Interview zu Corona-Kommunikation

„Warum glaubst du das?“

Olaf Kramer ist Professor für Rhetorik und Wissenskommunikation am Seminar für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen und geschäftsführender Direktor des Instituts sowie Leiter der Forschungsstelle Präsentationskompetenz.

Olaf Kramer ist Professor für Rhetorik und Wissenskommunikation am Seminar für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen und geschäftsführender Direktor des Instituts sowie Leiter der Forschungsstelle Präsentationskompetenz.

Die Corona-Krise zieht heftige Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum nach sich und wirft Fragen über die Kommunikationskultur auf. Wie ist das Vorgehen von Wissenschaft, Politik und Medien zu bewerten? Der Kommunikationswissenschaftler Olaf Kramer erläutert im Gespräch mit idowa die Probleme in der Corona-Kommunikation.

Zu den Forschungsfeldern von Olaf Kramer gehören unter anderem politische Kommunikation, wissenschaftliche Kommunikation und digitale Rhetorik. Im Rahmen einer Vorlesung beschäftigt er sich aktuell mit der "Rhetorik der Corona.Krise". Über Gelungenes, Fehler und Wege aus der Lagerbildung spricht er im Interview.

Herr Professor Kramer, eines der Probleme in der öffentlichen Kommunikation wird an einem Thema beispielhaft greifbar: der Mund-Nasen-Schutz. In kurzen Abständen wurden hier neue und teils widersprüchliche Informationen zum Standard erhoben worden. Ist das aus Ihrer Sicht eine Kommunikationspanne, liegt das an unterschiedlichen Wissensständen oder gab es andere Gründe?

Prof. Olaf Kramer: Ich denke, man kann zwei Antworten geben: In dieser Maskenfrage spiegelt sich etwas, was wir in der Corona-Krise häufiger erleben: dass auch die Wissenschaft mit einem neuen Problem konfrontiert ist. Das führt dazu, dass es immer wieder Neueinschätzungen gibt. Das ist wissenschaftlich gesehen ein ganz normaler Prozess - wenn man forscht, entwickelt man Thesen. Dann zeigt sich möglicherweise, dass die These falsch ist. Sie wird also revidiert, man entwickelt neue Thesen - so funktioniert wissenschaftlicher Fortschritt. Das fällt vielen Menschen nicht leicht, zu akzeptieren, weil sie von der Wissenschaft klare Ansagen möchten. Statt der klaren Ansage kommen sich wandelnde Erkenntnisse und darin liegt ein gewisses Problem in der Wahrnehmung. Das hat auch damit zu tun, dass über Wissenschaft oft nicht gut berichtet wird - häufig einzelne Ergebnisse gefeiert werden, etwa ein naturwissenschaftlicher Durchbruch. Es wird nicht thematisiert, was der Prozess ist, der hinter dieser Erkenntnis steht. Und im Moment nehmen sozusagen alle live teil an diesem Erkenntnisprozess in Bezug auf Covid-19.

Also geht es zunächst um eine realitätsferne Wahrnehmung der Wissenschaft …

Kramer: Empfehlungen ändern sich, weil man neue Erkenntnisse hat und das ist eigentlich erstmal gut und erfreulich - kommunikativ aber auch schwer einzufangen. Bei den Masken gibt es noch einen zweiten Faktor. Da geht meine Vermutung auch in die Richtung, dass sie knapp waren. Dann hat man auch aus strategischen Gründen die Masken für die Fachkräfte, das medizinische Personal vorhalten wollen und wollte das nicht in die Öffentlichkeit geben. Das war, glaube ich, schon auch Hintergrund, und unter dem Aspekt des Krisenmanagements war es auch durchaus sinnvoll, eine Entscheidung zu treffen, wenn das Gut rar ist und an einer Stelle intensiv benötigt wird. Kommunikativ ist da aber auch etwas schiefgelaufen, weil man das doch offen thematisieren und ansprechen müsste. (…) Sobald man offen und transparent damit umgeht, findet das Akzeptanz. Es ging auch in meiner Vorlesung darum, deshalb habe ich auf der Homepage des RKI [Anm. d. Red.: Robert Koch-Institut] die Informationen nachgelesen. In den FAQ [Anm. d. Red: in dem Abschnitt mit den häufigsten Fragen] wird nach den Masken gefragt und da ist dieser Widerspruch im ganzen Kapitel spürbar. Solche Widersprüche muss man thematisieren, um Menschen nicht zu verlieren und auch um zu verhindern, dass irgendwelche Verschwörungstheorien hochwachsen.

