Rechtsextremer Anschlag

Fünf Jahre Hanau: Ein Regensburger nahm seinen toten Bruder mit nach Hause

Vor fünf Jahren starb Fatih Saraçoglu bei einem rechtsextremen Anschlag in Hanau. In Regensburg ist für seine Familie seitdem nichts mehr wie zuvor. Von der Stadt fühlen sie sich alleine gelassen.

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Hayrettin Saraçoglu verlor am 19. Februar 2020 seinen Bruder Fatih Saraçoglu.

Hayrettin Saraçoglu verlor am 19. Februar 2020 seinen Bruder Fatih Saraçoglu.

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Im Video erzählt Redakteur Michael Bothner von der Regensburger Zeitung, wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.

Die alten Boxhandschuhe hat Hayrettin Saraçoglu noch immer. Sie liegen mit anderen Andenken in einer Kiste, stets griffbereit. Tragen wird sie sein Bruder Fatih aber nicht mehr. Er ist eines der neun Opfer des rechtsextremen Attentats von Hanau am 19. Februar 2020. Der Täter war getrieben von Hass, Verschwörungsglauben, Menschenfeindlichkeit. Fünf Jahre später sitzt Hayrettin am Esstisch. Der Verlust des Bruders hat eine tiefe Lücke gerissen. Die Worte fallen ihm schwer, als er und seine Frau Derya von Fatih erzählen.

Für ihn war Boxen weit mehr als ein Sport, sagt Hayrettin über seinen älteren Bruder. Boxen habe ihm Struktur gegeben und die Entschlossenheit, Hindernisse zu überwinden. Hindernisse hatte Fatih manche im Leben. Er wurde 1985 im türkischen Iskilip geboren und wuchs in Regensburg auf.

Mit Kampfsport gegen die Krankheit

Wäre die Sprachbarriere anfangs nicht gewesen, sind sich Hayrettin und Derya sicher, Fatih wäre mit neun Jahren nie am Sonderpädagogischen Förderzentrum an der Bajuwarenstraße gelandet. Fatih habe damit lange zu kämpfen gehabt. "Er wollte immer zeigen, dass er mehr drauf hat", sagt Derya. Sie hat Fatih als Jugendlichen kennengelernt. Er sollte ihr wie ein Bruder werden.

Als Kind litt Fatih an Epilepsie und war auf Medikamente angewiesen. Akzeptieren wollte er das nicht, erinnert sich Hayrettin. Deshalb habe Fatih mit dem Boxen angefangen - um körperlich stärker zu werden, der Krankheit etwas entgegenzusetzen. Der Sport sollte Fatih ein Gefühl der Kontrolle und Stärke vermitteln. Mit 16 Jahren sollte er letztmals einen epileptischen Anfall haben. Fatih holte den Hauptschulabschluss nach, machte eine Ausbildung zum Schlosser und fing später in der Maschinenfabrik Reinhausen an. Damit sei Fatih erst einmal zufrieden gewesen, sagt Derya.

Fotos zeigen Fatih als einen lebensfrohen Menschen - bis ein Rechtsextremist ihn und acht weitere Personen in Hanau erschoss.

Fotos zeigen Fatih als einen lebensfrohen Menschen - bis ein Rechtsextremist ihn und acht weitere Personen in Hanau erschoss.

Im Gespräch überlässt es Hayrettin immer wieder ihr, die Erzählungen näher auszuführen. Jetzt, kurz vor dem fünften Jahrestag, sei es wieder besonders schwer. Mit Fatih sei auch ein Teil von ihm selbst gestorben, sagt Hayrettin. Die Mimik verändert sich kaum während des knapp dreistündigen Gesprächs. Mit dem schwarzen Haar und ergrauten Vollbart wirkt sie noch einmal strenger. Er habe sich stark verändert, sagt Derya. Hayrettin macht sich bis heute Vorwürfe, seinen Bruder nicht von einem Umzug abgehalten zu haben.

