Terrorermittlungen

Anschlagsplan auf Weihnachtsmarkt: Staatsanwaltschaft äußert sich

In Niederbayern wurden fünf Männer festgenommen, weil sie einen Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt im Raum Dingolfing geplant haben sollen. Der mutmaßliche Kopf der Gruppe soll einen Autohandel im Landkreis betreiben.

Die Ermittler gehen von einem islamistischen Tatmotiv aus.

Die Ermittler gehen von einem islamistischen Tatmotiv aus.

Von Redaktion idowa, dpa, und Redaktion Landau

Die Ermittlungen zu dem geplanten Anschlag befinden sich „in einer frühen Phase“, wie die Generalstaatsanwaltschaft München auf Anfrage erklärt hat. Nach den Festnahmen werten Extremismus-Ermittler Beweismittel aus. Es gehe dabei vor allem um elektronische Datenträger, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft. Zu Details wollte er sich unter Verweis auf das laufende Verfahren nicht äußern. Derweil fordert die SPD im Landtag eine Sondersitzung des Innenausschusses zu den Vorfällen – noch vor Weihnachten. 

Medienberichte, wonach der 56-jährige Ägypter einen Autohandel in Wallersdorf betreiben soll, wollte die Generalstaatsanwaltschaft weder bestätigen noch dementieren. Anwohner berichteten unserer Mediengruppe zwar von einem „großen Polizeieinsatz“ am Freitagabend – dass dieser in Zusammenhang mit dem geplanten Anschlag steht, bestätigte die Staatsanwaltschaft jedoch nicht. Wallersdorfs Bürgermeister Franz Aster äußerte sich mit den Worten: „Dem Markt Wallersdorf liegen keine weiteren Informationen vor - außer das, was wir selber den Medien oder den offiziellen Mitteilungen entnommen haben. Darüber hinaus hat der Markt Wallersdorf keine eigenen Erkenntnisse oder Informationen.“

Mutmaßliches Anschlagsziel war ein Weihnachtsmarkt im Raum Dingolfing. (Archivbild)

Mutmaßliches Anschlagsziel war ein Weihnachtsmarkt im Raum Dingolfing. (Archivbild)

Am Samstag waren Haftbefehle gegen vier der Männer ergangen, ein weiterer wurde in Präventivgewahrsam genommen. Bei den Männern handelt es sich den Ermittlern zufolge um einen 56-jährigen Ägypter, einen 37-jährigen Syrer und drei Marokkaner im Alter von 22, 28 und 30 Jahren. Der Ägypter soll in einer Moschee im Raum Dingolfing-Landau zu einem Anschlag aufgerufen haben, „um möglichst viele Menschen zu töten oder zu verletzen“, wie die Generalstaatsanwaltschaft erklärte. Die drei Marokkaner sollen demnach bereit gewesen sein, den Anschlag auszuführen. Der Syrer schließlich soll die Männer in ihrem Entschluss bestärkt haben.

Was über die Verdächtigen noch bekannt ist

Laut aktuellem Ermittlungsstand ist der Aufenthaltsstatus aller fünf Festgenommener geklärt, sagte Landrat Werner Bumeder am Montag in einer Sitzung des Kreistags Dingolfing-Landau. Die Männer hielten sich laut Innenministerium allesamt rechtmäßig in Deutschland auf. Der Ägypter war demnach bereits seit 1995 hier, er habe aktuell eine sogenannte Niederlassungserlaubnis - also eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis - und war nicht im Landkreis Dingolfing-Landau wohnhaft. Der Syrer reiste 2023 ein und erhielt subsidiären Flüchtlingsschutz. Die drei marokkanischen Staatsangehörigen reisten erst im November 2025 im Rahmen der Fachkräfteeinwanderung mit einem Visum ein.

Der Verdacht eines islamistischen Hintergrunds der geplanten Tat habe sich bestätigt, so Bumeder weiter. Allerdings habe das Quintett den Anschlag offenbar nicht innerhalb eines größeren Netzwerks geplant. Die Zentralstelle der Generalstaatsanwaltschaft zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus leitete den Einsatz, an dem auch das Landesamt für Verfassungsschutz beteiligt war. Ein ausländischer Nachrichtendienst sei nicht involviert gewesen, hieß es. 

Auf Anfrage unserer Mediengruppe sagte Bumeder: „Ich bin schockiert und erschüttert. Gleichzeitig bin ich froh und dankbar, dass Spezialkräfte und Ermittler Schlimmeres verhindern konnten und die mutmaßlichen Täter rechtzeitig festgenommen wurden. Die Hintergründe müssen jetzt aufgeklärt und Konsequenzen daraus gezogen werden.“ Bumeder weiter: „Ich gehe selbst gerne auf Christkindlmärkte. Angst oder Sorgen hatte ich nie. Hoffentlich können wir die schönen Weihnachtsmärkte weiter gemeinsam genießen. Jedenfalls finden die laufenden und geplanten Christkindlmärkte statt, von behördlicher Seite gibt es diesbezüglich keine Änderungen oder zusätzliche Auflagen. Sicherheitskonzepte lagen für alle Märkte bereits vor, diese haben weiterhin Bestand.“

