist grade dabei, in dir zu vertrocknen. Du fängst an, darüber zu philosophieren, was deine Existenzgrundlage ist. Gummibärchen vielleicht. Oder Fußball. Oder ... Nein! Du wolltest doch zuhören! " ... in West- und Osteuropa. In den besetzten Teilen ..." Du hast dich schon immer gefragt, wie das mit dem Besetzen geht. Kommen da die Militaristen (heißen die so?), setzen sich in einem weißen Haus ins Wohnzimmer und lassen sich die Besetzungsverträge zum Unterschreiben bringen? Jetzt pass mal auf! "... Auswanderung verboten und im November begannen die ... unmittelbar nach dem Überfall auf die ... radikalisierte sich ... entscheidend ... operierenden ... wenigen ... im ..." Komisch, denkst du, ich hab' das Radio doch erst letzte Woche repariert?
Auf. Zu. Auf. Zu. Auf. Räusperer. Deine Nerven zerren an deinen Armen - die wollen sich nämlich unbedingt bei dieser stickjackentragenden Frau rächen. Für die verplemperte Zeit, für die grusligen Tagträume, die verplemperte Zeit, die Langeweile und die verplemperte Zeit, in der man schon längst in so ein weißes Haus hätte spazieren können!
Na gut, wenn jeder bereitwillige Versuch, wenigstens per Ohrfunk am Unterricht teilzunehmen, zum kläglichen Scheitern verurteilt ist, dann willst du die Zeit wenigstens sinnvoll verplempern. Du holst ein Buch aus der Schultasche und fummelst heimlich am Lesezeichen. Du tauchst ein in eine andere Welt, eine ohne vergilbte Biberzähne, ohne Räusperer und Besetzungsverträge. Vielleicht aber eine Welt mit Zaubermeistern. Aujah! Oder eine mit ganz viel Liebeskummer.
Montague und Capulet als letzte Rettung
Jemand sagt deinen Namen. Verdammt, bist du erschrocken! So prompt aus deiner Geschichte gerissen zu werden, tut beinahe körperlich weh. "Was?", fragst du. Diese Frage ist zwar aus deiner Sicht berechtigt, aber alle anderen schauen dich an, wie ... naja, doof halt. "Du weißt des doch, oder?" - "Ach, Süße, ich hab dich ja wirklich gern und wir sind normalerweise auch auf einer Wellenlänge und so, aber im Moment hab ich echt keine Ahnung was du meinst. Ich war gerade im Nimmerland ..." - "Du weißt doch, wie Romeo und Julia mit Nachnamen heißen, oder?" Ach, darum gehts. Du schickst ein kleines Stoßgebet an den lieben Gott, weil dir grade noch einfällt, dass das dein Referatsthema war und schreist die Antwort ins Klassenzimmer, damit ja alle wissen, dass du voll dabei bist. Obwohl Montague und Capulet jetzt echt nicht schwer zu merken ist! Das Bibergebiss grinst dir zu. "Schaut's", sagt es und räuspert sich, "Die arbeitet wenigstens mit!"
Also, da dies ein öffentlicher Artikel ist, liebe große und kleine Kinder, muss ich als erzieherisches Machtwort eine kleine Klausel an den Schluss anhängen. Laut Paragraph soundso wird Träumen, Lesen, Fragen, gar nicht erst hören aber zufälligerweise richtig beantworten und dafür gelobt werden, mit fünfzig kostenlosen, langweiligen Unterrichtsstunden bestraft.









