Gewalt und Drogen
Landshut 032: Auf Patrouille, wo junge Gangster "Fick die Polizei" rappen
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Im Video erzählt Ingmar Schweder aus der Redaktion Stadt Landshut wie die Geschichte hinter diesem Türchen entstanden ist.
"Heute ist es zu heiß, um was anzustellen": Die jungen Männer, die an diesem Freitagabend mit kaltem Bier und Energydrinks in der Hand auf Hockern und leeren Augustiner-Kisten vor dem Kiosk 32 sitzen, suchen im Schatten Schutz vor der drückenden Abendsonne. Seit Ende Mai kommen sie regelmäßig mit der Polizei ins Gespräch. Wo die anderen sind, erkundigen sich die Männer in Uniform. Sie erfahren: Einige sind bei einem Benefizfußballturnier, andere besuchen einen Kollegen im Knast.
Die Wolfgangsiedlung nördlich des Hauptbahnhofs: Einfamilienhäuser und Doppelhaushälften mit Gärten durchmischen sich mit Mehrparteienanlagen, einer Kleingartensiedlung und Schulen; Reihen von Wohnblöcken. So ruhig wie am Freitagabend war es dort zuletzt nicht immer. Wäre das Viertel ein mit Wasser gefüllter Kochtopf auf einer heißen Herdplatte, würde der Deckel unter dem Druck an einigen Stellen gewaltig wackeln.

Ingmar Schweder
"TD Presents - Fick die Polizei" heißt ein Musikvideo, das vor einem Jahr im Internet veröffentlicht wurde. (84)032 steht für die Wolfgangsiedlung.
Vor einem Wohnblock an der Weilerstraße ist im vergangenen Jahr ein Musikvideo gedreht und im Internet hochgeladen worden - Gangster-Rap. Das kann vieles darstellen, das Thema eine gängige Masche sein, um Aufmerksamkeit zu erregen. Oder eine Ansage sein: Zu sehen sind fast ausschließlich vermummte junge Männer, die eine Kufiya tragen, ein in der arabischen Welt von Männern getragenes Kopftuch. In die Kamera wird mit einer Machete gedroht. Kleidung, Auftreten, Gebaren, scharfe Hiebwaffe, die Musik gleicht einer weiteren Kampfansage: "Fick die Polizei" ist die Botschaft.
In einem weiteren Musikclip desselben Produzenten "TD", der an der Staatlichen Berufsschule II und dem angrenzenden Parkdeck aufgenommen wird, lädt ein Mann eine Kalaschnikow durch. Über den Dächern der Siedlung werden libanesische und albanische Flaggen präsentiert, im Clip Joints geraucht. Die Polizei hat die "Einladung" ins Viertel verstanden - und sie angenommen. Seit Ende Mai trifft sich 110 mit 032.
Der Jugendtreff "Checkpoint" an der Weilerstraße hat am Freitagabend geschlossen. Getroffen wird sich am Schulgelände trotzdem. "Hast du schon mal jemanden abgeschossen?", will eine Jugendliche von den Polizisten wissen. Ein weiterer Jugendlicher berichtet, noch nie gekifft zu haben. Ein anderer fordert einen Polizisten auf, ihn zu verfolgen, was dieser freundlich ablehnt. "Dafür gibt es doch gar keinen Grund", sagt er. Die Polizei geht nach einem freundlichen Austausch weiter, die Jugendlichen verabschieden sich auch. Eine mit "Ciao, Bullen" - sie entschuldigt sich und hält sich die Hand vor den Mund.

Ingmar Schweder
Vor dem "Checkpoint", der am Freitagabend geschlossen hat, trifft die Polizei auf eine Gruppe Jugendliche.
Postleitzahlen werden für Reviermarkierungen benutzt
032: Die Ziffernfolge taucht als Graffiti an Hauswänden und Mauern zuletzt häufig auf, nicht nur in der Wolfgangsiedlung. Postleitzahlen werden in der Bandenszene zur Reviermarkierung verwendet. Die "36 Boys" etwa waren in den 80er- und 90er-Jahren eine berüchtigte Jugendbande im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Hauptsächlich bestand die Gruppe aus türkisch- und kurdischstämmigen Jugendlichen. (84)032, das ist aber nicht Kreuzberg vor 40 Jahren, sondern die Wolfgangsiedlung heute. Ein Viertel für die Arbeiterklasse bis zur gehobenen Mittelschicht, in dem Menschen ruhig wohnen und ihre Kinder sorgenfrei großziehen wollen. Dazwischen bewegen sich die Polizei und eine Gruppe, die offenbar Grenzen austestet und nicht davor zurückschreckt, diese zu überschreiten. Eine entscheidende Frage ist: Welchen Einfluss nimmt die Gruppe auf die Umgebung?
Im Januar sitzen zwei junge Männer aus der Wolfgangsiedlung auf der Anklagebank. Sie sollen einen 18-Jährigen verprügelt haben. Das ganze Viertel habe Angst vor der Clique der beiden, heißt es während des Prozesses. Eine Zeugin fürchtet Repressalien und will nur unter Sichtschutz aussagen.

