Analyse

Marken und Fast Fashion: Wie viel ist Kleidung wirklich wert?

Hugo Boss, Calvin Klein oder Tommy Hilfiger: Kleidung dieser Marken kostet meist eine stattliche Summe Geld. Doch ist es das auch wert? Das steckt wirklich hinter der Qualität teurer Marken.

Näherinnen in einer Fabrik in Bangladesch.

Näherinnen in einer Fabrik in Bangladesch.

Teure Marken verkaufen nicht nur Mode. Im Preis inbegriffen ist auch ein Gefühl der Exklusivität, des Luxus und der Elite. Wer hochpreisige Kleidung trägt, wird oft als erfolg- oder einflussreich angesehen, schließlich kann sich nicht jeder solche Kleidungsstücke leisten. Die Produkte von Gucci, Prada oder Karl Lagerfeld kosten oft zehnmal so viel wie Stücke unbekannterer Marken. Dabei lassen viele teure Labels auch in Ländern wie China oder Bangladesch produzieren.

Ein Blick hinter die glamouröse Facette der Modewelt zeigt, dass die Preise nicht immer den echten Wert der Kleidung widerspiegeln. Schon vor über einem Jahrzehnt machte die Autorin Gisela Burckhardt in ihrem Buch „Todschick“ auf Missstände und Betrug in der globalen Textilindustrie aufmerksam. Die zentrale Frage von damals ist aber heute weiter aktuell: Was steckt wirklich hinter teurer Kleidung?

Die Modeindustrie – ein System, das auf Image basiert

Hochpreisige Mode steht für viele Menschen vor allem für eines: Qualität. Die meisten verlassen sich bei einem teuren Kleidungsstück darauf, dass die Materialien hochwertig und die Produktion fair sind. Aber es ist auch ein Gefühl von Exklusivität und Luxus, Markenkleidung zu tragen. Kleidung wird also auch nicht mehr nur nach ihrem Nutzen bewertet, sondern vor allem nach ihrem Image. Und dieses Gefühl bestimmt oft mehr den Wert der Kleidung als Material oder Entstehungskosten.

Es zeigt sich also: Der Preis allein ist kein verlässlicher Indikator für Qualität. Teure Kleidungsstücke verwenden auch mal hochwertige Materialien, häufig bestehen sie aber aus ähnlichen Stoffen wie günstige Alternativen. Der Unterschied zwischen Marken- und Billigkleidung liegt daher oft weniger in der Qualität, sondern in unserer Wahrnehmung.

Globale Produktion – schwer durchschaubar

Luxusmarken lassen auch in Europa produzieren. Ein Großteil der weltweit verkauften Kleidung, auch von hochpreisigen Marken, wird aber in Ländern mit niedrigen Produktionskosten wie zum Beispiel Bangladesch hergestellt. Diese globalen Lieferketten sind komplex und für Außenstehende oft schwer nachvollziehbar.

Ein Problem, das auch Autorin Gisela Burckhardt beschreibt: Es ist bis heute nicht klar feststellbar, wie viele Textilfabriken in Bangladesch existieren. Schätzungsweise sind es zwischen 3.500 und 6.500. Und Recherchen legen nahe, dass viele dieser Fabriken nicht registriert sind. Damit entziehen sich die Betreiber der Fabriken Kontrollen und es ist kaum möglich, Arbeitsbedingungen zu überprüfen oder Verantwortlichkeiten klar zuzuordnen.

