Interview
„Ich war kein Ausnahmefall“

picture/dpa/Christian Charisius
Gisèle Pelicot stellte in Deutschland ihre Memoiren "Eine Hymne an das Leben" bei Lesungen (hier in der Laeiszhalle in Hamburg) vor.
Gisèle Pelicot wurde im Herbst 2024 bekannt, als sie forderte, den Prozess gegen ihren Ex-Mann Dominique Pelicot und 50 weitere Männer, die sie über Jahre hinweg vergewaltigt hatten, während sie schwer betäubt war, öffentlich zu machen. Nun hat sie mit dem Buch „Eine Hymne an das Leben“ (Piper, 256 S., 25 Euro) ihre Memoiren veröffentlicht. Im Gespräch erzählt sie, warum sie sich nicht als feministische Ikone sieht und warum sie Dominique Pelicot im Gefängnis besuchen will.
Frau Pelicot, bevor wir über Ihr Buch sprechen, in dem Sie Ihre Geschichte verarbeitet haben, eine Frage: Wie geht es Ihnen?
Gisèle Pelicot: Seit dem Ende des Prozesses im Dezember 2024 geht es mir deutlich besser. Ich habe Abstand dazu gewonnen, eine Bestandsaufnahme meines Lebens gemacht und ich konnte mir auf diesem Trümmerfeld, das es war, etwas Neues aufbauen. Heute erlaube ich es mir, glücklich zu sein.
Zurzeit absolvieren Sie viele Interviews, Auftritte und Reisen in etliche Länder. Wie gehen Sie mit dem Medienwirbel um die Veröffentlichung Ihrer Memoiren um?
Pelicot: Für mich ist das sehr wichtig, weil ich eingeladen werde, um über mein Buch zu sprechen. Es geht darin um drei Frauen-Generationen: meine Großmutter, meine Mutter und mich selbst, um ihr jeweiliges Leid, ihre Freuden und auch ihre Resilienz – ich denke, davon habe ich auch etwas geerbt. Ich beschreibe darin, wie ich zu der Frau wurde, die ich heute bin. Von meiner Kindheit bis heute. Dieser Weg war weiß Gott nicht einfach, aber durch ihn lässt sich erklären, warum ich standhalte. Warum ich heute noch stehe.
Wann und wie ist Ihnen die Idee gekommen, gemeinsam mit der Journalistin Judith Perrignon ein Buch zu schreiben?
Pelicot: Anfangs hatte ich überhaupt nicht diese Absicht, aber dann habe ich Judith kennengelernt und gespürt, dass ich ihr wirklich vertrauen konnte. Ein Buch zu schreiben, ist eine bereichernde, tolle, aber auch schmerzhafte Erfahrung, weil man Erinnerungen aufrufen muss, die man tief in sich vergraben hat. Ich dachte, dass meine Geschichte auch anderen nützlich sein könnte, vor allem, um zu verdeutlichen, dass wir Ressourcen in uns haben, um nach allen Prüfungen, die das Leben uns auferlegen kann, wieder aufzustehen. Das Buch war zugleich auch eine Form von Therapie für mich und eine Art Vermächtnis für meine Kinder und Enkel. Sie haben eine stets lächelnde, wohlwollende Oma gekannt. Aber nun erfuhren sie Dinge, von denen sie nichts wussten.
Ihr Buch beginnt an jenem Morgen im November 2020, an dem Sie auf der Polizeiwache erfuhren, dass Ihr Mann Sie jahrelang mit Medikamenten betäubt und vergewaltigt hat und von anderen vergewaltigen ließ. Wie lässt sich dieser Moment beschreiben?
Pelicot: Als ich damals ins Polizeikommissariat ging, ahnte ich keine Sekunde, dass mein Leben von diesem Tag an für immer zerstört sein würde. Ich ging dorthin in dem Glauben, dass wir eine Formalität erledigen. Doch die Situation verwandelte sich in Horror. Ich hätte nie gedacht, dass mir dieser Mann so viel Grauenhaftes antun könnte. Man zeigte mir zwei, drei Fotos, auf denen ich mich nicht wiedererkannte. Diese Männer, die sich in meinem Schlafzimmer an mir zu schaffen machten, hatte ich nie gesehen. Ich brauchte mehrere Stunden, um zu akzeptieren, dass das real war. Es war, als raste mir ein Hochgeschwindigkeitszug mitten ins Gesicht.