Ingmar Schweder
Der Spielplatz an der Judithstraße in der Wolfgangsiedlung. Hier kam es zu dem brutalen Überfall einer Gruppe Jugendlicher auf zwei Kinder.
Eine neue Eskalationsstufe in der Wolfgangsiedlung wird am 8. Mai erreicht - und eine neue Qualität an Brutalität wird sichtbar. Sieben Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren drangsalieren auf einem Spielplatz an der Judithstraße, im Neubauteil, zwei Kinder. Ein 15-Jähriger, das ermittelt die Polizei, verletzt ein elfjähriges Mädchen mit einem scharfen Gegenstand an den Armen, während das Kind von einem anderen Jugendlichen festgehalten wird. Ihr zwölfjähriger Begleiter wird geschlagen, er wird gezwungen, Tabak (Snus) in den Mund nehmen. Die Kinder werden nach Bargeld und Zigaretten durchsucht. Wie lange diese Tortur für die Kinder dauert, steht nicht im Bericht. Es geht um gefährliche Körperverletzung, die nach Jugendstrafrecht einen Strafrahmen bis zu fünf Jahre, nicht aber unter sechs Monaten vorsieht.
Das hat Folgen: Seit Ende Mai fährt die Landshuter Polizei in der Wolfgangsiedlung und näheren Umgebung sogenannte Konzepteinsätze. Bis vergangene Woche zehn an der Zahl. Der hohe personelle Aufwand zeigt, dass die Polizei Landshut in Hab-Acht-Stellung steht. Die Einsätze seien notwendig, um negativen Entwicklungen frühzeitig entgegenzuwirken und das Sicherheitsgefühl unter den Bewohnern zu stärken, formuliert es Polizeirat Hartl, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Landshut. Die jüngsten Vorfälle hätten zur Beunruhigung der Anwohner beigetragen. Bewohner des Viertels meldeten sich bei der Polizei. Hartls Aussagen könnten auch so gedeutet werden: Es ist mehr Druck auf dem Kessel, als die Polizei öffentlich ausformulieren will. Deshalb sucht sie seit Wochen Kontakt zu den Menschen im Viertel, leistet Präventionsarbeit, zeigt Präsenz, sucht verstärkt das direkte Gespräch mit Bewohnern, Jugendlichen, jungen Männern und solchen, die sich selbst in den Fokus der Polizei rücken. "Die Resonanz ist sehr positiv, die Bewohner nehmen das Angebot an", sagt Hartl an Freitagabend.

Ingmar Schweder
Polizeirat Hartl (von links), Polizeiobermeister Brunner und Polizeihauptkommissar Germowitz laufen Treffpunkte in der Siedlung ab.
Mit Hartl auf Streife sind Polizeiobermeister Brunner und Polizeihauptkommissar Germowitz. Insgesamt zehn Polizisten sind zeitgleich in Landshut-Nord im Einsatz. Hauptsächlich zu Fuß gehen sie durch die Siedlung, steuern gezielt Treffpunkte an. In der Siedlung gibt es kaum einsehbare Ecken, nicht nur kleinere Spielplätze wie an der Nelkenstraße. Orte wie diese sind zuletzt mehrfach zweckentfremdet worden, sagt Hartl. Das heißt am Freitagabend: Statt auf schaukelnde Kinder trifft die Polizei dort auf jugendliche Kiffer.
Die Polizei stellt Cannabis bei einer Minderjährigen sicher, genauso wie bei einem E-Scooterfahrer. Neben Drogenmissbrauch kam es zuletzt zu Vandalismus in Schulen, Ruhestörungen, Belästigungen und Diebstählen. Kiosk-32-Besitzer Alex Gebel berichtet, dass bei ihm eingebrochen worden ist. Gestohlen worden sei jedoch nichts. Die Polizei ist schnell vor Ort gewesen. Die verstärkte Präsenz in der Siedlung ist nicht verborgen geblieben. Bewohner berichten in den sozialen Medien von Drohnen am Himmel. Die Polizei hält sich dazu bedeckt.

Ingmar Schweder
Bei Alex Gebel, Besitzer des Kiosks 32 am Tannenweg: Sein Laden ist ein Treffpunkt im Viertel.
Vertrauen aufzubauen hat für die Polizisten gedauert
Auf dem Spielplatz an der Judithstraße sitzen Menschen im Schatten am Freitagabend ausschließlich Familien, kleine Kinder tollen auf den Spielgeräten. "Das ist der Idealfall", sagt Hartl, während das Trio eine kleine Anhöhe ansteuert. Die Parkbank dort ist einer der Treffpunkte, erkennbar am Mülleimer, um den sich Dreck und Scherben angesammelt haben. Polizeiobermeister Brunner macht etwas sauber, hebt das Verpackungspapier eines Hamburgers auf.

Ingmar Schweder
Die Gruppe war über den Zaun gestiegen, um Basketball zu spielen. Das Gelände gehört zur Berufsschule II.
Auf dem Platz der Berufsschule II trifft die Polizei auf Jugendliche und junge Männer, die verbotenerweise über den Zaun geklettert sind. Hartls Kollegen nehmen Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs auf und weisen darauf hin, dass der nächste Platz in der Klötzlmüllerstraße zu finden ist. Immer wieder kommen Kosten auf Schulen zu, weil etwas kaputt geht, und seien es die Zäune, die beim Überklettern zerdrückt werden. Der Platz im Klötzlmüllerviertel sei von der Wolfgangsiedlung aus zu weit, sagt einer der Basketballer, die erwischt wurden. Die jungen Männer zeigen sich nach kurzem Gespräch mit der Polizei kooperativ und verlassen schließlich das Gelände.
Gespräche wie diese führte Polizeihauptkommissar Germowitz zuletzt häufig. Einige der Jugendlichen und jungen Erwachsenen nennen ihn mittlerweile kurz "Germo". Dieses Vertrauen aufzubauen, hat für den Polizisten gedauert. Andere Jugendliche, die am Freitagabend durch das Viertel streunen, nennen die Polizisten auf Streife "Kollege Freund und Helfer". Die Polizei wird nun Bilanz ziehen und entscheiden, ob und in welcher Form es im Viertel zu weiteren kontinuierlichen Einsätzen kommen wird. Das Ziel war und dürfte auch in Zukunft klar sein.
Weniger 110 in 84032.