Wie bewerten Sie generell die Art, wie kommuniziert worden ist?

Kramer: Insgesamt würde ich da zu einer positiven Einschätzung kommen. Was gelungen ist, ist in relativ kurzer Zeit in der Breite der Bevölkerung eine massive Verhaltensänderung hinzubekommen. Und ich würde sagen, die erste Fernsehansprache von Merkel war ein gelungener Auftritt, weil sie erklärt hat, warum diese Verhaltensänderung nötig ist. Weil sie das in einer Weise gemacht hat, die durchaus Empathie zeigt und Verständnis dafür, warum das für viele schwierig ist. Sie hat auch Kriegsmetaphern vermieden. Auf der einen Seite vernünftig erklärt und zugleich empathisch dargestellt - das war ein guter Auftritt. Wir haben aus der Politik viele gute Krisenkommunikation gesehen, die funktioniert hat und erfolgreich war. Wir sind ja in Deutschland bisher, was den medizinischen Aspekt angeht, erfreulich gut durch die Krise gekommen.

"Jedes Lager ist der Überzeugung, Recht zu haben"

Welche Fehler in der Kommunikation sind auszumachen?

Kramer: Die medizinische Perspektive auf Corona ist das eine. Es gibt aber auch noch die soziale Perspektive, die wirtschaftliche, es gibt die Frage von Freiheitsrechten. Das sind Themen, die sind etwas unterdrückt worden, die hätten mehr in den Diskurs eingespielt werden müssen. Auch war ganz am Anfang der Krise das Krisenmanagement eher schlecht. Da gab es diese Phase, in der das RKI gesagt hat, die Bedrohungslage für Deutschland sei gering bis mittel. Wo auch Spahn gesagt hat, eigentlich droht keine Gefahr. Diese Phase hätte man nutzen können, um Menschen darauf vorzubereiten, dass etwas kommt. Man hat das Konzept stark gemacht, dass es wie eine Grippe sei. Und aus diesem Framing, dem kommunikativen Rahmen, den man so schafft, ist es schwer, Menschen zu einer Verhaltensänderung zu bringen. Deshalb brauchte man später einen neuen kommunikativen Rahmen und das war dann Pandemie. (…) Natürlich handelt es sich um eine neue Krankheit und vieles hat man noch nicht gewusst. Aber etwas besser hätte man diese Phase schon angehen können. Zumal eine Bedrohung durch eine Pandemie durchaus etwas war, das im Raum stand. Es gibt den Pandemieplan des RKI, der gerade vor 2, 3 Jahren neu erschienen ist. Es gibt Stufen der Vorbereitung. Das ist aus meiner Sicht von der Politik nicht richtig umgesetzt worden. Und eine Schwierigkeit ist auch, dass man das nicht richtig thematisiert hat. Wenn es nun so gelaufen ist, ist es doch wichtig, das Menschen zu erklären und einzugestehen, dass man da einen Fehler gemacht hat. Dann verliert man die Menschen auch nicht und sie sind bereit, diese Wendung mitzumachen - weil sie es verstehen.

Mehr Mut also, seine eigenen Fehler einzugestehen?

Kramer: Würde ich schon sagen. Denn wenn man diesen Mut nicht hat, dann nehmen Menschen Widersprüche wahr und es besteht die Gefahr, dass sie einem nicht mehr glauben und dass sie sich Verschwörungstheorien einkaufen. Das sollten wir auf jeden Fall vermeiden.

Im Rahmen der Krise wurden und werden immer wieder einzelne Akteure für unterschiedliche Dinge an den Pranger gestellt, etwa Politiker oder Virologen. Der Pranger ist also ein wiederkehrendes Muster im Rahmen von Krisen?

