Lesung
Kämpferin wider Willen

Piper
Gisèle Pelicot. "Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln". Piper, 2026, 25 Euro.
Stehende Ovationen gleich zu Beginn, das gibt es nicht alle Tage: Doch als Gisèle Pelicot vor einigen Tagen die Bühne des Münchner Residenztheaters betrat, erhob sich das Publikum im ausverkauften Saal und begrüßte die neue Ikone des Feminismus – die sich selbst nie so nennen würde – mit minutenlangem Applaus.
Die Französin mit dem charakteristischen rotbraunen Bob stellt derzeit in mehreren Ländern ihre Memoiren "Eine Hymne an das Leben" (Piper, 256 Seiten, 25 Euro) vor: In ihrem Buch setzt sie sich mit dem Vertrauensbruch und der Gewalt auseinander, die ihr von ihrem Ehemann und 50 fremden Männern über Jahre angetan wurde. Auf der „Resi“-Bühne begleiteten sie an diesem Abend die Schauspielerin Caroline Peters, die aus der deutschen Übersetzung las, und die FAZ-Feuilletonistin Sandra Kegel, die der Autorin Fragen stellte.
Mit ihrer Geschichte hat Gisèle Pelicot die Gesellschaft dafür sensibilisiert, „wie Männer mit Frauen“ umgehen, wie es Tanja Graf vom Literaturhaus München ausdrückte. Was Gisèle Pelicot erfuhr, als sie an jenem Novembermorgen 2020 auf die Polizeistation gebeten wurde, ist dennoch kaum zu fassen: Ihr Mann hatte ihr zuvor gestanden, dabei erwischt worden zu sein, wie er Frauen unter die Röcke filmte. Sie ging davon aus, dass die Polizei lediglich Formalitäten mit ihr klären wollte. Stattdessen wurde an diesem Morgen ihr Leben zerstört: „Es ist in 1.000 Scherben zerbrochen“, sagte Pelicot.
Im Buch beschreibt sie, wie ihr Gehirn angesichts der Monstrosität der Nachricht „erstarrt“ sei: Sie erfuhr, dass ihr Mann sie betäubt habe und von anderen Männern vergewaltigen ließ. Sie konnte es nicht glauben. Der Polizist zeigte Fotos, die ihr Mann gemacht hatte, doch sie erkannte sich selbst nicht: „Eine Stoffpuppe“ sei das auf den Fotos, keine lebendige Frau. Auf Nachfrage von Sandra Kegel sagte Gisèle Pelicot über sich: „Diese Frau war sehr naiv – offenbar war sie manipuliert worden. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass mir das passiert.“
Im Alltag hatten sich bei ihr bereits „Aussetzer“ bemerkbar gemacht, Erinnerungslücken, die sie besorgniserregend fand. Ihr Mann begleitete sie zu Arztbesuchen, redete beruhigend auf sie ein. Man vermutete, dass sie unter einem anfänglichen Alzheimer litt. Sie selbst glaubte, wie ihre Mutter an einem Gehirntumor erkrankt zu sein. Die Angst vor der Nacht, die sie in ihrem Buch beschreibt, wurde zu einer Angst vor dem Alltag – und der Angst, zu sterben.
Gisèle Pelicot sagt über sich selbst, sie sei „alles andere als radikal und immer noch Anhängerin eines traditionellen, eher stillen Lebens“. Auch auf der Bühne des Residenztheaters erlebte man sie als eine höflich lächelnde, zurückhaltende Person, keine feministische Kämpferin von Natur aus – sondern eine Frau, die in ihrem Schicksalsschlag eine ungeheure Kraft fand.
„Die ganze Welt sollte auf die Vergewaltiger schauen“
Der Wendepunkt war ihre Entscheidung, den Prozess gegen die 51 Vergewaltiger öffentlich zu führen. Die Scham, die Frauen vor Gericht üblicherweise begleitet, weil Vergewaltigungsopfern häufig eine Mitschuld an der Tat unterstellt wird, ließ die 73-Jährige an sich abprallen: „Die Scham muss die Seiten wechseln“, sagte sie und wurde mit diesem Satz berühmt.
Ihr war klargeworden: Unter Ausschluss der Öffentlichkeit würden auch die 51 Männer geschützt, die ihr Gewalt angetan hatten. Ihr Alter, so beschreibt sie es, sei dabei ein Vorteil gewesen: Wäre sie 20 Jahre jünger gewesen, hätte sie die „verdammten Blicke“ gescheut, mit denen Frauen ständig be- und verurteilt werden. Daher entschied sie: „Alle Welt sollte auf die Vergewaltiger schauen.“
Tausende Frauen aus der ganzen Welt schrieben ihr daraufhin Briefe, haben sich in ihrer Geschichte wiedererkannt. Vor dem Gericht jubelten ihr zahllose Menschen zu. „Sie haben mir Ruhe und Kraft gegeben“, bestätigt Gisèle Pelicot auch im Gespräch mit Sandra Kegel.
Sie sei gut vorbereitet gewesen auf den Prozess. Nur zweimal habe sie den Gerichtssaal verlassen müssen: Einmal sei ihr von der Verteidigung unterstellt worden, man könne auf den Videos sehen, dass sie sich während einer Vergewaltigung „lustvoll“ bewegt hätte. Ein Sachverständiger räumte den Vorwurf allerdings aus: Ihr Körper habe auf die Schmerzen reagiert, die ihm zugefügt wurden.
Wie hält man so eine Erfahrung aus und verliert nicht den Glauben an die Liebe und das Glück? Es half, dass alle Täter Gefängnisstrafen erhielten, ihr Ex-Mann 20 Jahre. „Das war der erste Schritt in Richtung Heilung“, sagt Gisèle Pelicot. Sie selbst fand eine neue Liebe, einen Mann, der ihr auch während des Prozesses zur Seite stand. „Man muss lernen, wieder zu vertrauen“, gibt sie auch ihrem Publikum mit auf den Weg. Zum Abschluss liest sie selbst aus dem letzten Kapitel ihres Buches: „Ich bin doch nur meinen Weg gegangen, am Abgrund entlang. Und habe den Abgrund überwunden.“ Und anderen damit Hoffnung – und Kampfgeist – geschenkt.












