Opferzahlen steigen
Gewalt gegen Frauen - und was die Politik dagegen tut

Britta Pedersen/dpa
BKA-Präsident Holger Münch, Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) präsentieren in Berlin zwei Sonderauswertungen der Polizeistatistik: Ein Bundeslagebild zu häuslicher Gewalt und ein Lagebild zu Straftaten gegen Frauen.
Im vergangenen Jahr sind in Deutschland 308 Frauen und Mädchen gewaltsam getötet worden, 191 davon durch Partner, Ex-Partner oder andere Familienmitglieder. Die Zahlen wurden in Berlin von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) und dem Präsidenten des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, vorgelegt und beruhen auf der polizeilichen Kriminalstatistik.
2024 starben demnach 32 Frauen und Mädchen weniger durch Gewalttaten als im Vorjahr (340). Insgesamt wurden 859 Frauen und Mädchen Opfer versuchter und vollendeter Tötungsdelikte (2023: 938). Bei 68 Prozent der Opfer (587) waren die Tatverdächtigen Partner, Ex-Partner, Familienmitglieder, Freunde oder Menschen, die sie kannten.
Die Zahl der 2023 bei Gewaltdelikten getöteten Frauen war bisher öffentlich mit 360 angegeben worden. Im aktuellen Bundeslagebild wird eine neue Zahl von 340 genannt. Grund ist eine neue Erfassungsmethode.
Im Gegensatz zum Rückgang bei den Tötungsdelikten gab es bei allen anderen gegen Frauen gerichteten Straftaten einen Anstieg der registrierten Opferzahlen, wie aus dem Bundeslagebild „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten 2024“ weiter hervorgeht:
- 53.451 Frauen wurden Opfer von Sexualstraftaten (+2,1 Prozent), fast die Hälfte aller Opfer war unter 18 Jahren alt
- 187.128 Frauen wurden Opfer häuslicher Gewalt (+3,5)
- 18.224 Frauen wurden Opfer von digitaler Gewalt, wie Nötigung, Bedrohung oder Stalking (+6)
- 593 Frauen wurden Opfer von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung (+0,3)
Auch die Zahl der Tatverdächtigen stieg in all diesen Bereichen, zum Teil deutlich. Dies sind nur die Fälle, die auch bekannt oder gemeldet wurden. Besonders bei häuslicher und digitaler Gewalt sei von einem großen Dunkelfeld auszugehen, hieß es in dem Bericht.
Der Anstieg der Zahlen kann, muss aber nicht zwingend bedeuten, dass es auch einen tatsächlichen Anstieg an Fällen gibt. Er kann auch damit zusammenhängen, dass Taten öfter angezeigt werden.
In allen Fallgruppen gibt es dem Lagebild zufolge einen hohen Anteil von
Tatverdächtigen aus einer früheren oder aktuellen Partnerschaft. Gewalt an Frauen steige weiterhin deutlicher als Gewaltkriminalität insgesamt an.
Dobrindt, Prien und Münch legten zudem eine Sonderauswertung (Bundeslagebild) zum Thema häusliche Gewalt vor. Dazu zählen Gewalt gegen Partner oder Ex-Partner und innerfamiliäre Gewalt auch gegen weiter entfernte Familienmitglieder. Im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt gab es demnach im vergangenen Jahr insgesamt 286 Todesopfer - 95 davon Männer, 191 Frauen. 132 Frauen und 24 Männer wurden laut Lagebild durch ihre Partner oder Ex-Partner getötet.