Frauen stehen im Zentrum der Produktion

Nicht nur in Bangladesch, auch in vielen anderen Ländern, die Kleidung produzieren, sind es überwiegend Frauen, die in den Textilfabriken arbeiten. Sie gelten als gehorsam und werden häufig zu niedrigen Löhnen beschäftigt. Männer haben in den Fabriken meist die Positionen der Aufpasser. Es gibt viele Berichte von Arbeiterinnen, die gedemütigt, beleidigt oder sogar geschlagen werden. Die meisten der Frauen haben allerdings keine Wahl, als in solchen Fabriken Geld zu verdienen. Andere Verdienstmöglichkeiten sind für sie kaum vorhanden. Statistiken zeigen, dass ungefähr fünf Millionen Frauen für die Textilindustrie in Bangladesch arbeiten. Recherchen haben ermittelt, dass eine Arbeiterin in einer Textilfabrik umgerechnet nur etwa 100 Euro im Monat verdient.

Autorin Gisela Burckhardt beschreibt, unter welchem Druck diese Frauen stehen: lange Arbeitszeiten, geringe Bezahlung und kaum soziale Absicherung. Die Rechtsordnung in Bangladesch enthält zwar eine Vielzahl von Schutzmaßnahmen, doch diese werden bis heute nur teils eingehalten.

Die Katastrophe von Rana Plaza als Wendepunkt

Im April 2013 stürzte die Textilfabrik Rana Plaza ein, bei dem Unglück starben mehr als 1.000 Menschen. Diese Tragödie machte nicht nur die mangelhaften Sicherheitsstandards sichtbar, sondern auch ein strukturelles Problem: die Undurchsichtigkeit der Lieferketten. In vielen Fällen war unklar, welche Unternehmen tatsächlich in Rana Plaza produzieren ließen. Entsprechend schwierig gestaltete sich die Frage nach Verantwortung.

Was hat sich seitdem verändert? Die Situation der Arbeiterinnen ist zwar in einigen Bereichen besser geworden, aber es gibt weiter große Probleme und Sicherheitslücken. So wurde in zahlreichen Fabriken viel Geld für den Arbeitsschutz ausgegeben und der Mindestlohn erhöht. Doch auch dieser reicht oft nicht zum Leben. Die Arbeitsbedingungen sind nach wie vor geprägt von hohem Arbeitsdruck, fehlendem Kündigungs- oder Mutterschutz und sogar sexueller Belästigung.

Ein weiteres Problem ist, dass gesetzliche Regelungen in Bangladesch weiter nur mangelhaft umgesetzt werden. Auch nach dem Unglück in Rana Plaza kam es immer wieder zu schweren Unfällen wie Bränden und Explosionen in Fabriken.

Internationale Standards verlangen, dass Unternehmen Verantwortung für Menschenrechte entlang ihrer gesamten Lieferkette übernehmen. Das bedeutet, dass auch europäische Firmen, die ihre Kleidung in Bangladesch produzieren lassen, eine Mitverantwortung tragen. Bei uns in Deutschland gibt es dafür seit 2023 das Lieferkettengesetz. Kritiker mahnen jedoch an, dass es hinter den internationalen Standards zurückbleibt. Deshalb fordern Organisationen wie Amnesty International ein stärkeres europäisches Lieferkettengesetz, das Unternehmen mehr in die Pflicht nimmt. Auf EU-Ebene wird daran derzeit gearbeitet.

Und: Viele Unternehmen geben mittlerweile Geld aus für Sicherheitsprogramme und Nachhaltigkeitsinitiativen. Einige Marken veröffentlichen von selbst Transparenzberichte.

Der Preis erzählt nur einen Teil der Wahrheit

Teure Kleidung vermittelt ein Gefühl von Wertigkeit – doch dieser Wert entsteht nicht ausschließlich durch Qualität. Vielmehr ist er eng mit Image, Marketing und gesellschaftlicher Wahrnehmung verbunden.

Der Blick auf die Produktionsbedingungen zeigt: Der tatsächliche Preis eines Kleidungsstücks lässt sich nicht allein am Etikett ablesen. Er umfasst auch die Arbeitsrealität der Menschen, die es herstellen. Die entscheidende Frage bleibt daher aktuell: Was ist Kleidung wirklich wert – und wer zahlt den Preis dafür?

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