Bis der Körper zerfällt

Der Schlankheitswahn ist zurück: Die Gefahr von #skinnytok und Co.

Seit Jahren eskalieren Schönheitsideale im Internet. Essstörungen bei jungen Frauen sind auf einem alarmierenden Level. Eine 22-Jährige erzählt, wie die sozialen Medien sie fast in den Hungertod gestürzt haben.

Clara postete den Prozess ihrer Magersucht auf Instagram.

Clara postete den Prozess ihrer Magersucht auf Instagram.

Inhaltswarnung: In diesem Text geht es um Diskriminierung, Magersucht und Anorexie.

 

Ein Blick in die Vergangenheit: Clara scrollt durch ihren Instagram-Account, den sie aus Scham geheim hält. „Du bist fett“, schreibt einer ihrer Follower. Von ihrer Familie am Esstisch hört sie dagegen: „Iss doch einfach.“ Die Elfjährige glaubt eher den fremden Profilen im Internet – auch wenn ihre Ärzte alarmiert sind. Diagnose: Anorexie, also Magersucht. Dennoch isst das Mädchen nur 600 Kalorien an den schlimmsten Tagen, 2.000 würde sie eigentlich brauchen, und macht viel Sport. Die anonymen Profile auf Instagram lassen sie glauben, dem Hunger nachzugeben, sei ein Zeichen von Schwäche. Den Account hat sie erstellt, um sich für ihr Gewicht in die Verantwortung zu nehmen. Um sich zu zwingen, dünn zu bleiben.

„Ich habe jede einzelne Kalorie gezählt und konnte an nichts anderes mehr denken außer Essen – oder eben den Zwang, nichts zu essen“, sagt die heute 22-Jährige. Ihren echten Namen möchte die junge Frau aus dem Landkreis Straubing-Bogen nicht in der Zeitung lesen.
Die sozialen Medien sind aus Claras Sicht der Hauptgrund, warum sie in die Magersucht gerutscht ist. Es fing an mit Videos, in denen Influencer zeigten, was sie an einem Tag zu sich nehmen. Das Mädchen stellte fest: Sie alle essen weniger als sie und sehen superschlank aus. Dass die Videos teils fake sind, kam ihr damals nicht in den Sinn.

#skinnytok: gefährlich, verboten

Das Internet hat verändert, wie wir Schönheit wahrnehmen. „Früher bestimmten Zeitschriften, welche Körperbilder als schön gelten“, sagt Eva Wunderer, die an der Hochschule Landshut zu Essstörungen und Schönheitsidealen forscht. „Die sind aber auf einer Seite aufgeschlagen niemandem in den Einkaufswagen gesprungen.“ Heute beeinflussen Algorithmen, welche Inhalte wir sehen – oft immer wieder zum gleichen Thema. „Nicht nur Models verkörpern Schönheitsideale, die für viele unerreichbar sind. Social Media gibt uns das Gefühl, wir alle könnten perfekt aussehen, weil Influencerinnen sich darstellen wie eine Person von nebenan“, sagt die Expertin.

Das aktuelle Ideal für Frauen? „Wieder so dünn sein wie möglich“, sagt Ada Borkenhagen. Die Psychoanalytikerin forscht zu Körperbildern. „Für eine Weile lag die kurvige Sanduhrfigur wie bei Kim Kardashian im Trend. Doch auch sie hat abgenommen.“

Gleichzeitig entstand #skinnytok: eine Szene auf TikTok, bei der Frauen dem Ziel folgen, abzunehmen, bis sie ein Gewicht von unter 50 Kilogramm erreichen. Der Hashtag wurde gebannt. Die gefährlichen Inhalte leben jedoch auf der Plattform und in anderen Apps fort. Ein Satz des Models Kate Moss, der laut den Expertinnen früher in Pro-Anorexie-Foren zitiert wurde, fällt auch hier: „Nichts schmeckt so gut, wie Schlanksein sich anfühlt.“

Laut Statistischem Bundesamt befinden sich seit der Pandemie mehr Menschen aufgrund von Essstörungen in stationärer Behandlung. Besonders betroffen: junge Frauen zwischen 10 und 17 Jahren.

Wer schön sein will, muss reich sein

Warum ist dünn sein wieder stark im Trend? „Wir haben in der Gesellschaft viel Unsicherheit“, sagt Eva Wunderer. „Bei Kindern und Jugendlichen wurde das Leben während der Pandemie auf Null gesetzt. Dazu kommen Kriege, wirtschaftliche Unsicherheit und die Klimakrise.“ Die Arbeit am eigenen Körper sei möglicherweise ein Versuch, wieder die Kontrolle über einen Aspekt des Lebens zu bekommen. Hier lässt sich jede Kalorie messen – abstrakte Ängste passen auf keine Zahlenskala.