Hanau sollte ein neuer Abschnitt werden

In Hanau wollte Fatih 2017 einen Neustart wagen. Er machte sich als Schädlingsbekämpfer selbstständig. Der Werbespot ist heute noch bei Youtube zu finden. Er war dabei, ein bundesweites Netzwerk aufzubauen, sagt Hayrettin. "Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, hat er das intensiv verfolgt."

Neben dem wirtschaftlichen Erfolg habe sich Fatih auch privat in Hanau sehr wohlgefühlt. Die Stadt sei sozio-kulturell vielfältig, sagt Derya. Das habe gut zum lebensfrohen, stets gut gelaunten und immer hilfsbereiten Fatih gepasst. Den Eltern half er weiterhin, wo es möglich war, etwa bei Behördengängen. Hayrettin und Derya trieb er dazu an, sich mit einem Onlineversand für Trockenfrüchte endlich selbstständig zu machen.

An einem Februarwochenende vor fünf Jahren hatten die beiden Brüder vereinbart, Hayrettins Laptop entsprechend aufzubereiten. "Ich wollte zu ihm nach Hanau fahren", sagt Hayrettin. Dann kam die Nacht des 19. Februar. "Statt des Laptops habe ich meinen toten Bruder mit nach Hause genommen."

Beim Anblick der Bilder seines Bruders kann Hayrettin Saraçoglu nicht anders: Er lächelt. Er und Derya Saraçoglu suchen weiter einen Umgang mit der Tat.

Beim Anblick der Bilder seines Bruders kann Hayrettin Saraçoglu nicht anders: Er lächelt. Er und Derya Saraçoglu suchen weiter einen Umgang mit der Tat.

Erfahren hat die Familie von der Tat nicht etwa von der Polizei. Eine fremde Frau rief sie an. "Sie sagte, wir müssten sofort kommen", erinnert sich Derya. In den Nachrichten liefen bereits Meldungen rauf und runter. Ein Mann soll neun Menschen aus rassistischen Motiven getötet haben. Die Opfer wählte er gezielt nach ihrem Aussehen aus. In Hanau bestätigte dann Fatihs Vermieterin recht taktlos: "Dein Bruder ist tot, finito, aus, nicht mehr da." Hayrettin sei auf dem Boden zusammengebrochen, sagt Derya. Sie selbst habe vor Schock gezittert. "Diesen Moment vergesse ich nicht, der ist eingebrannt." Warum nicht die Polizei mit ihnen geredet hat, fragt sich Derya bis heute. "Die haben doch professionelle Leute."

Die Tat hat sich auch auf das eigene Sicherheitsgefühl ausgewirkt, sagt Derya. Ihre Vergangenheit geriet in ein neues Licht. "Plötzlich erkannte ich, welche Rolle Rassismus für mich im Alltag eigentlich hat." In Regensburg störten sich 2021 Unbekannte an einer Plakataktion mit dem Porträt von Fatih Saraçoglu und zerstörten mehrmals Plakate.

"Als würden wir nicht dazugehören"

Aus Sorge darum, Fatihs Grab könnte geschändet werden, ließ Hayrettin seinen Bruder in dessen Geburtsort beisetzen. Ohne seine Kinder würde Hayrettin womöglich längst dort leben - dort, wo es inzwischen eine Fatih-Saraçoglu-Straße gibt. "Als Zeichen des Respekts", wie Hayrettin sagt. In Regensburg, wo Fatih den Großteil seines Lebens verbracht hat, gibt es keinen Gedenkort. Der 19. Februar wird bei den Internationalen Wochen gegen Rassismus unter dem Titel "Hanau - Erinnern, Aufklären, Verändern" im Frühjahr wieder eine Rolle spielen.

Bei ihm und der Familie hat sich in den letzten fünf Jahren aber nie jemand von der Stadt gemeldet, stellt Hayrettin klar. Es habe keinen Anruf gegeben, keine Beileidsbekundung. "Als würden wir nicht dazugehören." Von der Politik und der Gesellschaft sind sie enttäuscht, sie fühlen sich alleine gelassen.

Dann hellt sich Hayrettins Gesicht doch noch auf. Beide sehen sich einen Stoß Fotos aus der Kiste mit den Erinnerungen an. Fatih im Urlaub. Fatih, wie er herzhaft lacht. Fatih mit der Familie. Und Fatih der Onkel. Es sind Bilder, die an ein Leben vor Hanau erinnern.

