Polizei lobt Zivilcourage

„Coole Oma“ Minna Lehner aus Wallkofen hält Betrüger am Telefon hin

Sechs Stunden lang lässt sich eine 65-Jährige auf ein perfides Spiel ein. Mit Mut und Witz gelingt es ihr, die Täter zu narren. Am Ende klickten die Handschellen.

Polizeihauptkommissar Alexander Heigl, Leiter der Polizeistation Mallersdorf-Pfaffenberg, überreichte Minna Lehner ein Anerkennungsschreiben des Präsidiums Niederbayern und eine Geldzuwendung. Das Geld will Minna Lehner nun spenden.

Polizeihauptkommissar Alexander Heigl, Leiter der Polizeistation Mallersdorf-Pfaffenberg, überreichte Minna Lehner ein Anerkennungsschreiben des Präsidiums Niederbayern und eine Geldzuwendung. Das Geld will Minna Lehner nun spenden.

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Im Video erzählt Marie Schmid aus der Redaktion für den Landkreis Straubing-Bogen, wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.

Als Philomena „Minna“ Lehner aus Wallkofen (Stadt Geiselhöring) am 14. August draußen am Hof arbeitet, klingelt plötzlich das Telefon. Es ist 10.40 Uhr, erinnert sich die 65-Jährige. Ab da beginnt ein sechs Stunden langes Telefonat, das die Frau wohl niemals vergessen wird.

Sechs Wochen später sitzt Minna Lehner zusammen mit ihrem Mann und den Enkeln in der Polizeistation Mallersdorf. Während sich die Buben das Polizeiauto draußen vor der Tür anschauen dürfen, erzählt die 65-Jährige noch einmal von dem, was passiert ist. Es ist ihr wichtig, die Menschen zu sensibilisieren, zu warnen. „Es kommt immer wieder vor.“

Zurück zum 14. August. Minna Lehner geht ans Telefon. Am anderen Ende: ein vermeintlicher Staatsanwalt, Herr Dr. Kaiser. Die Enkelin hätte einen schweren Unfall gehabt und jemanden totgefahren. Minna Lehner, die überhaupt keine Enkelin hat, versteht sofort: Da will mich jemand reinlegen.

Und sie spielt das Spiel mit. „Ach, die Jaqueline?“, fragt sie. „Ja, genau“, sagt der Staatsanwalt. Jaqueline sei im Amtsgericht Straubing und würde sagen: „Nur die Oma kann mir helfen.“

Minna Lehner müsse zur Abwendung der Untersuchungshaft eine Kaution zahlen. Sie wird wütend. Immer wieder hat die 65-Jährige schon von solchen Fällen gehört, bei denen ältere Menschen um ihr schwer verdientes Geld gebracht werden. Sie will nicht auflegen, sie will den Betrüger selbst betrügen.

„Ich hab’ mich ein bisserl älter gemacht“

Sie täuscht eine Herzattacke vor, trinkt immer wieder Wasser, spielt eine alte, gebrechliche Frau. Der falsche Staatsanwalt kauft es ihr ab. „Ich hab’ mich auch ein bisserl älter gemacht und ihm ein falsches Geburtsdatum gesagt“, berichtet Minna Lehner. „Das Datum muss man sich aber gut merken, der fragt einen ja immer wieder danach.“ Reden dürfe sie mit niemandem, lügt der Staatsanwalt, denn sie stehe unter Schweigepflicht.

Minna Lehner täuscht vor, auf die Toilette zu müssen, holt in der Zeit ihr Handy, ruft die Polizei. Die hört von da an mit, weil die 65-Jährige das Festnetztelefon auf laut stellt.

Der falsche Staatsanwalt Dr. Kaiser macht weiter. Jaqueline hätte gesagt, Oma habe viel Geld und Gold daheim. „Ja“, lügt Minna Lehner. Ihr Mann sei immer sehr knausrig gewesen, Gold sei im Keller. Als sie vorgibt, es zu holen, setzt sie sich schnell an den PC und sieht nach, welche Goldbarren es überhaupt gibt. Sie gibt auf die Schnelle zehnmal 200 Gramm und einen bestimmten Hersteller an. Dr. Kaiser ist zunächst beruhigt, glaubt ihr.

Was Minna Lehner ärgert: Der Mann erzählt, dass die Enkelin (die es ja gar nicht gibt) eine Frau totgefahren hat, die zwei Kinder hat. Sie könne aber trotzdem abends frei kommen - wenn sie bezahlt. „Das hat mich dann so richtig geärgert. Wenn man viel Geld hat, ist so etwas Schlimmes überhaupt nicht mehr tragisch?“

„Schorsch, heid geht’s ma ned gut“

Da fährt plötzlich Minna Lehners Mann Walter in den Hof. „Was war das?“, fragt der Anrufer. „Ach, der Nachbar holt Gemüse“, lügt sie. „Sagen Sie, es geht Ihnen nicht gut“, befiehlt der falsche Staatsanwalt. Minna Lehner gibt ihrem Mann ein Zeichen, der merkt sofort, dass etwas nicht stimmt - und spielt mit. Er klingelt. „Schorsch, heid geht’s ma ned gut“, sagt sie. Ihr Mann entgegnet laut: „Ois Guade“. Wieder ist Dr. Kaiser zufrieden.