Kramer: Die Suche nach einem Sündenbock hat natürlich den Vorteil, dass dann einfach alle Frustration darauf gelenkt werden kann. Die Periode, die wir erleben, ist für viele Menschen sehr belastend, insofern ist da sehr viel Emotion. Und die Frage ist: Wohin lenkt man die? Die Gefahr ist, dass man alle Schuld einer Person oder Gruppe zuschreibt. Bei seuchenartigen Erkrankungen hat man das auch historisch immer wieder gesehen. In den Pestausbrüchen des Mittelalters gibt es das immer wieder als Thema. Es ist allerdings ein Mechanismus, von dem man nur hoffen kann, dass wir ihn in der zivilisierten Welt überwunden haben.

Aktuell sind zwei Lager auszumachen. Da gibt es die einen, die den Gesundheitsschutz betonen, und die anderen, die Schutz-Maßnahmen ablehnen. Die Lager scheinen geschlossen, Austausch findet kaum statt. Ist so eine Konstellation gefährlich für eine demokratische Ordnung?

Kramer: Es haben sich zwei Pole herausgebildet. Polarisierung heißt auch immer, dass eine Konfliktlinie alle anderen Konflikte überlagert. Momentan ist die Konfliktlinie: Mehr Freiheit oder mehr Beschränkung in Bezug auf die Seuche. Alle anderen möglichen Gruppenbildungen treten hinter diese eine Wahrnehmung zurück. Das ist in der Tat für eine Demokratie ein ganz großes Problem, denn sie beruht ja darauf, dass man eine gemeinsame Basis findet, von der aus man argumentieren und überlegen kann, welche politischen Maßnahmen man umsetzen will. Das betrifft etwa einen gemeinsamen Wertehorizont. Wenn das nicht mehr gegeben ist, weil zwei Lager gar nicht mehr miteinander in Kontakt stehen, dann hat man demokratieseitig ein Problem. Die Frage ist, wie man darauf reagieren kann. Viele Kommunikationsprozesse treiben die Spaltung noch weiter voran. Jedes Lager ist der Überzeugung, Recht zu haben. Wenn ich die Auffassung vertrete, dass wir mehr Beschränkungen brauchen, und das mit allem Eifer und aller rhetorischer Kraft durchpowere, bestärke ich die anderen eher in ihrer Position.

Was braucht es stattdessen?

Kramer: Es braucht einen dialogmäßigen Ansatz. Man muss fragen: "Warum glaubst du das?" Man muss sich auch mit den Motiven hinter diesen Parteibildungsprozessen auseinandersetzen. (…) In der Politik gab es einige Wochen lang eine Art Waffenstillstand. Auch etwa die AfD hatte sich mit dieser Corona-Politik arrangiert. Jetzt versucht die AfD, eine Gruppe von Leuten, die viel mehr Freiheit wollen und den wirtschaftlichen Untergang befürchten, zusammenzuscharen und auch gegen die anderen in Position zu bringen - mit werkwürdigen Konstellationen. Die Impfgegner können dann etwa auch noch in dieser Gruppe mitwirken und werden angesprochen, obwohl sie vielleicht gar nicht so sehr in diesem rechten Umfeld einzuordnen wären. Es ist ein Beispiel dafür, wie die Positionierung zu Corona alle anderen Konflikte überlagert.

Der Weg aus der Lagerbildung heraus wäre also der Dialog, einfach das Verständnis für den anderen …

Kramer: Im Grunde kann man nur jeden dazu auffordern, eine Art Perspektivenwechsel zu vollziehen und die Welt nicht nur aus der einen Sicht zu sehen, die am naheliegendsten ist. Man sollte dem anderen auch unterstellen, dass er vielleicht für seine Position vernünftige Gründe hat, und sollte versuchen, diese Gründe zu verstehen.

"Pandemie durch Kommunikation besiegen"

Gleichzeitig sind aktuell vielfach Verschwörungstheoretiker in den sozialen Medien aktiv. Sehen Sie von diesen Aktivitäten eine große Gefahr für unsere Verständigung ausgehen?

