Inklusive Datingnacht
Hans hat eine Behinderung - in Oberalteich hofft er auf die große Liebe

Lorenzo Schmidts
Menschen mit Behinderung sollen bei der „Lovestory“ unbeschwert ihren Bedürfnissen nachgehen können.
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Im Video erzählt Patrick Fuchs aus der Redaktion für den Landkreis Straubing-Bogen, wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.
Er schaut sich das Ganze am liebsten von oben an. „Von außen sieht man das Spiel immer besser als im Feld.“ Das weiß er noch aus seiner Zeit als Fußballer. Stürmer war er, die Neun. 225 Tore habe er geschossen, „aber mindestens genauso viel gefoult“. Statt der Neun auf dem Rücken trägt er heute die 124 auf einem kleinen, pinken Anstecker auf seiner Brust. Und zum Grätschen und Torejagen ist er auch nicht hier. Er ist hier, weil er mit einer geistigen Behinderung lebt und die große Liebe sucht. Wie so viele andere.
179 weitere Menschen mit Behinderung sind an diesem Samstagabend dem Ruf der Liebe ins Kulturforum Oberalteich (Kreis Straubing-Bogen) gefolgt - von Landshut bis Regensburg, von Deggendorf bis Eggenfelden. Zur „Lovestory 3.0“ - einem Datingabend für eben jene, die ansonsten auf dem Singlemarkt häufig durch das Raster fallen. Für zumindest eine Nacht im Jahr sollen sie hier unbeschwert turteln, anbandeln und knutschen.
Die 124 späht über eine Brüstung nach unten in den Saal. Dort sieht er einen Mann im rot-weißen Blumenhemd. Er hüpft auf einem Bein zu Elvis Presleys Jailhouse Rock. Einige Rollstuhlfahrer wippen daneben in ihren Sitzen hin und her.
Auf der anderen Seite der Tanzfläche unterhält sich ein Mann in knallrotem Sultan-Kostüm mit zwei Anzugträgern, Frauen in Kleidern tanzen einen Twist. Auf den ersten Blick wirkt es, als hätte man der Hälfte der Gäste gesagt, sie sollen sich für einen Abschlussball kleiden - und der anderen Hälfte eine Mottoparty versprochen. In dieser bunten Menge hält die 124 Ausschau nach der Einen. Noch ein kurzer Blick hinunter, dann schüttelt er den Kopf: „Na. No nix.“
Hans (Name geändert), die 124, redet gerne. Darüber, wie gerne er den FC Bayern hat. Wie gerne er an Computern herumtüftelt. Wie sehr es ihn hunzt, dass an der Straubinger Rathausbaustelle nichts vorangeht. Kontaktprobleme hat er eigentlich keine, sagt er.
Mit der Liebe hat es trotzdem bislang nicht klappen wollen. Er habe es schon oft probiert. Schon lange sehne er sich danach. Aber das mit den Gefühlen sei eben immer so eine Sache. „Man kann das nicht steuern.“ Sie kommen, oder halt nicht. Wenn man verliebt ist, fühlt es sich warm an - „hier drin“, deutet er auf seine Brust. Doch die Warterei ist er jetzt leid. Darum schaue er sich den Abend heute mal an.
Vom kleinen Wunsch zur großen Liebesgeschichte
Dass es Veranstaltungen wie diese überhaupt gibt, verdankt Hans den St.-Hildegard-Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung - insbesondere Cosima Mildenberger. „Mei. Das fing eigentlich nach Corona an“, erinnert sie sich. Eine Gruppe sei damals auf Einrichtungsleiter Axel Weigert zugekommen. Sie wünschten sich soziale Kontakte. Gemeinsam mit Kollegin Franzi Zollner und einem insgesamt sechzehnköpfigen Organisationsteam ruft Mildenberger also 2022 die inklusive Datingnacht ins Leben - und schafft damit etwas Einmaliges in der Region.
Heute, nur drei Jahre später, ist die Lovestory für Menschen mit Behinderung eine jährlich stattfindende Institution. „Der Anklang ist Wahnsinn - die Leute freuen sich das ganze Jahr darauf“, sagt Mildenberger. Sie weiß, was Menschen mit Behinderung wollen und was sie brauchen, wenn es um Liebe geht. Mildenberger weiß aber auch, welche zusätzlichen Hürden Menschen mit Behinderung oft auf ihrem Liebesweg überwinden müssen. Sie muss es ja wissen - immerhin ist sie nicht nur die gute Fee des Abends, sondern auch Sexualpädagogin.
Nicht alle reden so gerne und viel wie Hans. „Manchmal können Menschen mit Behinderung die eigenen Bedürfnisse nicht in Worte fassen und es an einen Partner rückmelden“, sagt Mildenberger. Das kann viele Gründe haben, zum Beispiel, weil sie nicht verstehen, warum sie fühlen was sie fühlen.
Daher sei es ihre Aufgabe, die Bewohner der St.-Hildegard-Einrichtungen aufzuklären. Über den eigenen Körper, Verhütung, Prävention. Dazu nutzt sie 3 D-Modelle, Videos und Knetfiguren. Einmal im Quartal verschickt sie einen „Loveletter“ - einen Brief, der mal Körper, mal Beziehungen und mal Aufklärung in den Mittelpunkt stellt.
Dabei ist ihr eine barrierefreie Aufklärung wichtig. Denn barrierefrei heißt nicht nur, Rollstuhlrampen vor Rathäuser zu bauen und die Steige an Bahnhöfen abzusenken. Es heißt auch, so zu kommunizieren, dass es jeder versteht.
„Zum Beispiel bei unseren Steckbriefen“, erklärt sie, „die sind in einfacher Sprache und mit vielen Bildern.“ Die hängen neben der Tanzfläche an einer Pinnwand. Dahin ist nun auch Hans gewandert, nachdem er seine zweite Flasche Cola ausgetrunken hat. Nach vorne gebückt, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, mustert er die Steckbriefe von oben bis unten. Außer den, der ganz rechts oben hängt. Etwas abseits von den anderen.
Es ist sein eigener.
Analoges Flirten in einer digitalen Welt
Darauf erfährt man neben seinem Namen noch, dass er aus dem Straubinger Umland kommt, Mitte 40 ist, gerne wandert, schwimmt und ein guter Zuhörer ist. Allzu lange hält es Hans dann aber auch wieder nicht bei den Leuten. Nach der Musterung zieht er sich wieder stillschweigend zurück auf seinen Logenplatz. Aber nicht ohne einen letzten Kontrollblick: Der schweift nach rechts oben. Ein zufriedenes Nicken. Er scheint mit seinem Analog-Datingprofil zufrieden.
Auf gängigen Online-Datingportalen wie Tinder und Parship stoßen Menschen mit Behinderung hingegen häufig an Grenzen. An der Bedienung scheitern bereits einige. Tinder beispielsweise gibt es in 55 Sprachen. Einfache Sprache ist keine davon.
Hans ist das aber eh egal. Von Online-Dating hält er nichts. „Reden muss man“, sagt er, „sonst weiß man ja gar nicht, ob es passt.“ Er beobachtet wieder beobachtet wieder von oben. „Obwohl“, lehnt er sich zurück und streckt den Zeigefinger in die Luft - Instagram hat er. Und da würden ihn öfter mal Frauen anschreiben. Schöne Frauen. Man chatte dann hin und her, sei sich sympathisch. Dann fragen sie nach Geld. „Die blockier’ ich sofort. So eine brauch ich doch nicht. Sollen sie selbst arbeiten gehen.“

