[Frei]stunde!

Eine Volkskrankheit

Neben dem Fußball selbst, ist den weiblichen Fußballfans auch das perfekte schwarz-rot-goldene Outfit wichtig. (Foto: Mathias Adam)

Neben dem Fußball selbst, ist den weiblichen Fußballfans auch das perfekte schwarz-rot-goldene Outfit wichtig. (Foto: Mathias Adam)

Von Redaktion idowa

Knapp einen Monat standen sie sich gegenüber: die Besten der Besten, die Crème de la Crème der Nationalmannschaften kämpften um den Titel des Europameisters. Deutschland hat ihn leider nicht geholt. Der Fußball wird zum Volkssport und gleichsam, so hat es den Anschein, zur Volkskrankheit mit dem Ergebnis, dass jeder plötzliche eine Fahne schwenkt und man vor lauter Fahnen die Fahne nicht mehr sieht. Deutschland war im Fußballfieber.

Und wahrlich, in diesen Tagen wollte ich kein Tourist sein, verloren dahintreibend in einem Meer aus Schwarz-Rot-Gold. Dennoch muss der verwirrte Tourist erkennen, dass er Glück hatte, denn die Euphorie der Fans scheint dem Rahmen angepasst - schließlich geht es ja nur um den Europameistertitel und nicht darum, wer Weltmeister wird. Deshalb bleiben auch die Autokorsi im Rahmen, denn als Otto-Normal-Fan muss man auch an sein Portemonnaie denken und bei den derzeit astronomischen Kraftstoffpreisen ist da wohl Mäßigung geboten. Hervorragend trifft es sich allerdings, dass durch kleinere Wetten das Taschengeld kurzfristig aufgebessert werden kann.

Doch das Fußballfieber scheint noch ganz andere Symptome hervorzubringen und etwas zu schaffen, was in 1 200 Jahren europäischer Geschichte in dieser Form nicht für möglich gehalten wurde: Die Deutschen sind einmal einer Meinung und die römische Weisheit: "Brot und Spiele" scheint sich zu bewahrheiten, denn alle sind glücklich, wenn das Runde im Eckigen landet.

Einfache Formel zum Erfolg

Die Formel für den Erfolg ist einfach: Man nehme 22 erwachsene Männer, die alle nur das eine wollen - den Ball. Und schon sind ganze Nationen 90 Minuten lang im Land der Glückseligkeit. Wirklich gefährdet ist dabei nur der Schiedsrichter, denn er besitzt die einzige Münze im Spiel und bei einem Gegner wie Griechenland, kann dieser Umstand einem schon zu denken geben. Dieses Symptom der Zusammengehörigkeit kann man natürlich nicht allein genießen und so werden in diesen Tagen die Fanmeilen jeder Stadt zum neuen Mekka - sogar für die Jugend, die sich dieses spezielle Wort sonst nur für einen H&M-Shop vorenthält.
Wer hat das schrillste Fanoutfit?

Und doch kann man über diese Beziehung nicht einfach hinwegsehen, denn schließlich geht es beim Public Viewing nicht allein um das gemeinsame Erleben von Höhen und Tiefen, sondern auch um einen weit tieferen Beweggrund: den Wettbewerb um das schrillste Fanoutfit, in Schwarz-Rot-Gold, versteht sich. Man will sich ja abheben von all den Anderen. Doch der kollektive Trost nach einer Niederlage kann man im trauten Heim im Kreise von Familie und Freunden in diesem überwältigenden Ausmaß leider nicht genießen. Hier zeigt sich jedoch wieder einmal, dass die Geschlechterunterschiede beim neuen Volkssport noch lange nicht nivelliert sind. Der weibliche Fußballfan ist eine vergleichsweise neue Erscheinung, wenngleich man früher noch dachte, Frauen und Fußball wären zwei verschiedene Paar Schuhe, muss man sich heute eingestehen, dass der weibliche Fußballfan ebenso etabliert ist wie der männliche. Viel widersprüchlicher würden wir da schon den männlichen Shoppingfan mit hundert Paar Schuhen im Schrank finden. Dennoch lassen sich alte Verhaltensmuster nur schwer ablegen und so liegt das Augenmerk des weiblichen Fans eher auf den Spielern selbst, die schon das ein oder andere Herz höher schlagen ließen. Passenderweise lautet daher ihr Motto auch "Pech im Spiel, Glück in der Liebe". Ein Satz, der bei männlichen Fans - vor allem nach dem Halbfinale gegen Italien - nur Kopfschütteln hervorruft. Allein schon wegen ihrer zahlreichen Spielerfahrung wissen sie grundsätzlich alles besser und können auch alles besser - schließlich würde bei ihnen der Ball schon längst zehn, ach was hundertmal im Tor gelandet sein. Daher ist es nur logisch, dass der Stolz über Siege auch ihnen zukommt. Die selbst ernannten Profianalytiker wissen natürlich auch um die Kunst des Toreschießens. Es braucht ganz besondere, ja geradezu außergewöhnliche Spieler, um aus nächster Nähe mehrmals über das leere Tor zu treffen - daran zeigt sich letztendlich wahres Können.

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