Mit der Erfindung von Schlankheitsspritzen wie Ozempic und anderer Medizin ist dazu ein neuer Markt entstanden, bei dem sich Milliarden verdienen lassen, wenn alle plötzlich schlank sein wollen. Das Mittel ist eigentlich als Hilfe für Menschen mit Übergewicht und Diabetes gedacht. Doch immer mehr Promis fallen auf dem roten Teppich mit neuen, noch schlankeren Körpern auf. Die bekannte Tennisspielerin Serena Williams warb für die Medizin auch beim Superbowl. „Nun ist der dünne Look erreichbar, ohne Sport und Diät“, sagt Ada Borkenhagen. „Dafür wird es teuer. Wer aufhört, sich zu spritzen, riskiert einen Jo-Jo-Effekt, bei dem man wieder zunimmt.“ Beide Expertinnen befürchten: Höheres Gewicht könnte wieder mehr stigmatisiert werden.

Claras Körper zerfällt ohne Essen

Was es wirklich kostet, nach dem möglichst dünnen Körper zu streben, weiß Clara: Sie war als Jugendliche oft krank, hatte Haarausfall, lockere Zähne. Ihr Immunsystem und Kreislauf wurden schwächer, ihre erste Periode kam zu spät, ihre Augen verschlechterten sich. Ihr Körper zerfiel unter der Mangelernährung.

Und auch ihr Sozialleben litt. „Meine Freunde haben sich Sorgen gemacht, weil ich von einem Tag auf den anderen nichts mehr essen wollte“, erinnert sich die junge Frau. „Zuhause kam es nur zu Streit. Ich zog mich von allen immer weiter zurück.“ Die Krankheit drängte sie in die Isolation.

Menschen mit Anorexie oder ähnlichen Diagnosen suchen oft den Vergleich mit anderen. So entstehen gefährliche Räume wie Pro-Anorexie-Foren oder #skinnytok. „Die Krankheit übernimmt bei einigen Betroffenen jeden Aspekt des Lebens“, beschreibt Eva Wunderer. „Viele denken: ‚Meine Essstörung bin ich und ich bin meine Essstörung.‘“ Wer dann in eine Gruppe kommt, die das krankhafte Verhalten bestärkt, für den wird es umso schwerer herauszukommen. „Eine Anorexie ist natürlich nicht ansteckend, aber man weiß, dass sich innerhalb einer Schulklasse oder anderen sozialen Räumen das Problem weiter verbreiten kann“, sagt die Expertin.

Eva Wunderer.
Eva Wunderer.
Eva Wunderer.
Robert Kemper.
Robert Kemper.
Robert Kemper.
Ada Borkenhagen.
Ada Borkenhagen.
Ada Borkenhagen.

Self-Care oder Trickbetrug?

Gleichzeitig werden Schönheitsideale, wie sie in den sozialen Medien zu sehen sind, immer unerreichbarer. Viele Bilder sind bearbeitet, inzwischen auch mit künstlicher Intelligenz. „Alle wissen eigentlich, dass das nicht echt ist“, sagt Eva Wunderer. „Viele Menschen finden es trotzdem attraktiver.“

So ähnlich beschreibt es auch der plastische Chirurg Dr. Robert Kemper aus Regensburg: „Schönheits-OPs sind immer mehr in der breiten Gesellschaft akzeptiert und zum Statussymbol geworden. Die Nachfrage in meiner Praxis und das Streben nach Perfektion nehmen zu.“ Er findet: Die neuen Abnehmspritzen helfen Menschen mit ernsten Krankheiten. Viele nutzen sie aber auch nur, um schlanker zu werden, und bedenken dabei nicht, dass der Hautmantel gleich bleibt. „Einige Menschen sehen dadurch ausgeleiert aus“, sagt der Experte. „Dann kommen sie zu mir in die Praxis.“

Ist Body-Positivity vorbei?

Ende der 2010er-Jahre war im Internet die Body-Positivity-Bewegung im Trend: Sie betonte, dass man sich für seinen Körper nicht schämen muss. Inzwischen ist sie in den Hintergrund gerückt. „Durch den aktuellen Drang zur Selbstperfektion wirkt das fast wie aus der Zeit gefallen“, sagt Ada Borkenhagen. Für Clara waren diese Stimmen jedoch wichtig, als sie den Umgang mit ihrer Anorexie lernte: „Ich habe lange nicht verstanden, dass es verschiedene Körpertypen gibt und es normal ist, dass sich der Bauch im Sitzen rollt“, sagt sie. „Das hat sich zum Glück geändert.“

Die junge Frau hat ungefähr alle drei Monate einen Rückfall. Vor allem, wenn ihr Umfeld ihr Essverhalten kommentiert oder sie Produkte mit „low calories“ im Supermarkt sieht. Wenn sie auf Bewegungen wie #skinnytok blickt, wirkt das alles noch extremer als zu der Zeit, als die sozialen Medien sie in die Magersucht getrieben haben.

Die 22-Jährige lebt heute trotzdem ein gesundes Leben. Sie hat gelernt, sich gegen ihre Essstörung zu wehren – auch wenn sie nie erfolgreich einen Therapieplatz bekommen hat. Stattdessen haben ihr neue Freunde und Erfahrungen geholfen, nach der Schule mit der Krankheit zurechtzukommen. „Es ist so wichtig, dass alle Mädchen lernen, dass ihr Körper so passt, wie er ist“, sagt sie. „Ich wünschte, jemand hätte das damals zu mir gesagt.“

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