USA

Die Erfindung des „zivilen Widerstands“

Im 19. Jahrhundert beschrieb der US-Philosoph Henry David Thoreau erstmals die Nichtkooperation mit dem Staat als gewaltfreies Mittel des Protests. Sein Essay inspirierte unter anderem Martin Luther King und Gandhi.

Der amerikanische Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King Jr. im August 1963 beim 'Marsch auf Washington', an dem rund 250.000 Menschen teilnahmen.

Der amerikanische Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King Jr. im August 1963 beim "Marsch auf Washington", an dem rund 250.000 Menschen teilnahmen.

„Ungerechte Gesetze existieren“, stellte Henry David Thoreau 1849 fest: „Sollen wir uns damit zufriedengeben, ihnen Folge zu leisten, oder sollen wir versuchen, sie zu verbessern, und ihnen, bis wir das erreicht haben, Folge leisten, oder sollen wir sie sofort übertreten?“

Der amerikanische Philosoph argumentiert in seinem Essay „Civil Disobedience“ („Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“), dass es nicht die Regierung sei, die die Leistungen des Staates erbracht habe, sondern das amerikanische Volk. Er fragt sich: „Kann es nicht eine Regierung geben, in der nicht Mehrheiten über Richtig und Falsch entscheiden, sondern das Gewissen?“ Denn: „Ich denke, dass wir zuerst Menschen sein sollten, und dann erst Untertanen.“

Widerstand gegen Sklaverei und Krieg

Thoreaus Gewissen belasteten damals vor allem zwei Themen: das brutale System der Sklaverei, das Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem im Süden der USA betrieben wurde, und der Krieg der Vereinigten Staaten gegen Mexiko, den der überzeugte Pazifist Thoreau als imperialistischen Gewaltakt und Versuch ablehnte, die Sklaverei auszuweiten.

Seine Schlussfolgerung war, dass man sich nicht zum Werkzeug der Ungerechtigkeit machen dürfe: „Wenn die Ungerechtigkeit Teil der notwendigen Reibung für die Regierungsmaschine ist, lass es einfach laufen (...), aber wenn sie von dir fordert, dass du selbst einem anderen Unrecht zufügst, dann sage ich, brich das Gesetz. Lass dein Leben eine Gegenreibung sein, um die Maschine anzuhalten.“ Und so folgerte er: „Was ich machen muss, ist, unter allen Umständen dafür zu sorgen, dass ich nicht dem Falschen helfe, welches ich verurteile.“

Der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau (1817-1862) im Jahr 1856. 

Der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau (1817-1862) im Jahr 1856. 

Sich erfolgreich einem ungerechten System zu widersetzen, das hieß für Thoreau in erster Linie, nicht zu kollaborieren: „Wenn der Untertan die Treue verweigert und der Beamte von seinem Amt zurücktritt, dann ist die Revolution vollbracht.“ In seinem Fall bedeutete das, seit etwa 1840 keine Wahlsteuer zu zahlen. Als Thoreau sechs Jahre später in die Stadt Concord ging, um seine Schuhe reparieren zu lassen, wurde er prompt vom Steuereintreiber festgenommen und verbrachte die Nacht im Gefängnis. Am nächsten Morgen holte ihn sein Freund, der Philosoph und Schriftsteller Ralph Waldo Emerson, ab. Thoreaus Tante hatte die ausstehende Steuer bezahlt. Laut Legende soll Emerson Thoreau gefragt haben: „Aber Henry, warum bist du im Gefängnis?“ Woraufhin Thoreau erwidert haben soll: „Warum bist du nicht im Gefängnis?“

Drei Jahre später veröffentlichte er seinen Essay unter dem Titel „Resistance to Civil Government“ (übers. „Widerstand gegen die zivile Regierung“, erst nach Thoreaus Tod änderte sein Verleger den Titel in „Civil Disobedience“) und zog aus seiner Erfahrung den radikalen Schluss: „Unter einer Regierung, die irgendjemanden zu Unrecht einsperrt, ist der richtige Platz für einen gerechten Menschen ebenfalls ein Gefängnis.“

Die modernen Kritiker des „zivilen Ungehorsams“ (ein Begriff, den Thoreau selbst nie verwendete) bemängeln häufig eine angebliche Symbolhaftigkeit des Konzepts. Und doch legte der amerikanische Philosoph – der nicht nur Texte gegen die Sklaverei schrieb, sondern auch entlaufenen Sklaven half – mit seiner Argumentation, dass jeder Einzelne über ungerechte Gesetze eine persönliche Gewissensentscheidung treffen und dementsprechend sich dem ungerechten System verweigern müsse, ein Fundament, auf das auch andere gewaltfreie Widerstandsbewegungen aufbauten.

