In der Höhle der Drachen
Autorin Tina Koller baut im bayerischen Wald aufwendige Drachen-Cosplays
Wer Tina Kollers Arbeitszimmer betritt, dem blinzeln viele neugierige Drachenaugen entgegen. An mehreren Schneiderpuppen hängen die Köpfe der Fantasiewesen und die schuppigen Körper der aufwendigen Cosplays. In die hat Tina Hunderte Stunden Arbeit und Tausende Euro investiert. In den Schränken stehen zudem selbst gebaute Sci-Fi-Welten und Statuen von ihren Lieblingsdrachen. Das Highlight aber: Tessa Lightdancer. Tina hat die Figur erfunden. Der futuristische Drachenanzug blinkt mit zahlreichen Lichtern und kommt mit einer aufwendigen Maske und einer LED-Peitsche. Tina nennt das Kostüm ihr Meisterwerk und verliebte sich so in die Figur, dass sie gleich mehrere Bücher über die Abenteuer von Tessa Lightdancer geschrieben hat.
„Ich habe mir schon immer Geschichten ausgedacht, auch als Kind. Und natürlich viel gebastelt“, erzählt die heute 36-Jährige aus Neukirchen beim Heiligen Blut. Im Internet sieht sie vor vielen Jahren Cosplayer und ist begeistert. Sie beginnt, Anzüge zu bauen und bringt sich viel mit YouTube-Videos bei. Ihr Job im IT-Bereich hilft bei technischen Elementen.
Tina probiert viele Kostüme und Stile aus, bis eine Figur entsteht
2013 findet sie in der Freistunde weitere Inspiration: Darin steht ein Artikel über die Erlebniswelt Flederwisch in Furth im Wald. Diese ist inspiriert von der Stilrichtung Steampunk, die alte Dampfmaschinen mit fantasievollen Zukunftstechnologien verbindet. Tina ist damals ein großer Fan von Steampunk und wird zur Stammbesucherin beim Flederwisch. So entsteht zum Beispiel Tinas Steampunk-Drache, der heute in der Erlebniswelt steht. Über die Jahre baut sie immer mehr Kostüme, zeigt sie bei Conventions und anderen Events – und schließlich entsteht Tessa Lightdancer.
Diese Figur ist das Ergebnis von all den Erfahrungen, die Tina über die Jahre gesammelt hat. „Sie entstand aus dem Entschluss heraus, dass ich mehr mit LEDs arbeiten möchte“, erzählt die Cosplayerin. „Und je mehr ich an ihr gebastelt habe, desto mehr wurde Tessa zu einer Figur mit Hintergrundgeschichte.“ Während sie an dem Anzug baut, beginnt Tina, über Tessa zu schreiben: So ist die Buchreihe „Lightdancer“ mit aktuell zwei Bänden entstanden. Der dritte und letzte Band soll bald erscheinen.
Bei Lesungen begegnet die Sci-Fi-Figur den Leuten
In den Romanen wacht Tessa Lightdancer, ein virtuelles Wesen, in der echten Welt ohne Erinnerungen auf. Mithilfe eines Technikers will sie herausfinden, wer sie ist. Das ist gefährlich: Denn viele Leute jagen Tessa für ihre Technologie. Außerdem muss die Heldin das Material Synthium sammeln, damit sie in der realen Welt fortbestehen kann.
Die Science-Fiction-Romane sind bei dem regionalen Verlag Turmgeschichten in Bad Kötzting erschienen und auch für Jugendliche geschrieben, Tina würde ihre Bücher für Leser ab zwölf Jahren empfehlen. Inspiriert sind die Bücher und der Anzug von Tessa vor allem von dem Stil Cyberpunk. Dabei geht es oft um eine Dystopie mit übermächtigen Konzernen und Technologien, die Grenzen zwischen Digitalem und Realem verschwimmen lassen.