308 Frauen und Mädchen wurden 2024 gewaltsam getötet (32 weniger als 2023), 191 davon durch Partner, Ex-Partner oder andere Familienmitglieder. In allen anderen Bereichen gab es einen Anstieg:
- 53.451 Frauen wurden Opfer von Sexualstraftaten (plus 2,1 Prozent), fast die Hälfte aller Opfer war unter 18 Jahren alt
- 187.128 Frauen wurden Opfer häuslicher Gewalt (plus 3,5 Prozent)
- 18.224 Frauen wurden Opfer von digitaler Gewalt, wie Nötigung, Bedrohung oder Stalking (plus 6 Prozent)
- 593 Frauen wurden Opfer von Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung (plus 0,3 Prozent)
Die Kriminalstatistik zeigt nur Fälle, die den Ermittlern auch bekanntwerden. Der gemessene Anstieg kann also damit zusammenhängen, dass es tatsächlich mehr Taten gibt, aber auch damit, dass Menschen verstärkt Taten anzeigen. Man könne das nicht abschließend sagen, sagte der Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) Holger Münch. „Die Vermutung ist, teils, teils.“
Politisch sind einige Vorhaben in der Planung und schon beschlossen, um Gewalttaten gegen Frauen zu begegnen.
Das Bundeskabinett hat erst am Mittwoch einen Gesetzentwurf für eine sogenannte elektronische Fußfessel beschlossen. Künftig können Familiengerichte bei gewalttätigen Ex-Partnern das Tragen einer solchen elektronische Aufenthaltsüberwachung anordnen, damit diese sich an Auflagen halten, sich nicht zu nähern. Dies schaffe neue Schutzräume, sagte Dobrindt.
Der Bundestag hatte kürzlich bereits ein Gesetz beschlossen, das den Handel und Vertrieb sogenannter K.o.-Tropfen, die als „Vergewaltigungsdroge“ bekannt sind, stark eingeschränkt hat. Dobrindt kündigte an, dass auch die Strafen verschärft werden sollen. „K.o.-Tropfen sind K.o.-Waffen“, sagte er, deshalb müssten sie bei der Strafverfolgung auch wie eine Waffe behandelt werden. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) hatte ebenfalls bereits gesagt, dass Verschärfungen des Strafrechts etwa bei Vergewaltigungen unter Einsatz solcher Tropfen geplant seien.
Ein im Februar beschlossenes Gesetz verpflichtet die Bundesländer dazu, künftig ausreichend Frauenhausplätze und Beratungsangebote vorzuhalten. Ab 2032 sollen Betroffene einen Rechtsanspruch auf einen kostenlosen Platz und Beratung bekommen. Der Bund gibt 2,6 Milliarden Euro. Prien nannte das Gesetz einen Meilenstein.
Zudem würden für die kommenden vier Jahre 150 Millionen Euro für die Sanierung und den Bau von Frauenhäusern zur Verfügung gestellt. Die Familienministerin verwies auch auf die Nummer des kostenlosen Hilfetelefons 116 016, an das sich Betroffene wenden können.
Innenministerium, Familienministerium und Bundeskriminalamt haben Menschen in Deutschland zu Gewalterfahrungen befragt, unabhängig von gestellten Strafanzeigen. Die Ergebnisse dieser Dunkelfeldstudie sollen Anfang des kommenden Jahres vorgestellt werden, sagte BKA-Präsident Münch. Er verriet so viel: Die Anzeigequote im Bereich Partnerschaftsgewalt liege bei unter fünf Prozent. Viele Taten würden aus Angst, Abhängigkeit oder Scham nicht angezeigt.
Bildungs- und Familienministerin Prien will sich nach eigenen Angaben dafür einsetzen, dass das Thema in den Schulen auf den Plan kommt. Sie werde es mit ihren Kollegen in den Ländern aufnehmen und gemeinsam überlegen, wie man Unterrichtseinheiten entwickeln könne. Sie verwies darauf, dass es an vielen Schulen beispielsweise auch schon Schutzkonzepte für Prävention beim Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder gebe.
Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes appellierte an die Politik, sich stärker mit den gesellschaftlichen Ursachen von Gewalt gegen Frauen zu beschäftigen. Maßnahmen wie die elektronische Fußfessel seien richtig, griffen aber zu spät, nach der Gewalttat, sagte Bundesgeschäftsführerin Christa Stolle. „Was im Verborgenen liegt muss stärker von der Politik adressiert werden: Ein patriarchales Weltbild mit der Vorstellung männlicher Überlegenheit und die strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.“










