Leichtathletik-EM
Silber-Läufer Florian Bremm: Seine Wurzeln liegen in Straubing

Sven Hoppe/dpa
Den Tränen nah ist Florian Bremm nach Silber über 5.000 Meter bei der Leichtathletik-EM.

All die Strapazen, das harte Training, der jahrelange Kampf um den Anschluss an die Weltspitze waren vergessen, als Florian Bremm nach Silber bei den Leichtathletik-Europameisterschaften um Worte rang. „Auf so etwas ist man ja nicht vorbereitet“, sagte Bremm (Franconia Athletics) von den Emotionen überwältigt nach seinem zweiten Platz über 5.000 Meter und dem mit Abstand größten Erfolg seiner Karriere. „Es ist so eine Tagträumerei.“
Von einer „Überraschung“, gar „Sensation“ war die Rede, nachdem Bremm im britischen Birmingham nach einem taktisch cleveren Rennen und einem spannenden Schlussspurt zu Platz zwei gestürmt war. Im Schatten unter anderem des deutschen 5.000-Meter- und 10.000-Meter-Rekordhalters Mohamed Abdilaahi, der wegen Fußproblemen auf die EM verzichten muss, lief Bremm, der aus Colmberg bei Ansbach kommt und in Erlangen wohnt, hierzulande für viele unter dem Radar. Zumindest bis zu seinem Silber-Coup.

Chai von der Laage/imago
Nur der zweimalige Olympiasieger Jakob Ingebrigtsen (links) aus Norwegen war am Montag schneller als Florian Bremm.
„Also so was juckt mich ja wirklich gar nicht. Also es ist eigentlich schön, der Underdog zu sein. Und das ist schon immer eine Rolle, in der ich gerne war und bin“, sagte Bremm. Am ersten Finalabend im spärlich gefüllten Alexander Stadium musste er sich auf den letzten Metern nur dem norwegischen Laufstar Jakob Ingebrigtsen, dem zweimaligen Olympiasieger, geschlagen geben - und lief damit erstmals so richtig ins Rampenlicht.
Als Bub Sieger beim Gäubodenvolksfestlauf
Bremms Wurzeln liegen auch in Straubing, wo sein Vater geboren wurde und wo Onkel, Tante, Cousins und Cousinen leben. Seine Oma war die bekannte Straubinger Sportlerin und Trainerin Rosi Bremm, die jahrzehntelang Übungsleiterin beim FTSV Straubing, unter anderem im Kinderturnen, und Referentin bei der Katholischen Erwachsenenbildung war. Von der vor elf Jahren verstorbenen Oma habe Florian Bremm wohl auch die „Liebe zum Sport“, die in der ganzen Familie fest verankert sei, meint Cousine Marion Bremm.
Einer seiner ersten Wettkämpfe als Bub sei der Gäubodenvolksfestlauf des FTSV Straubing gewesen, den er gleich gewonnen habe. Vor zwei Jahren nahm Florian Bremm noch einmal an dem Wettbewerb teil, ohne sich vorher groß als Profisportler anzukündigen, und gewann den Hauptlauf über zehn Kilometer in 33:21 Minuten.
Sein Potenzial hatte Bremm auch in dieser Saison schon gezeigt. Um fast 13 Sekunden auf 12:56,80 Minuten hatte er Anfang Juni im finnischen Turku seine Bestleistung über 5.000 Meter gesteigert und sich damit in die europäische Spitze katapultiert. „Das ist irgendwas, was wir Stück für Stück aufgebaut haben. Und das war kein Zufall“, sagte Bremm, der das erste deutsche EM-Edelmetall über 5.000 Meter seit Bronze für Richard Ringer in Amsterdam vor zehn Jahren holte.
Er verfolge einen Trainingsansatz mit hohen Umfängen und kontrollierten Intensitäten, erklärte der Franke sein Erfolgsrezept. 160 bis 170 Kilometer in der Woche spult Bremm ab. „Ich glaube, das tut mir sehr gut, viele Umfänge zu machen und auch bei mir zu bleiben.“
Er habe „wirklich schon sehr viel für den Sport getan“, betonte der EM- Zweite. „Wenn man ehrlich ist, ist auch der Profisport super egoistisch, und ich verlange da auch sehr viel von meiner Familie, von meiner Freundin und meinen Freunden. Da bin ich viel weg und irgendwie nimmt man immer bloß, man gibt wenig“, sagte Bremm, der seine Freudentränen nach dem Rennen mit der Deutschlandfahne trocknen musste.
„Auf der Zielgeraden dachte ich mir: Fuck, fuck, fuck“
Kurz zuvor war er mit der Situation auf der Zielgeraden auf der blauen Bahn in Birmingham, als er die Medaille vor Augen hatte, komplett überfordert. „Wenn ich ehrlich bin, dachte ich mir: Fuck, fuck, fuck, fuck, fuck! Ja, so war es eigentlich“, erklärte der 25-Jährige. Er habe dann einfach nur versucht, die Beine so schnell wie möglich zu bewegen.
Auf internationaler Bühne war Bremm vor der EM bei großen Meisterschaften noch relativ unerfahren. Sein bestes Ergebnis war ein siebter Platz über 3.000 Meter bei der Hallen-EM im niederländischen Apeldoorn im vergangenen Jahr. Nun gelang ihm der Durchbruch. Und der zweite Platz von Birmingham soll keine Eintagsfliege bleiben.
Der große Traum: Bei Olympia im Finale mitmischen - am liebsten schon 2028 bei den Sommerspielen in Los Angeles. „Ich habe mir mal jetzt als Ziel die Top-Acht gesetzt. Das ist, glaube ich, ein hohes Ziel. Wenn ich jetzt so weitermache, ist das in realistischer Reichweite“, sagte Bremm. Doch bevor er sich wieder in die Trainingsstrapazen eines Läufers stürzt, will Bremm Urlaub machen. „Wir wollen mit dem Wohnmobil weg - entweder Rennradurlaub oder Surfurlaub.“ Ganz ohne Sport geht es für Bremm also auch in der wettkampffreien Zeit nicht.