Lorenzo Schmidts
DJ Mike (auch er hat eine Behinderung) sorgte gemeinsam mit DJane Emmagedon für die Musik.
Solche Chats können aber schnell schiefgehen. „Natürlich lauern online viele Gefahren“, sagt Mildenberger. Wie eben Betrüger, die damit Geld scheffeln, Leuten schöne Augen zu machen. „Da ist es ganz, ganz wichtig, aufzuklären.“ Deshalb seien Veranstaltungen wie die Lovestory besonders wichtig. Abseits der digitalen Welt und in sicherem Umfeld. Menschen mit Behinderung können sich hier ungezwungen kennenlernen - und werden dabei unterstützt.
Vier „Liebesengel“ huschen über die Bühne. Sie sollen das Eis brechen, verkuppeln. „Natürlich ist wichtig, dass die Partner auch zusammenpassen“, sagt Mildenberger. Dazu gehört, herauszufinden, ob die Entwicklung auf ähnlichem Stand ist und, ob man sich sympathisch ist. Empathie sei dabei gefragt. „Das ist aber wie im echten Leben. Man spürt schnell, ob es funkt.“
Ein blonder Engel findet vor der Pinnwand eine Frau. Sie trägt ein Oberteil mit Perlenmuster. Darauf stehen „Kiss me“ und ein rot schimmerndes Herz. Die Schultern hat sie hoch- und den Hals eingezogen. Die Hände wie zum Gebet gefaltet, tippt sie ihre Finger aneinander. Bis sie der Engel an der Hand nimmt. Sie tut sich schwer, Worte zu finden, deutet auf jemanden - und verschwindet mit ihrem Engel.
Das Strahlen einer stolzen Mutter
Wenige Meter daneben sitzt ein Pärchen - grüne Hose und graues Jeanshemd - küssend auf der Bühne. „Schau her, es wird fleißig geschmust“, sagt Mildenberger und lacht. Es sei einmal mehr eine erfolgreiche Lovestory. „Zwei haben ein Kinodate am 24. Oktober“, erzählt sie und strahlt dabei wie eine stolze Mutter. Außerdem hat sie schon einen Steckbrief abhängen müssen, weil die Frau darauf schon jemanden gefunden hat - und ein homosexuelles Paar hat Nummern ausgetauscht.

Lorenzo Schmidts
Vier Liebesengel (links) begleiten die Gäste durch den Abend. Nehmen Ängste, verkuppeln, brechen das Eis - und sorgen dafür, dass die Gäste sich wohlfühlen.
Während sie erzählt, taucht plötzlich die Frau mit dem „Kiss me“ Perlenmuster wieder aus der Menge auf. Diesmal ohne Liebesengel, aber dafür grinsend und mit Mann an der Hand.
Er ist groß, hat lockige braune Haare, trägt eine Brille und einen Anzug. Sie ist zierlich, ganz in Schwarz gekleidet, die Haare zusammengebunden.
So schunkeln sie inmitten der Tanzfläche eng umschlungen zum Münchener-Freiheit-Hit Ohne Dich schlaf’ ich heut Nacht nicht ein.
Und Hans? Der hat sich mittlerweile wieder nach unten gewagt. Er steht mit dem Rücken an der Wand und verschränkten Armen einige Meter neben der Tanzfläche.
Sein Blick schweift noch einmal durch den Raum und verliert sich doch im Nichts. Für viele war die Lovestory ein Erfolg; neue Bekannte, neue Liebeleien. Hans wartet noch immer. Von außen hat er gesagt, sieht man das Feld besser. Und doch wirkt es so, als würde er gerade lieber selbst spielen.










