Fußball-Nationalmannschaft
Kimmich und die bösen WM-Geister: „Bester Kader“ egal
Ein 100-Prozent-Fußballer wie Joshua Kimmich geht stets voran. Vor seinem ersten großen Turnier als DFB-Kapitän gilt das für den 31-Jährigen aber nochmals mehr. Der Bayern-Profi ist dabei nicht nur auf dem Trainingsplatz in Herzogenaurach ein Anführer, sondern auch verbal.
„Man erwartet, dass sich jeder dem Großen und Ganzen mit 100 Prozent hingibt“, sagte Kimmich, als er hinterher auf dem Pressepodium sitzt und 25 Minuten über die WM und die anstehenden Tests gegen die Schweiz und Ghana spricht.
„Man wächst in eine andere Rolle“, sagte Kimmich zum verantwortungsvollen Kapitänsamt bei der XXL-Weltmeisterschaft im Sommer. Bei der würde er natürlich wie Philipp Lahm 2014 in Brasilien beim Schlussbild in New York am liebsten den goldenen Pokal hochrecken. Auch wenn der Titelgewinn keine 80 Tage vor dem Turnier eher wie ein Wunschdenken daherkommt.
Selbst Bundestrainer Julian Nagelsmann hat realistisch eingeräumt, dass Deutschland „einen sehr, sehr guten Kader“ habe, aber eben „nicht den besten Kader der Welt“. Kimmich kommentierte diese Einordnung auf Nachfrage sehr deutlich: „Das ist eigentlich völlig egal. Am Ende zählt das, was wir auf dem Platz bringen. Es ist nicht wichtig, den besten Kader der Welt zu haben, sondern am Ende das beste Team der Welt zu haben“, sagte er.
Und diesem Ziel müsse sich „jeder unterordnen“, forderte der Kapitän, der an die bittere Vergangenheit erinnerte. „Auch der beste Kader der Welt hat keine Garantie, Titel zu gewinnen. Wir alle erinnern uns an 2018: Da hatten wir mit den besten Kader der Welt - und wir wissen alle, wohin es uns geführt hat.“
In Russland erlitt das DFB-Team um zahlreiche 2014-Weltmeister wie Manuel Neuer, Mats Hummels, Toni Kroos oder Thomas Müller mit dem damaligen WM-Neuling Kimmich ein historisches Vorrunden-Aus. Das sich prompt vier Jahre später bei der Endrunde in Katar wiederholte. Wieder mit Kimmich.
Umso motivierter ist er im reifen Ü30-Alter, im dritten Versuch auch ganz persönlich seinen Frieden mit dem größten Fußball-Event zu machen. „Die Bilanz ist nicht gut. Natürlich möchte ich persönlich - möchten wir - ein sehr gutes Turnier spielen“, sagte Kimmich. Ihm ist die Ausgangsposition sehr klar. „Wir zählen nicht zu den Topfavoriten. Und es bringt auch nichts, jetzt über irgendeine K.o.-Runde nachzudenken.“
Jetzt zähle es allein, wie gut der Start ins WM-Jahr gelinge. Es sei „ganz wichtig und absolut unser Ziel, dass wir zwei positive und gute Spiele hinlegen“, sagte der Kapitän zu den Tests am Freitag (20.45 Uhr/RTL) in Basel gegen die Schweiz und drei Tage später in Stuttgart gegen Ghana.
Maßstab und Vorbild sei das 6:0 gegen die Slowakei zum Abschluss der WM-Qualifikation. „So stellen wir uns das vor, mit derselben Art und Weise. Wie wir da füreinander gespielt haben, das muss die Basis für jedes Spiel sein“, so Kimmich.
Angezogene Handbremse? Diese Herangehensweise ist für Kimmich kein Thema. Auch wenn die beiden Länderspiele bei der Bedeutung nicht mithalten können mit den anschließenden großen Vereinsaufgaben - wie bei den Bayern die großen Duelle mit Real Madrid in der Champions League. Trotzdem sei jedem Nationalspieler „die Bedeutung bewusst, die diese Länderspiele jetzt haben“, versicherte der Kapitän.
Es gehe aktuell auch darum, „eine gewisse Achse einzuspielen“. Ob er nach den Ausfällen seines Bayern-Kollegen Aleksandar Pavlovic und des Dortmunders Felix Nmecha temporär wieder von rechts hinten ins Mittelfeld wechseln könnte, beantwortete Kimmich mit einem Wort: „Nein!“
Trotz der Bedeutung der WM-Tests vermeidet der Bundestrainer jedes Risiko beim Personaleinsatz. Der Stuttgarter Jamie Leweling reiste am Dienstag nach eingehenden Untersuchungen wegen Wadenproblemen aus Franken gleich wieder ab.
Nathaniel Brown mischte - anders als die Bayern-Neulinge Lennart Karl und Jonas Urbig - beim ersten Training wegen einer Prellung nicht auf dem Platz mit. Ebenso Antonio Rüdiger und Kai Havertz. Beim prominenten Rückkehrer-Duo lautete der Grund: Belastungsteuerung.