Vor fünf Jahren starben neun Menschen bei einem rechtsextremen Anschlag in Hanau, darunter ein Regensburger.

Vor fünf Jahren starben neun Menschen bei einem rechtsextremen Anschlag in Hanau, darunter ein Regensburger.

Hinterbliebene kämpfen seit fünf Jahren für Aufklärung

Im November 2019 stellte er beim Generalbundesanwalt eine von Verschwörungsfantasien geprägte 19-seitige Strafanzeige gegen eine "unbekannte geheimdienstliche Organisation". Er fühlte sich beobachtet, sprach von "ständiger Ausländerkriminalität" und "Hochverrat" an den Deutschen. Am 19. Februar 2020 tötete ein 43-Jähriger in Hanau schließlich neun Menschen: Said Nesar Hashemi, Hamza Kenan Kurtovic, Ferhat Unvar, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoglu, Gökhan Gültekin, Vili Viorel Paun, Mercedes Kierpacz und Kaloyan Velkov.

Seit fünf Jahren kämpfen deren Hinterbliebenen inzwischen für "Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen", sagt Newroz Duman. Sie ist Teil der Initiative 19. Februar, die die Angehörigen nach der Tat gründeten - weil die Behörden bei der Aufarbeitung versagt hätten. In Hanau schuf die Initiative einen eigenen Raum zur Erinnerung an das rassistische Attentat. Mit "Three Doors" konzipierten sie eine eigene Ausstellung, in der sie ihre eigene umfangreiche Aufarbeitung der Tat öffentlich zugänglich machten.

Eine "gesellschaftliche Aufarbeitung bis ins kleinste Detail" sei das gewesen, sagt Duman und ergänzt. "Wenn Familien selbst zu Ermittlern werden müssen, weil die Behörden nicht in der Lage dazu waren, dann haben wir ein gewaltiges Problem." Erst durch ihren Druck wurde in Hessen ein Untersuchungsausschuss einberufen und sei vieles überhaupt erst bekannt geworden. Im Rahmen der Ausstellung wurde etwa ein Funkspruch aus der Tatnacht abgespielt. Polizisten beschwerten sich, dass sie stundenlang in ihrem Hubschrauber über Hanau kreisten, ohne genaue Angaben zu erhalten.

Die Hinterbliebenen arbeiteten zusammen mit Forensic Architecture heraus, dass in der Area-Bar, einem der Tatorte, der Notausgang verschlossen war. "Das wurde zuerst alles geleugnet", sagt Duman. Genauso der Umstand, dass der Notruf in Hanau seit Jahren nicht richtig funktioniert und in der Tatnacht nicht ausreichend besetzt war. "Die haben das Problem immer vor sich hergeschoben und mit dem Leben von Menschen gespielt", kritisiert Duman das Verhalten der Polizei. Die Opfer habe man so nicht geschützt und deren Familien danach Jahre ignoriert.

Erst im vergangenen Jahr räumten der amtierende Innenminister von Hessen und der neue Polizeichef Fehler ein. Ein erster Schritt, wenn auch spät, sagt Duman. "Es geht nicht nur um Hanau, wir haben ein strukturelles Problem." Wie zuletzt in Magdeburg, habe sich auch 2020 sofort die Frage gestellt, hätte die Tat verhindert werden können. Der Täter war seit 2002 mehrfach psychisch auffällig und für seine rassistischen Ansichten und paranoiden Wahnvorstellungen bekannt. Es soll bewaffnete Vorfälle gegeben haben. Trotzdem besaß er legal Schusswaffen, war in München in einem Schützenverein aktiv und wurde nie überprüft.

Aus Sicht der Hinterbliebenen könne man kein Vertrauen zurückgewinnen, wenn zentrale Versäumnisse der Polizei und von Verantwortlichen nicht benannt, wenn nie Konsequenzen gezogen würden. Also bleibe die Verantwortung für die Erinnerung und die Aufklärung weiter bei den Angehörigen, stellt Duman fest.

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