Bei Lesungen will sie Menschen in ihre Sci-Fi-Welt entführen. Dabei trägt sie ihren Anzug und liest nicht nur aus dem Buch vor, sondern tritt als Tessa auf. „Ich muss immer unter der Maske grinsen, wenn die Leute am Staunen sind“, sagt Tina. „Für viele ist das der erste Berührungspunkt mit Cosplay.“ Deshalb wissen viele auch nicht: Tina braucht mindestens eine Viertelstunde, um in den Anzug zu klettern und all die Technik und Lichter zu starten. Einfach reinschlüpfen? Klappt nicht.
Ein Moment bei ihrer ersten Lesung ist ihr besonders im Kopf geblieben: Im Publikum saß die Tochter eines Bekannten, die laut Tina fast nie ein Buch in der Hand hat. Aber „Lightdancer“ habe sie nach der Vorlesung verschlungen. „Mich macht vor allem stolz, dass das Mädchen jetzt selbst Geschichten schreibt“, erzählt die Autorin.

Andreas Seybold-Epting, Foto-SE
Die Arbeit am Anzug für Tessa Lightdancer endet für Tina Koller nicht: Sie findet immer neue Ideen.
Tina fertigt auch aufwendige Auftragsarbeiten
Ein neues Kostüm beginnt für Tina immer in ihrem Arbeitszimmer. Dort zeichnet sie zuerst Konzepte. Dann fängt sie mit dem Kopf an, weil dieser die meisten Details hat. „Der muss ausdrucksstark sein.“ Tina kauft Materialien ein, startet mit dem Nähen und Kleben.
So entsteht der Bodysuit, der tatsächliche Körper des Drachen. Es folgen die Hände, Füße und der Schweif. Die Arbeit an Letzterem macht Tina am meisten Spaß: Hier achtet sie darauf, dass er sich natürlich mit dem Körper des Drachens bewegt. „Für mich ist das ein großer Wow-Moment. Das Design erwacht zum Leben, wenn ich den Schweif zum ersten Mal mit dem Rest des Kostüms trage.“
Die Cosplayerin baut die Anzüge nicht nur für sich selbst. Manchmal nimmt sie Auftragsarbeiten von anderen Drachen-Fans an: Ihr erster Kunde wollte zum Beispiel einen roten Drachen. Tina bastelte zuerst nur eine Maske. Auf einer Cosplay-Veranstaltung gab es dann so positives Feedback, dass Tina für den Rest des Anzugs beauftragt wurde: Sie baute also den Anzug mit Schuppen, die sie einzeln aufgenäht oder angeklebt hat. Ein kompletter Drache kostet bei Tina ungefähr 5000 Euro, wenn man Material- und Arbeitskosten zusammenrechnet.
Tina will aber nicht von ihrem Hobby leben. „Mir ist wichtig, dass ich mich kreativ austoben kann“, sagt die Künstlerin. „Deswegen probiere ich auch immer wieder unterschiedliche Stile aus.“ Aktuell ist sie noch in ihrer Cyberpunk-Phase und inspiriert von den Filmen „Blade Runner“, „Tron“ und der Musikrichtung Synthwave. Das ist auch der Grund, warum sie weiter an Tessa arbeitet: „Das ist ein Projekt, das nicht endet, nicht in naher Zukunft“, sagt Tina. „Ich finde immer Wege, auch nach Hunderten Arbeitsstunden, wie ich sie noch cooler, noch aufregender, noch futuristischer machen kann.“
Ein Drache wird geboren
Die Technik in der Maske verkabeln, den Anzug zusammennähen, massenweise Schuppen ankleben: Ein Überblick, wie Cosplayerin Tina Koller ein Fantasy-Wesen zum Leben erweckt.
Tina beginnt meist mit der Maske für den Kopf des Drachens, weil dieser der wichtigste und ausdrucksstärkste Teil des Cosplays ist. Wenn der Kopf nicht stimmt, sieht der ganze Drache seltsam aus. Das Grundgerüst entsteht mit Schaumstoff-Streifen, die über einem Styropor-Kopf installiert werden. Damit der Unterkiefer beweglich ist, verwendet Tina Gummibänder. So geht der Mund des Drachens mit, wenn die Person in dem Kostüm spricht.