Trotzdem wollten Sie in der Folge nicht Ihr gesamtes gemeinsames Eheleben wegwerfen und verdammen.
Pelicot: Ich hielt mich daran fest, dass diese letzten 50 Jahre nicht nur eine Lüge waren. Natürlich blende ich nicht aus, was Herr Pelicot getan hat. All das ist unerträglich. Aber ich habe versucht, die guten Erinnerungen zu bewahren. Das ist meine Art, damit umzugehen. Ich habe mich in Herrn Pelicot verliebt, wir haben geheiratet, Kinder bekommen, wir haben Enkelkinder. Wenn sie zu uns kamen, lebten wir im Haus des Glücks – bis alles zusammenbrach. Meine Kinder wollten hingegen alles ausradieren und das ist auch legitim. Sie haben sich ihren Vater nicht ausgesucht.
Als im September 2024 der Prozess begann, bestanden Sie darauf, dass er nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden sollte. Warum war Ihnen das wichtig?
Pelicot: Zunächst hätte ich nicht gedacht, dass ich dazu in der Lage bin. Ich wollte auf keinen Fall erkannt werden. Aber nach und nach gewann ich mein Selbstvertrauen zurück. Ich habe mehr als drei Jahre gebraucht, um diese Entscheidung zu treffen. Meine Anwälte waren sehr überrascht und sagten mir, dass ich in dem Fall die Videos von den Vergewaltigungen ansehen müsste, denn sie würden im Gerichtssaal gezeigt. Das war schwierig. Ich sah meinen völlig leblosen Körper und wie Männer mir furchtbare Schmerzen zufügten. Ich wurde ihnen zum Fraß vorgeworfen, mit dem Einverständnis von Herrn Pelicot. Als Vergewaltigungsopfer fühlt man sich oft schuldig, man fragt sich, womit man das verdient hat. Aber dann sagte ich mir: Nein, Schluss jetzt, sie müssen für ihre Verbrechen bezahlen und sie anerkennen. Bis zum Schluss habe ich ihnen die Stirn geboten, trotz der Erniedrigungen, die ich in diesem Gerichtssaal ertragen musste. Sie und die Strafverteidiger haben mir nichts geschenkt.
Sie beschreiben die Angeklagten als „Meute“ von 50 Personen, die Ihnen gegenüberstanden.
Pelicot: Sie waren wie eine Mauer aus breiten Schultern. Sie starrten mich an, um mich herauszufordern. Aber es gelang mir, das auf Abstand zu halten. Nur ein- oder zweimal musste ich den Saal verlassen, als etwa eine Anwältin sich erdreistete zu behaupten, mein Becken bewege sich in dem Video und ihr Mandant habe das als ein Zeichen für mein Einverständnis werten können. Das war inakzeptabel. Man sah die Realitätsferne dieser Männer, die so taten, als sei nichts dabei, eine betäubte Frau ohne Bewusstsein zu vergewaltigen. Und noch erschreckender: Keiner von ihnen ist zur Polizei gegangen, um zu sagen, dass da etwas nicht stimmt. Manche verteidigten sich, sie hätten keine Zeit gefunden, und wozu auch? Wenn der Ehemann sein Einverständnis gegeben hatte, dann war die Frau ja zwangsläufig einverstanden, behaupteten sie. Was da geboten wurde, war eine unglaubliche Feigheit bis zum Schluss.
Es hieß oft, die Angeklagten hätten Profile wie „Herr Jedermann“. War das auch Ihr Eindruck?
Pelicot: Auf den ersten Blick ja – diese Männer könnten Ihr Nachbar sein, Ihr Bruder, Ihr Schwager. Sie waren zum Zeitpunkt der Vergewaltigungen zwischen 25 und 67 Jahre alt, hatten unterschiedliche soziale Hintergründe und Berufe, waren Familienväter, verheiratet, ledig – es sind Jedermänner, aber mit dem Profil von Perversen. Nicht alle Männer sind so, viele haben sich selbst durch diesen Prozess auch hinterfragt. Auch wurde das Thema chemische Unterwerfung als Instrument männlicher Dominanz ins Licht gerückt. Meine Tochter Caroline hat 2023 eine Organisation für die Opfer gegründet. Ich dachte früher, sogenannte K.O.-Tropfen würden Frauen nur in Diskotheken ins Glas gemischt, aber oft passiert es im familiären Umfeld. Es ist ein weltweites Phänomen. Ich war kein Ausnahmefall.