Viele Fragen sind nach wie vor offen

Nach wie vor nicht bekannt ist, welcher Weihnachtsmarkt im Raum Dingolfing das Ziel des mutmaßlichen Anschlags war. „Pläne für einen Anschlag an einem bestimmten Tag oder an einem bestimmten Weihnachtsmarkt gibt es nach derzeitigem Ermittlungsstand nicht“, sagte am Wochenende der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Die Polizei sieht nach den Festnahmen keine Notwendigkeit, die Sicherheitsmaßnahmen an Weihnachtsmärkten zu verschärfen, äußerten sich die Polizeipräsidien Niederbayern, München und Mittelfranken auf dpa-Anfrage. Die Sicherheit sei schon jetzt hoch, hieß es – an der Lage habe sich durch die aktuellen Ereignisse nichts geändert. Zumal der mutmaßliche Plan der Männer - ein Angriff mit einem Fahrzeug - in den Sicherheitskonzepten bereits bedacht sei. Das Polizeipräsidium Niederbayern erklärte Sonntagmittag in einer Pressemitteilung ergänzend, dass man unabhängig davon weiterhin sichtbar vor Ort sein werde, auch um das subjektive Sicherheitsgefühl der Besucher zu stärken. Absagen von Veranstaltungen seien derzeit nicht bekannt.

Auch, wie die Ermittler den fünf Männern auf die Schliche gekommen sind, wurde bislang nicht bekannt gegeben. Drei Männer wurden laut Generalstaatsanwaltschaft an der Grenze zu Österreich festgenommen, zwei weitere in Niederbayern. Demnach waren beim Zugriff rund 100 Polizisten mit Spezialkräften im Einsatz. Die Sicherheitsbehörden waren nach eigenen Angaben zwei Tage vorher auf sie aufmerksam geworden.

Ebenfalls noch unbekannt ist, wo zu dem Anschlag aufgerufen wurde. Am Dienstag teilte der türkisch-islamische Moscheeverband Ditib auf Anfrage mit, dass Berichte, wonach der 56-jährige Ägypter in der Ditib-Moschee in Dingolfing gepredigt haben soll, irreführend seien: „Die einzige Moscheegemeinde in der Gegend ist eine der Ditib angeschlossene kleine Gemeinde mit 135 Mitgliedern, in der sich jeder gegenseitig kennt.“ Es sei daher auszuschließen, dass die Verdächtigen Mitglieder der Gemeinde oder regelmäßige Besucher der Moschee sind, „geschweige denn dort gepredigt haben“.

Generalstaatsanwaltschaft: Pläne in frühem Stadium

Dass die fünf Männer am Freitag festgenommen wurden, obwohl sich ihre Pläne laut Generalstaatsanwaltschaft noch „in einem frühen Anfangsstadium befanden“, lag offenbar auch an der Art des geplanten Angriffs. Die Vorbereitungszeit für einen potenziellen Anschlag mit einem Fahrzeug auch ohne Festlegung auf eine konkrete Zeit oder einen konkreten Markt hielten die Ermittler für möglicherweise so kurz, dass sie nach einem Hinweis des bayerischen Verfassungsschutzes schnell handelten. 

Herrmann lobt Reaktionsfähigkeit der Sicherheitsbehörden

„Dank der hervorragenden Zusammenarbeit unserer Sicherheitsbehörden konnten in kürzester Zeit mehrere Tatverdächtige festgenommen und damit ein potenzieller islamistisch motivierter Anschlag in Bayern verhindert werden“, sagte dazu Innenminister  Herrmann. Dies belege „eindrucksvoll die gute Reaktions- und Leistungsfähigkeit unserer Sicherheitsbehörden und zeigt: Wir sind in der Lage, unsere Bürgerinnen und Bürger zu schützen!“ Nun müssten die Hintergründe gemeinsam mit der Generalstaatsanwaltschaft München aufgeklärt werden. Der aktuelle Vorfall zeige, „dass die anhaltend hohe abstrakte Gefährdungseinschätzung unserer Sicherheitsbehörden vollkommen richtig ist“, sagte der Minister. Zu Recht stünden Weihnachts- und Christkindlmärkte, auch wegen der Vorfälle der vergangenen Jahre, „stärker im Fokus unserer Sicherheitsbehörden“.

Weihnachtsmärkten gilt seit längerem besondere Aufmerksamkeit der Sicherheitsbehörden - auch wegen früherer Anschläge. So steuerte ein radikalisierter Islamist am 19. Dezember 2016 einen Lastwagen in die Menschenmenge auf dem Berliner Breitscheidplatz und tötete damit 13 Menschen, wobei einer erst Jahre später an den Folgen starb.

Im vergangenen Jahr raste ein Autofahrer absichtlich über den Magdeburger Weihnachtsmarkt, tötete damit sechs Menschen und verletzte mehr als 300 weitere. Derzeit läuft am Landgericht Magdeburg der Prozess gegen den geständigen Täter aus Saudi-Arabien, der seit 2006 in Deutschland lebte.

Folgen Sie Themen dieses Artikels:

Alle Artikel zu gefolgten Themen und Autoren finden Sie bei mein Idowa

Keine Kommentare


Neueste zuerst Älteste zuerst Beliebteste zuerst
alle Leser-Kommentare anzeigen
Leser-Kommentare ausblenden

Dieser Artikel wurde noch nicht kommentiert.

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.