Als Nächstes kommt die Technik in den Kopf, zum Beispiel LEDs, damit die Augen rot leuchten können. Ein Lüfter macht das Tragen des Cosplays auch deutlich angenehmer. In das Gebiss kommen die Zähne und um den ganzen Kopf herum werden Schuppen angebracht. Diese näht oder klebt Tina an den Anzug. Bei diesem roten Drachen namens Edragar, einer Auftragsarbeit, waren die Schuppen zuerst schwarz und wurden dann eingefärbt.
Auf der Stirn hat Edragar ein Emblem, das magnetisch ist. So kann es einfach abgenommen oder wieder angebracht werden.
Der Schweif ist Tinas Lieblingselement, wenn sie einen Drachen baut: Denn mit der richtigen Technik erweckt dieser Teil das Schuppentier richtig zum Leben. Der Schweif soll sich beim Gehen auf natürliche Weise mit dem Träger des Cosplays mitbewegen. Das gebe dem Drachen auch deutlich mehr Persönlichkeit.
Um das zu schaffen, verwendet sie eine spezielle Schnitttechnik für den Schaumstoff, um einen sogenannten „Super Motion Tail“ zu bauen. Ein Stoffkern ist auch ein wichtiger Bestandteil, damit der Schweif nicht einfach nur plump runterhängt.
An der Schwanzspitze soll der Drache ein Hautsegel haben. Hier muss Tina besonders aufpassen, dass der Stoff nicht zu kurz wird und die Beweglichkeit des Schweifs nicht zu sehr eingeschränkt wird.
Dann sind wieder die Schuppen dran. Zwei Gurte verbinden übrigens den Schweif mit dem Rest des Kostüms und befestigen ihn auf sichere Weise, aber auch so, dass er sich weiter gut mitbewegt.
Die Hände sind der einfachste Teil des gesamten Anzugs. Tina befestigt Krallen aus ihrem 3D-Drucker zuerst an einem gewöhnlichen Paar Handschuhe und kümmert sich als Nächstes wieder um die einzelnen Schuppen. Diese sind übrigens aus schwarzem Moosgummi geschnitten. Auf der Handinnenseite malt Tina die Schuppen nur an, damit der Mensch in dem Cosplay weiter ohne Probleme zugreifen kann.
Bei den Füßen beginnt Tina mit Plateauschuhen und bringt die einzelnen Schaumstoff-Elemente an. Dann zieht sie Stoff drüber und klebt wie bei den Händen Krallen an.
Kompliziert wird es bei der Unterseite der Schuhe. An den Sohlen bringt Tina zum Beispiel erst robustes Kunstleder an, in der Hoffnung, dass es die meisten Böden aushält. Auf Dauer arbeitet es sich leider doch am Asphalt ab und muss repariert werden.
Zum Schluss geht es um die Flügel des Drachens. Der Kern ist aus verklebtem Schaumstoff, während die einzelnen „Knochen“ der Flügel mit Spanndraht verstärkt werden. So bildet sich ein stabiles Skelett.
An beiden Seiten zieht Tina den Stoff über den Schaumstoff und beklebt dann alles wieder mit Schuppen. Durch den Kern sind die Flügel übrigens sehr flexibel und lassen sich ohne Probleme mit Gurten anbringen, ohne zu brechen.
Tina verwendet für den Rest des Anzugs meist Zweiteiler, damit man möglichst leicht in den Drachen schlüpfen kann. Die Beine sind extra gepolstert, damit sie möglichst wenig nach einem Menschen aussehen. Nun werden wieder massenweise Schuppen angebracht und gefärbt.
Dann ist der Anzug fertig. Was als eine Idee, Skizzen und Pläne angefangen hat, wird zu einem tragbaren Drachen-Cosplay. Die Entstehung kostet mehrere Hundert Stunden Arbeit und jeder Anzug von Tina hat abweichende Elemente. Manche besitzen zum Beispiel mehr Technik, nutzen andere Farben oder komplexere Bautechniken.
Aber an dem Anzug von Edragar lässt sich beispielhaft erkennen, wie die einzelnen Komponenten eines Cosplays entstehen und wie viel Material und Zeit in so ein aufwendiges Fantasy-Outfit fließt.
Mehr zu Tinas Projekten findest du auf ihrer Website.




