Er erklärt, dass ein Herr Bach vom Amtsgericht kommen würde, um einen Koffer mit Gold zu holen. Wenig später ist er da, Minna Lehner geht nach draußen, gibt dem Mann einen Koffer. Herr Bach fährt mit dem Auto weg, Walter Lehner folgt ihm, macht ein Foto.

Nur kurze Zeit später fassen Beamte der Polizei Neutraubling den Mann an der A3-Auffahrt Rosenhof. Es ist ein 28-jähriger Pole mit Wohnsitz in Polen. Und der Koffer? „Leer“, sagt Minna Lehner und lacht. „Da war nix drin.“ Doch noch ist die Geschichte nicht zu Ende.

Denn von der Festnahme scheint Dr. Kaiser nichts mitzubekommen, doch vom leeren Koffer hat er gehört. Er ist sehr verärgert. „Vor lauter Aufregung habe ich den verkehrten Koffer genommen“, versichert ihm die 65-Jährige. Er fordert sie auf, noch einmal das Gold zu zählen. 200-Gramm-Goldbarren - so wie Minna Lehner vorhin schnell angab - gebe es von dem benannten Hersteller nämlich nicht. Er hat in der Zwischenzeit genau recherchiert.

Die Wallkofenerin tut so, als würde sie sich eine Lupe schnappen und die Goldbarren noch einmal genau anschauen. „Ah, es sind doch 250 Gramm.“ Wieder ist der falsche Staatsanwalt beruhigt. Schließlich ist am anderen Ende eine vermeintlich alte Frau.

Nun käme ein anderer Abholer. Bis dahin vergeht eine gefühlte Ewigkeit. Polizisten der Polizei Neutraubling und Station Mallersdorf-Pfaffenberg sind mittlerweile schon eine ganze Zeit lang bei Minna Lehner und unterstützen sie - auch moralisch. „So etwas zehrt natürlich an einem, das ist eine Ausnahmesituation“, sagt Polizeihauptkommissar Alexander Heigl, Leiter der Polizeistation.

Der „Staatsanwalt“ am Telefon weist Minna Lehner an, nach draußen zu gehen, der Abholer sei da. Diesmal sei es ein angeblicher Herr Schwarz, sie solle ihm entgegengehen. Beamte in Zivil stehen parat.

Die 65-Jährige sieht ein Auto, geht auf die Straße, einen Koffer in der Hand. Minna Lehner deutet auf ihr Knie, tut so, als könne sie nicht so weit gehen. Der mutmaßliche Abholer steigt aus - da erfolgt der Zugriff. Es handelt sich um einen 48-jährigen Polen, ebenfalls mit Wohnsitz in Polen.

In diesem Moment hat das sechsstündige Telefonat endlich ein Ende. „Schade, dass man den am anderen Ende der Leitung nicht gefasst hat“, sagt Minna Lehner.

Die Polizei fragt nie nach Geld

Sechs Stunden lang jemanden hinzuhalten, das sei nicht leicht, erklärt Polizeihauptkommissar Alexander Heigl. „Respekt. Für unseren Bereich ist das wirklich ein außergewöhnlicher Fall.“

Es sei immer wichtig, dass sich der Angerufene nicht selbst gefährde, erklärt Heigl. Die Sicherheit habe immer oberste Priorität. Die Polizei erkenne die tolle Zivilcourage von Philomena Lehner an, sie bringe die Beamten in den Ermittlungen sehr voran. Dennoch rät sie grundsätzlich dazu, aufzulegen.

Polizeihauptmeisterin Nadine Neumeier betont, dass die Polizei niemals nach Bargeld oder Wertgegenständen fragt. Sollte wirklich solch ein schlimmer Unfall passieren, würden Beamte immer persönlich vorbeikommen.

Als Dank für den Mut von Minna Lehner überreicht Heigl im Namen des Polizeivizepräsidenten von Niederbayern, Werner Sika, ein Anerkennungsschreiben und eine Geldzuwendung. „Sie haben wirklich Außergewöhnliches geleistet.“ Minna Lehner will das Geld auf jeden Fall spenden, versichert sie. „Das hätte es wirklich nicht gebraucht.“

Einer von Minna Lehners Enkelnsöhnen hat nach dem Vorfall vor sechs Wochen eine klare Meinung: „Coole Oma“.

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