Mut: 500. Freistunde

Unsere Autorin reist mit den Öffis durch die Welt

Unsere Autorin hat einen Führerschein – nutzt ihn aber nicht. Stattdessen sammelt sie in Zügen oder Bussen Geschichten, die zeigen: Die mutigsten Wege beginnen dort, wo der Komfort endet.

Abgelegene Hütten sind auch mit den Öffis zu erreichen.

Abgelegene Hütten sind auch mit den Öffis zu erreichen.

Von Sophie Herz

Als ich mit 18 Jahren auf Anhieb meinen Führerschein bestand, hatte ich noch Pläne, die Welt mit dem Wohnmobil zu bereisen. Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich auch jetzt – zehn Jahre später – immer noch die fleckigen Sitze des ÖPNV dem sitzheizungserwärmten Plätzchen hinter dem Lenkrad vorziehen würde. Aber so bleibt es eben immer spannend! Und die ganzen abenteuerlichen Geschichten, von denen ich nun erzählen kann, sind es auch wert – sagt zumindest meine Straßenverkehrsphobie.

Die begleitet mich, seit ich bei meiner ersten Spritztour im Familienauto geradewegs in eine knifflige Baustellensituation geriet, die mich heillos überforderte. Ich raste also mit Vollgas in eine sehr einprägsame Panikattacke und das war’s dann erst mal mit den großen Plänen. Aber ich bin ja zum Glück ein sehr kreativer Sturkopf und finde immer einen (Um-)Weg.

Mit Auto wäre ich wohl vor ein paar Jahren nicht um vier Uhr morgens im Stockdunkeln mit dem Fahrrad vom Dorf zum Bahnhof gefahren. Meinen viel zu großen Reisekoffer mehr schlecht als recht waagerecht auf dem rostigen Gepäckträger befestigt, der sich bei jeder Kurve ächzend beschwerte, dass das aber nicht in der Jobbeschreibung stand. Und das alles nur, um den 5-Uhr-Zug zu erwischen, der mich nach München zum 6.30-Uhr-Flixbus Richtung Slowenien bringen sollte – der dann aber doch bis 10 Uhr auf sich warten ließ. Man kennt es.

Sprachprobleme und abgelegene Unterkünfte

Aber auch der Zug zum Flug fühlt sich oft wie eine Mutprobe an. Von unangekündigten Ausfällen, medizinischen Notfällen an Bord bis zu Streckensperrungen oder plötzlichen Umleitungen ist für mich bisher keine Fahrt zum Flughafen nach Plan abgelaufen. Doch davon lass’ ich mich nicht abhalten!

Alle Solo-Reisen der vergangenen Jahre habe ich auch ohne Auto gemeistert. Mit viel Planung und Google-Übersetzungen der ausländischen Zug- und Buslinienwebseiten habe ich es bisher auch in die abgelegenste Hütte am Allerwertesten der Welt geschafft. Dem norwegischen Busfahrer habe ich auf Google Maps zeigen müssen, wo er am besten halten sollte, um mich nahe der Cabin am Fjord abzusetzen. Der finnische Busfahrer war so besorgt, ich würde wegen der schwer verständlichen finnischen Ankündigungen im Bus meinen Halt verpassen, dass er am vorigen Stopp kurz zu mir kam, um mir Bescheid zu geben. Und in Schweden erreichte ich mit verschiedenen Zügen, unzähligen Bussen und einem zwei Kilometer langen Spaziergang samt Koffer auf Waldwegen das rote Häuschen mitten im Wald.

So ganz abgelegen und fern aller Städte und Läden Urlaub ohne Auto zu machen, birgt natürlich auch seine Risiken und bedarf einiger Vorbereitung. So lasse ich immer etwas Platz im Gepäck, um am Morgen vor der langen Fahrt einen großen Einkauf haltbarer Lebensmittel auf Vorrat mitnehmen zu können. Dazu kommen nur Unterkünfte mit trinkbarem Leitungswasser und Zugang zu Fahrrädern in Frage. Und wenn dann doch mal etwas passiert, mit dem ich nicht gerechnet hatte, kann ich immer noch um Hilfe bitten, denn liebe Menschen findet man weltweit.

Als ich beispielsweise in einem einsamen Waldhaus zum ersten Mal in meinem Leben eine allergische Reaktion und starke Schwellungen im Gesicht hatte, fragte ich meinen Vermieter im nächsten Dorf nach einem Antiallergikum. Dieser machte dann einfach frühzeitig Feierabend, fuhr mich direkt zur Apotheke und gab mir noch eine Tour der Umgebung.

Bei unserem Gespräch in seinem Wagen fragte er mich über meine Reise aus und war baff, wie ich ohne Auto zu seiner Unterkunft gekommen war. Und wie ich so überhaupt durch das Land reisen konnte. Er würde sich das nicht zutrauen. Nach meiner Abreise bezeichnete er mich als „mutige, junge Frau, die keine Angst hat, Dinge auszuprobieren“. Das hat mich meine Reisen dann doch noch mal mit anderen Augen sehen lassen.

Wo ich bisher nur die Angst gesehen hatte, der ich immer wieder nachgab, indem ich Alternativen zum Auto suchte, sah ich nun, dass genau diese manch anderer vermied, da deren Angst sie zurückhielt. Was für mich so normal geworden war, konnte für andere wie eine Meisterleistung aussehen. Etwas, das Mut erfordert. Und viel Geduld mit der Deutschen Bahn.

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