Kurzgeschichte
In „Verloren im Mais“ suchen zwei Jugendliche verzweifelt nach Jakob
21 Uhr, die Sonne hatte schon lange den Horizont überquert. Mit zwei, drei, vier Schrammen am Arm rannte ich unaufhaltsam durch das Maisfeld. Mein Atem schnell, mein Puls hoch. Die anderen waren irgendwo verstreut. Willkürlich auftauchende und wieder verschwindende Lichtkegel verrieten ihren Standort. Ihre Rufe hörte ich nur in einer unbekannten Ferne wie durch einen Batzen Watte. „Jakob, Jakob!“ Immer noch keine Antwort. Wo zur Hölle war er bloß?!
Okay, stehen bleiben, sortieren: Was ist der nächste Schritt? Wo kann er noch sein? Wir suchen seit Mittag, verdammt! Das muss doch alles nur ein dummer Scherz sein. Bestimmt kommt er gleich unter einem Baumstumpf hervorgekrochen, lacht uns aus, weil wir uns Sorgen um ihn machen. Den werde ich dumm und dämlich prügeln, wenn ich ihn erwische! Meine Stirn ist ganz kalt und nass. Jakob friert gewiss auch ganz arg, länger wird er es nicht mehr aushalten können. Ha! Er wird schon sehen, was ihn erwartet.
Ein lautes „Oh Gott, pass auf!“ war das Letzte, was ich hörte, bevor ich auf dem Boden lag. Meine Hände waren unbequem tief im Matsch versunken. „Mach das Licht weg, man!“, kreischte ich schockiert. Vor mir stand Elif, ihre Taschenlampe, wie beim Verhör, auf mein Gesicht gerichtet. „Sorry. Ist alles okay? Hast du dich verletzt?“, fragte sie. Ich rappelte mich mühselig auf und wischte meine Hände an meinem T-Shirt ab. „Ja, ich glaube schon. Hast du ihn gefunden? Oder wieso kommst du wie eine Wahnsinnige quer durch den Mais gerannt?“ „Sowas in der Art. Komm, folge mir.“
Sie packte mich an der Hand und zerrte mich in das dichte Gebüsch. Die Blätter mussten mir mehrfach ins Gesicht klatschen, bevor ich auf die Idee gekommen war, meine Arme schützend auf Augenhöhe zu heben. „Sag mal, wo führst du mich eigentlich hin?!“ Elif blieb plötzlich stehen und ich rannte voll Karacho in sie hinein. „Wir sind da. Guck mal.“ Sie ging in die Knie und hob etwas auf. Etwas Kleines. Was war es? „Ist das nicht Jakobs Schuh?“ Mit fragenden Augen sah sie nun hoch zu mir und drückte mir den kleinen Gegenstand in die Hand – und tatsächlich, er war es! „Und dort drüben ...“, ihr Finger gerichtet auf ein Stück Stoff, das an einem Ast hing, „... ist ein Schal. Lass mal schauen, ob da noch mehr liegt!“
Wir haben die Gegend noch weiter abgesucht, aber nichts mehr gefunden. Jakob war wie vom Erdboden verschluckt. Um Himmels willen. Es war alles meine Schuld, ich hätte doch auf ihn aufpassen müssen.
„Mach dir keine Sorgen, deinem Bruder geht es bestimmt gut. Ich hab’s im Bauch.“ Als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Wollen wir noch weiter in die Richtung gehen? Da waren wir noch nicht.“ Sie deutete nach links. „Stimmt! Lass da sofort hin!“, rief ich hoffnungsvoll. Mit Taschenlampen, Jakobs Schuh und seinem Schal bewaffnet, eilten wir das neu entdeckte Gebiet ab.
Egal, wie hoch man springt, das Ende des Maisfelds kann man nicht sehen. Ja, wirklich. Umso beeindruckender fand ich es, dass Elif und ich nach wenigen Minuten Fußmarsch schon an eine kleine Lichtung stießen. „Elif! Schau dir das mal an!“ Im Boden waren übergroße Fußstapfen zu sehen – der Mais war hier vollkommen plattgetreten. Dann dämmerte es mir: Das war keine Lichtung, wir standen inmitten eines Kornkreises! „Elif ...“ „Du siehst es auch, oder?“ „Elif, was, wenn die Aliens Jakob entführt haben? Was, wenn die ihm was antun?“
Sie fing an zu lachen. „Ach, so ein Quatsch, du hast zu viel ferngesehen. Glaub nicht alles, was dir gesagt wird. Was hätten die denn davon? Die sind nicht so böse, wie sie dargestellt werden. Das ist alles nur Angstmacherei.“ Ich wollte sie kneifen, weil sie sich so über mich lustig gemacht hatte und ging einen Schritt in ihre Richtung. Ein dumpfes Geräusch ertönte.
Wir horchten auf. Mein Fuß war fein säuberlich auf einer Metallplatte platziert? Hier im Maisfeld? Stumm vor Spannung inspizierten wir das Teil: Es war eindeutig eine Luke. Mit Leichtigkeit ließ sie sich öffnen, doch uns empfing nichts als eine gähnende, unendliche Dunkelheit. „Wollen wir da wirklich runter? Jetzt? Wollen wir nicht lieber den anderen Bescheid geben?“, flüsterte ich mit zittriger Stimme, ein leichtes Echo meiner Sorgen hallte im tiefen Tunnel. Elif winkte ab und klammerte sich selbstbewusst an die Leiter. Also blieb mir nichts anderes übrig, als ihr zu folgen.
In meinem Magen drehte sich alles um. Fast eine Ewigkeit kletterten wir umher, meine Füße taten auch schon so weh. Mit jedem Schritt wurden die Gitterstäbe ungnädiger. Doch dann hielt Elif inne, sah mich an und tippte mit ihrem Finger an ihre Nase. Sie flüsterte: „Riechst du das auch? Spinn’ ich? Ist das Kakao?“ „Es ist Kakao!“, schrie ich auf. „Schnell, lass weitergehen! Ich kann auch schon ein Licht sehen.“
Als wir unten in der Mitte des Bunkers standen, saß da tatsächlich Jakob. Ja, Jakob! Munter, wohlauf und in eine warme Decke gewickelt, auf einer Couch. In seinen Händen eine schöne, warme Tasse heiße Schokolade platziert.
Jakob besaß dann noch tatsächlich die Frechheit, mich anzugrinsen und zu prahlen. „Ihr habt aber lange gebraucht!“, lachte er erleichtert auf. „Wir mussten immerhin auch erst mal lernen, dass es nicht nur geradeaus oder zurück geht. Wusstest du, dass man sich auch seitwärts bewegen kann? Und unter die Erde auch?“, rief Elif fröhlich. Ihn so wohlauf wiederzusehen, ließ meine Wut fast komplett wieder weichen.
„Sag mal, aber wie kommst du denn überhaupt hierher?“, fragte ich, nun eingeholt von der absurden Realität. „Als ich mich im Feld verirrt hatte, wurde ich von Humpty und Dumpty aufgenommen. Schokolade haben sie mir gegeben und eine Decke, damit ich nicht friere.“ Er zeigte mit dem Finger bis zur Decke des Raumes. „So groß waren sie! Und grün und sehr nett. So schnell, wie sie mich gerettet haben, waren sie auch wieder weg!“ „Siehst du, Fremdheit bedeutet nicht gleich Gefahr. Lass dir das eine Lektion sein!“ Elifs braune Augen funkelten stolz.