Kramer: Ja, durchaus. Diese Verschwörungstheorien, die im Raum stehen, treiben das Auseinanderdriften in unserer Gesellschaft voran. Frau Merkel wurde verlacht für den Satz, dass das Internet für alle Neuland sei. Aber so falsch ist dieser Satz nicht. Das Internet ist Neuland und uns fehlen zum Teil die Prozesse, um wirklich gut mit diesen neuen Medien umzugehen. Das kann technische und soziale Probleme umfassen. Einerseits geht es darum, als Menschen zu lernen, diese vielen Möglichkeiten, die wir haben, um zu kommunizieren, sinnvoll zu nutzen - eben nicht in einer emotionalen oder Empörungsart. Es spielen zum Teil aber auch technische Lösungen eine Rolle, die man entwickeln wird müssen. Wenn ich Algorithmen habe, die emotionale Äußerungen sehr hoch sortieren, und die dafür sorgen, dass ein Post, der viel Dynamik findet, auch ganz oben in den Listen auftaucht, dann geht es um einen technischen Mechanismus. Zum Teil muss man die Situation auch juristisch viel stärker angehen, als dies aktuell der Fall ist.

Über die vergangenen Wochen ist immer wieder harsche Kritik an der deutschen Medienlandschaft geübt worden, verschiedentlich wollte man ausgemacht haben, dass die Medien angesichts der Corona-Maßnahmen zu kritiklos agiert hätten, teils war von Systemversagen die Rede. Wie beurteilen Sie die Krisenperformance der Medien?

Kramer: Das ist eine große Frage, weil das Mediengeschehen sehr vielschichtig ist. Insgesamt habe ich aber viel Gutes gesehen. Es ist viel an Informationsfluss gelaufen. Und wenn man will, dass Menschen ihr Verhalten ändern, dann müssen sie den Sachverhalt verstehen und brauchen die Informationen. Das ist etwas, was Medien geleistet haben. Ich habe in letzter Zeit sogar gar nicht selten auf die Homepage der Bild-Zeitung gekuckt - hier ist über lange Zeit in der Corona-Berichterstattung wirklich gute und seriöse Arbeit gemacht worden. Inzwischen kippt es wieder in eine Boulevard- und Emotionsrichtung. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist natürlich, dass Medien auch daran interessiert sind, einen Skandal zu haben, ein abgeschlossenes Ereignis, bei dem etwas passiert. Das hat es natürlich auch gegeben und es hat vielleicht zu Auseinandersetzungen geführt, die nicht wirklich produktiv sind.

Wie beurteilen Sie das Burgfrieden-Szenario, mit dem der eine oder andere Kritiker sich in Bezug auf die deutsche Medienlandschaft zu Wort gemeldet hat?

Kramer: Diese Kritik ist aus meiner Sicht zu stark. Obwohl ich schon auch unterschreiben würde, dass wir sehr lange nur diese medizinische Perspektive auf Corona und den Shutdown hatten - und zu wenig darüber nachgedacht haben, was das mit den Menschen macht und was das für wirtschaftliche Folgen hat. Ich würde aber nicht sagen, dass man ein Medienversagen in radikaler Weise konstruieren kann, weil diese Themen ja nicht verschwiegen wurden. Die andere Seite stand mehr im Vordergrund, weil es wichtig war, die Verhaltensänderung bei der Bevölkerung hinzukriegen. Es gibt daneben aber andere Probleme. Aus meiner Sicht gibt es etwa eine Fokussierung auf die Infektionszahlen, die viel zu kurz greift. Da spielen die Medien auch ganz stark mit, indem sie das immer wieder transportieren - das Starren auf die absolute Infektionszahl und das Starren auf die Anzahl der Toten. Das sind sicherlich wichtige Informationen, aber letztlich sind diese Zahlen auch nicht in der Lage, die Komplexität dieser Krise abzubilden.

In Summe also kein Systemversagen?

Kramer: Nein. Wir sind gerade was die medizinischen Aspekte betrifft sehr gut durch diese Krise gekommen - auch weil kommunikativ viel geklappt hat. Solange man keine Medikamente und keine Impfung zur Verfügung hat, kann man eine solche Pandemie letztlich nur durch Kommunikation besiegen. Da müssen alle mitmachen, die Politik, die Wissenschaft. Da müssen die Journalisten mitmachen, die das verbreiten. Nur durch diesen massiven Input an Kommunikation kann man es hinkriegen, dieses Epidemiegeschehen zu unterbrechen. Das ist in guter Weise gelungen.

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