Martin Luther King Jr.: „Nicht-Kooperation mit dem Bösen“

Rund 100 Jahre nach der ersten Veröffentlichung des Essays las ihn der spätere Bürgerrechtler Martin Luther King Jr. während seines Theologie-Studiums: „Ich wurde davon überzeugt, dass Nicht-Kooperation mit dem Bösen eine ebenso große moralische Verpflichtung darstellt wie die Kooperation mit dem Guten“, erinnerte sich King. Als einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung kämpfte der Baptistenpastor später für die Aufhebung der Rassentrennung in den USA. Das „Civil Rights Movement“ wurde zu einer Massenbewegung, durch die 1964 mit dem Civil Rights Act und 1965 mit dem Voting Rights Act die Rassentrennung gesetzlich aufgehoben und das uneingeschränkte Wahlrecht für die schwarze Bevölkerung eingeführt wurde.

Auch die Widerstandsbewegung Mahatma Gandhis zur Erlangung der Unabhängigkeit Indiens beeinflussten Martin Luther King. Gandhi, der Thoreaus Essay kannte, lehnte jedoch die Begriffe „Ziviler Ungehorsam“ oder „Widerstand“ ab und prägte einen eigenen Namen für seine Bewegung: „Satyagraha“, das „Festhalten am Guten/an der Wahrheit“. Auch für Gandhi war vor allem wichtig, nicht mit einem korrupten System zu kooperieren.

Buchtipps zum Thema „Ziviler Widerstand“

Timothy Snyder. 'Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand.' C.H. Beck, 2025.

Timothy Snyder. "Über Tyrannei. Zwanzig Lektionen für den Widerstand." C.H. Beck, 2025.


Timothy Snyder, „Über Tyrannei. 20 Lektionen aus dem 20. Jahrhundert“ (C.H. Beck, 2025)
„Leiste keinen vorauseilenden Gehorsam“, heißt es in dem schmalen Buch, gefolgt von „Verteidige Institutionen“ und „Glaube an die Wahrheit“: Das sind nur drei von insgesamt 20 Lehren, die Timothy Snyder aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts zieht.

Der US-Historiker erläutert anhand der „Lektionen“, wie es zum Untergang der frühen Demokratien und dem Übergang zu Faschismus in Europa und Kommunismus in der Sowjetunion kommen konnte. Der Totalitarismus-Experte belegt dadurch, wie viel Einfluss jeder Einzelne hat, in ganz alltäglichen Dingen wie der Sprache oder dem Engagement für einen guten Zweck, und wie wichtig die Wachsamkeit gegenüber extremistischen und demokratiefeindlichen Tendenzen ist.

Eigentlich hatte Snyder, der seit 2025 im kanadischen Toronto lehrt, mit dem 2017 erstmals erschienenen Buch die US-Bürger auf Trumps Präsidentschaft vorbereiten wollen. Tatsächlich ist ein Abbau demokratischer Prozesse, vor dem er gewarnt hatte, inzwischen eingetreten. Doch auch in anderen Ländern haben Populismus und extremistischen Ansichten zugenommen. Das Buch ist somit hilfreich, Zeichen zu setzen – egal, wo man sich befindet.

Erica Chenoweth, Maria J. Stephens. 'Why Civil Resistance Works. The Strategic Logic of Nonviolent Conflict.' Columbia University Press, 2011.

Erica Chenoweth, Maria J. Stephens. "Why Civil Resistance Works. The Strategic Logic of Nonviolent Conflict." Columbia University Press, 2011.


Erica Chenoweth, Maria J. Stephan, „Why Civil Resistance Works. The Strategic Logic of Nonviolent Conflict“ (Columbia UP, 2011, nur auf Englisch erhältlich)
Die Politikwissenschaftlerinnen Erica Chenoweth und Maria J. Stephan analysierten 323 gewaltfreie und gewalttätige Widerstandskampagnen zwischen den Jahren 1900 und 2006. Das Resultat überraschte auch die Autorinnen: „Die eindrucksvollste Erkenntnis ist, dass ein voller oder teilweiser Erfolg gewaltfreier Widerstandskampagnen (...) fast doppelt so wahrscheinlich ist wie der ihrer gewalttätigen Gegenstücke.“  Ausgenommen sind Abspaltungsbewegungen: Hier war der bewaffnete Widerstand leicht im Vorteil, aber auch nur zu weniger als zehn Prozent.

Was gewaltfreien Widerstand außerordentlich erfolgreich macht, sind vor allem die Vorteile bei der Teilnahme: Hier sind die Hürden moralisch und physisch, aber auch in Bezug auf Informationen und Verpflichtung niedriger, wodurch es eher zu Massenbewegungen kommt. In der Masse liegen weitere Vorteile, machen die Autorinnen klar: Höhere Teilnahmezahlen sorgen für mehr Resilienz bei den Teilnehmern und in der Bewegung und auch für mehr taktische Erneuerung. Auch gibt es häufiger Loyalitätsverschiebungen bei ehemaligen Unterstützern des Gegners, die schließlich die Seiten wechseln. Und nicht zuletzt schaffen Übergänge von gewaltfreien Widerstandsbewegungen länger haltende und friedlichere Demokratien.

 

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Der Artikel erschien am 14. März 2026 im „Magazin zum Wochenende“.

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