Wenn Krisen Alltag sind

Wie Psychologen beim Krisentelefon Niederbayern Menschen in Not helfen

Der Krisendienst Psychiatrie Niederbayern unterstützt Menschen, die in persönlichen Notlagen nicht weiterwissen und niemanden zum Reden haben.

Ein Blick auf den Schreibtisch beimnKrisendienst PsychiatrienNiederbayern. Hier ist immer jemand erreichbar.

Ein Blick auf den Schreibtisch beimnKrisendienst PsychiatrienNiederbayern. Hier ist immer jemand erreichbar.

Inhaltswarnung: In diesem Text geht es um persönliche Krisen, Depressionen und Selbstverletzung.

Miriam hört zu, wenn es niemand anderes tut. Die 30-Jährige sitzt in einem steril wirkenden Büro im Landshuter Bezirkskrankenhaus. Die Fenster sind verdunkelt, um gegen die Sommerhitze anzukämpfen – die Inneneinrichtung besteht aus ein paar Pflanzen und zwei wandgroßen Bildern mit Naturmotiven. Vor Miriam stehen nur ein PC, ein Telefon und ein Headset. Nichts in dem Zimmer kann von ihrer wichtigen Aufgabe ablenken: Menschen in schwierigen Lebenslagen helfen.

Die junge Frau arbeitet für den Krisendienst Psychiatrie Niederbayern. Rund um die Uhr melden sich hier Menschen, die nicht weiterwissen. Die Beratung, akute Hilfe oder ein offenes Ohr brauchen. Auch besorgte Angehörige können sich an die Hilfsstelle wenden. Die Kosten für die sieben Leitstellen trägt der Freistaat Bayern. Das Angebot gibt es seit fünf Jahren, Miriam ist als studierte Psychologin von  Anfang an dabei – und die Nachfrage steigt. 2021 klingelte das Telefon in Niederbayern 5.000-mal, im vergangenen Jahr waren es ungefähr 12.500 registrierte Anrufer.

Welche Probleme diese mitbringen, weiß Miriam erst, sobald sie den Hörer abnimmt. Hat die Person am Ende der anderen Leitung gerade eine Panikattacke oder befindet sie sich in einer gefährlichen Situation? Möchte sie nur ihr Herz ausschütten oder besteht Gefahr, dass sie sich verletzt? All das muss Miriam erkennen und abwägen. Wir durften Miriam für kurze Zeit über die Schulter schauen. Die junge Frau will ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen, vor allem zu ihrer eigenen Sicherheit – mehr dazu später.

Fall 1: Wenn die große Liebe keine zweite Chance gibt

Das Telefon klingelt, sie setzt ihr Headset auf. „Krisendienst Niederbayern, hallo?“, sagt Miriam in einem freundlichen Ton und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. Konzentriert faltet sie ihre Hände zusammen. Zuerst hakt sie nach, ob der Anrufer wirklich aus Niederbayern kommt – die Software, die Anrufe nach Standort filtert, ist nicht fehlerfrei. Der junge Mann, ungefähr Anfang 20, ist aber richtig und beginnt sofort, zu erzählen. Es geht um eine Trennung, die Worte fließen aus ihm heraus wie Wasser einen Abhang hinab. Miriam hört aufmerksam zu, kann bei dem Redefluss nur manchmal ein emphatisch klingendes „Mmmh“ oder ein „Okay“ einwerfen.

Der Anrufer erzählt von Schuldgefühlen, weil er einsieht, dass er der Grund für die Trennung ist. Er verstehe aber nicht, wieso seine Ex-Partnerin  ihn jetzt nicht zurückhaben möchte, nachdem er sich seine Fehler eingestanden hat. „Für ihn ist die Trennung die erste richtige Lebenskrise“, wird Miriam im Nachhinein erklären. „Er hat das Gefühl, dass er nun sein Leben damit kaputt gemacht hat und niemals jemand anderen finden wird.“

Zusammen mit dem jungen Mann stellt die Psychologin fest, dass er Freunde und Hobbys hat, auf die er sich stattdessen konzentrieren kann. Miriam vermittelt ihn außerdem an eine Beratungsstelle für Lebens- und Beziehungsfragen weiter.