Haben Sie von Ihrem Ex-Mann im Prozess Antworten bekommen? Anders als die anderen Angeklagten gab er die Taten zu.
Pelicot: Ja, er hat um Verzeihung gebeten für das Leid, das er seiner Familie angetan hat. Er sagte: Ich bin ein Vergewaltiger, aber alle hier im Saal sind auch Vergewaltiger. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich mit einem Vergewaltiger zusammenlebe. Ich fiel aus allen Wolken. Auch von seiner Perversion wusste ich nichts. Fast zehn Jahre lang hat er mein Leben in Gefahr gebracht. Wenn ich morgens aufstand, sah er mir in die Augen, als wäre nichts gewesen. Erzählte ich ihm von meinen Aussetzern, sagte er: Mach dir keine Sorgen. Als ich einen Arzt aufsuchen wollte, mahnte er: Du wirst die Kinder beunruhigen. Er hat es geschafft, mich zu manipulieren.
Sie gingen von einem Arzt zum nächsten, aber keiner fand die Ursache für Ihre diversen Leiden. Ihnen wurde nicht einmal Blut abgenommen, um es untersuchen zu lassen.
Pelicot: Die Ärzte waren damals wohl nicht sensibilisiert für diese Art von Gewalt und für chemische Unterwerfung. Ich ging zu allen Terminen in Begleitung von Herrn Pelicot. Man kommt doch nicht auf die Idee, dass der Ehemann, der seiner Frau zur Seite steht, dazu fähig sein könnte, sie zu vergiften! Niemand ahnte, dass ich unter Drogen stehen könnte. Alle dachten, ich sei eine Frau, die eben zu altern beginnt und das akzeptieren muss. Als ich auf der Polizeiwache eine Haarprobe abgab, wurden Substanzen in meinem Körper über einen Zeitraum von zehn Jahren nachgewiesen. Später wurden vier sexuell übertragbare Krankheiten festgestellt. Ich hoffe, inzwischen sind Ärzte aufmerksamer, wenn eine Patientin sagt, sie weiß nicht mehr, was sie gestern gemacht hat.
Sie wurden zu einer feministischen Ikone stilisiert, erhielten täglich stehenden Applaus. Waren Sie darauf vorbereitet?
Pelicot: Als der Prozess begann, habe ich nicht geahnt, welche Tragweite er bekommen sollte. Aber diese Unterstützung gab mir unglaubliche Kraft. Auch die tausende Briefe, die ich erhielt, haben mir das Herz gewärmt. Ich habe sie abends beim Heimkommen gelesen. Darin stand auch viel über das Leid von Frauen, die sich mir anvertrauten, da sie sich mit meiner Geschichte identifizierten. Heute werde ich auf der Straße erkannt, aber ich fühle mich nicht als Ikone. Eher als eine Person, die das Bewusstsein geweckt hat.
Sie sagen, dass Sie Dominique Pelicot im Gefängnis besuchen werden. Warum?
Pelicot: Ich muss mit ihm sprechen, um Antworten zu bekommen. Vielleicht wird er sie mir nicht geben, aber dieser Schritt ist wichtig, damit ich endgültig abschließen kann. Ich denke, ich werde einen Mann sehen, der genau weiß, dass er sein Leben und jenes unserer Familie zerstört hat. Er hat sich für die Abgründe der menschlichen Seele entschieden.
Sie erzählen auch von dem neuen Mann in Ihrem Leben, Jean-Loup. Ist das Eingehen einer Liebesbeziehung auch eine Art von Neuanfang und Resilienz?
Pelicot: Ja, und darin liegt auch eine Botschaft der Hoffnung. Selbst wenn man glaubt, dass alles zu Ende ist, geht es weiter. Wenn man das Glück hat, eine gute Person zu treffen, darf man nicht daran vorbeigehen. Mein Partner und ich haben dasselbe Alter. Uns verbindet, dass er ebenfalls schwierige Dinge durchgemacht hat. Ich möchte die schönen Jahre, die mir bleiben, genießen. Mit meinem Buch wollte ich auch eine Botschaft der Liebe vermitteln. Denn Hass und Wut lösen nichts und bringen nichts.