Junge Erwachsene gehören übrigens zu den häufigsten Anrufern des Krisentelefons. „In dem Alter ist es üblicher geworden, dass man über mentale Gesundheit und seine Probleme spricht“, findet Miriam. „Und ich bemerke: Viele von ihnen fühlen sich unsicher, sind noch belastet von der Corona-Zeit und den Krisen in Deutschland oder auf der ganzen Welt.“

Nach 40 Minuten ist das Telefonat mit dem jungen Mann beendet. Miriam trägt alle Details zu dem Gespräch in ein Formular ein. Dabei wählt sie aus, welche Themen behandelt wurden. Dabei wird klar: Das Krisentelefon behandelt mehr als nur Herzschmerz. Die Liste beinhaltet: Angst, Panik, Depression, Borderline-Störung, Stimmungsschwankungen, Selbstverletzung, Suizidgedanken. Aber auch Trauer, Gewalt, Trauma, finanzielle Probleme und Essstörungen.

Die Einrichtung ist in den vergangenen fünf Jahren immer bekannter geworden. Dadurch hat es aber auch mit Streichanrufen zu kämpfen: „Ein junger Kerl fand es letztens besonders witzig, einen Big Mac bei uns zu bestellen“, erinnert sich Miriam.

Fall 2: Schizophrenie oder Schauspielerin?

Ein anderer Fall wird der Psychologin für immer im Kopf bleiben. Die 16 Mitarbeiter bei dem Krisendienst arbeiten im Schichtsystem. So sitzt  Miriam auch mal mitten in der Nacht alleine in ihrem Büro. Um drei Uhr nachts rief einmal eine ältere Frau an, die meinte, dass sie Schizophrenie hat und die Stimme ihrer Mutter hört. „Während des Gesprächs hat dann immer wieder die Mutter übernommen – als wäre die Frau besessen“, erinnert sich Miriam. Sie wollte jemanden zu der Anruferin hinschicken, zum Beispiel einen Rettungswagen. Auch für den Fall, dass die Frau Drogen konsumiert hatte.

Die Aussagen der Anruferin wurden währenddessen immer seltsamer und sie begann zu schreien, wenn die Persönlichkeit der Mutter übernahm. Irgendwann war plötzlich Stille in der Leitung, bis die Anruferin meinte: „Danke, dass Sie mir zugehört haben. Ich muss zugeben, dass das alles geschauspielert war.“ Ganz zum Ärger von Miriam, die der Frau erklärt hat, dass dadurch vielleicht ein Mensch mit einer akuten Krise auf einen Rückruf wartet. Das habe die Frau dann auch verstanden.

Rund um psychische Erkrankungen gibt es viele Vorurteile: Auch deshalb sind solche Fake-Anrufe gefährlich. Denn oft wird Menschen, die wegen psychischer Krankheiten leiden, vorgeworfen, dass sie ihre Symptome nur vortäuschen. Im schlimmsten Fall bekommen sie dann nicht die Hilfe, die sie dringend brauchen.

Fake-Notlagen sind nicht das einzige Problem, mit dem Miriam umgehen muss: Ältere Männer werden oft unangenehm, wenn sie die Stimme einer jungen Frau hören und versuchen, zu flirten. Oder sie stellen Miriam persönliche Fragen, ob sie Kinder hat oder single ist. Auch Beleidigungen werden ihr entgegengeschleudert, vor allem bei alkoholisierten Anrufern.

Fall 3: „Das mit der Kuh tut mir extrem leid“

Ein Beispiel: Eine Dame mit einer bipolaren Störung litt unter Suizidgedanken und rief beim Krisendienst an. Als Miriam deshalb die Polizei zu ihr schickte, wurde die Psychologin als „blöde Kuh“ beschimpft. „Das zeigte mir aber nur, wie sehr die Frau mit sich selbst kämpfte“, meint Miriam. Der Anruf beweise schließlich, dass die Frau sich Hilfe gewünscht habe. Die Geschichte hatte ein glückliches Ende: Wenige Wochen später meldete sich die Dame noch einmal bei Miriam und entschuldigte sich. Das Telefonat habe ihr gut getan. „Das hat mich auf eine seltsame Weise froh gemacht“, sagt Miriam und lacht. „Sowas beweist mir, dass ich im richtigen Job bin.“

Die Psychologin hat auch einer reisendenNiederbayerin geholfen, die im Zug eine Panikattacke hatte. Sie konnte am nächsten Halt, weit entfernt von Niederbayern, eine Helferin der Bahnhofsmission zu ihr schicken, um sie emotional aufzufangen. „Der Beruf ist auf jeden Fall abwechslungsreich“, meint sie. „Und es fühlt sich einfach gut an, zu helfen.“ Die 24/7-Hilfsstelle ist zwar noch relativ neu, aber bereits jedes Jahr eine Stütze für Tausende Menschen. Auch deshalb wählen immer mehr die 0800 655 3000.

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