Vertriebenenverband

Sudetendeutscher Tag in Tschechien: Provokation oder Chance?

Schon Ende April waren Menschen in Brünn (Brno) gegen die geplante Veranstaltung auf die Straße gegangen – mit Spruchtafeln wie «Treffen der Sudetendeutschen – eine Schande für Brünn». (Archivbild)

Schon Ende April waren Menschen in Brünn (Brno) gegen die geplante Veranstaltung auf die Straße gegangen – mit Spruchtafeln wie «Treffen der Sudetendeutschen – eine Schande für Brünn». (Archivbild)

Von dpa

Für die einen ist es eine „politische Provokation“, für die anderen ein „Friedensfestival“ und ein Zeichen der Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen: Tausende Sudetendeutsche und ihre Nachfahren kommen mehr als 80 Jahre nach der Vertreibung erstmals in der verlorenen Heimat zu ihrem traditionellen Pfingsttreffen zusammen. Der am Freitag begonnene Sudetendeutsche Tag im tschechischen Brünn (Brno) dauert bis Montag.

Wenige andere Fragen haben in letzter Zeit die Gemüter in Tschechien so entzweit wie diese Veranstaltung. „Das ist eine unglückliche Angelegenheit“, sagte der rechtspopulistische Regierungschef Andrej Babis. Es gebe noch eine Generation von Leuten, die sich keineswegs mit den Vertriebenen ausgesöhnt habe. Tschechiens Außenminister Petr Macinka warnte sogar: „Diese Aktion wird weder für die eine noch für die andere Seite einen positiven Ausklang haben.“

Ein Flüchtlingszug mit vertriebenen Sudetendeutschen trifft im Durchgangslager Wiesau ein. (Archivbild)
Ein Flüchtlingszug mit vertriebenen Sudetendeutschen trifft im Durchgangslager Wiesau ein. (Archivbild)
Ein Flüchtlingszug mit vertriebenen Sudetendeutschen trifft im Durchgangslager Wiesau ein. (Archivbild)
Der CSU-Politiker und frühere Europaabgeordnete Bernd Posselt ist Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe. (Archivbild)
Der CSU-Politiker und frühere Europaabgeordnete Bernd Posselt ist Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe. (Archivbild)
Der CSU-Politiker und frühere Europaabgeordnete Bernd Posselt ist Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe. (Archivbild)
Brünn ist die zweitgrößte Stadt Tschechiens. (Archivbild)
Brünn ist die zweitgrößte Stadt Tschechiens. (Archivbild)
Brünn ist die zweitgrößte Stadt Tschechiens. (Archivbild)

Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Schrecken der nationalsozialistischen Besatzung wurden rund drei Millionen Deutsche aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben. Die meisten fanden in der Bundesrepublik und der damaligen DDR eine neue Heimat. Hauptaufnahmeländer waren Bayern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Bayern übernahm 1954 die Schirmherrschaft über die Volksgruppe.

Fast schien es, als könnte der Sudetendeutsche Tag in Brünn im letzten Moment noch platzen. Vor rund einer Woche stellte sich das tschechische Abgeordnetenhaus mit einer Entschließung auf Initiative des Parlamentspräsidenten Tomio Okamura und seiner ultrarechten Kleinpartei Freiheit und direkte Demokratie gegen das Vorhaben. Darin wurden die Veranstalter aufgerufen, sich einen anderen Ort zu suchen. Man verurteile „jegliche Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen und jegliche Infragestellung der Rechts- und Eigentumsverhältnisse“ in Tschechien.

„Wir halten selbstverständlich an dem Vorhaben fest“, sagte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt. Er verwies auf zahlreiche Solidaritätsbekundungen von Intellektuellen, Schriftstellern und Oppositionspolitikern.

„Also ich bin zutiefst beeindruckt von dem Ausmaß an Rückhalt, das wir haben“, sagte der CSU-Politiker. „Wir sind geprägt von Liebe zu diesem Land. Und das merken auch sehr viele Tschechen“, sagte der frühere Europaabgeordnete. Posselt hatte 2015 gegen Widerstände eine Satzungsänderung der Landsmannschaft durchgesetzt: Sie verzichtete auf ihre Forderungen nach „Wiedergewinnung der Heimat“ und Rückgabe des beschlagnahmten Eigentums.

Die Vorgeschichte der Vertreibung ist komplex: Mit der Auflösung Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg wurden Deutschböhmen, Deutschmähren und Deutschschlesier Bürger der Tschechoslowakei. Viele von ihnen identifizierten sich aber nicht mit dem neuen Staat. Konrad Henlein und seine Sudetendeutsche Partei propagierten die Angliederung an Hitler-Deutschland.

Mit dem Münchner Abkommen von 1938 musste die Tschechoslowakei die Sudetengebiete abtreten. Im März 1939 marschierte die Wehrmacht in Prag ein und errichtete eine Terrorherrschaft im sogenannten „Protektorat Böhmen und Mähren“. Nach dem Krieg orientiert sich die wiedergegründete Tschechoslowakei politisch nach Osten.

Die Dekrete des Präsidenten Edvard Benes wurden zur Grundlage für die Enteignung der deutschen Minderheit. Bei der Vertreibung kam es zu Gewaltexzessen. Beim „Brünner Todesmarsch“ wurden rund 27.000 Deutsche aus der Stadt zur österreichischen Grenze getrieben. Mehr als 2.000 Menschen, überwiegend Frauen, Kinder und Ältere, überlebten die Strapazen nicht. Zum 21. Mal erinnert an diesem Samstag ein Versöhnungsmarsch in umgekehrter Richtung an die Geschehnisse.

Dieser Versöhnungsmarsch war auch eine der Keimzellen des Dialogfestivals „Meeting Brno“, das die in Tschechien lange als revanchistisch verschrienen Sudetendeutschen nach Brünn eingeladen hat. Die letzten Wochen hätten gezeigt, dass es im Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen noch viel abzuarbeiten gebe, sagte dessen Mitbegründer David Macek: „Nach unserer Erfahrung gibt es keine bessere Therapie als das Angebot einer persönlichen Begegnung.“

Nicht alle sind dieser Meinung. Zu den schärfsten Kritikern des Vertriebenentreffens gehört Ex-Präsident Vaclav Klaus: „Es ist absolut überflüssig, provokativ und unsinnig, diese Versammlung bei uns abzuhalten“, sagte er im Sender CNN Prima News. Anders äußerte sich Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) jüngst über die Wahl des Austragungsortes: Es sei ein „unglaublicher Ausdruck der Versöhnung“, dass so etwas heute möglich sei.

Muss man sich angesichts angekündigter Gegenproteste Sorgen um die Sicherheit der zumeist älteren Teilnehmer des Sudetendeutschen Tags machen? Die Veranstalter haben nicht nur zwei Sicherheitsagenturen engagiert, sondern arbeiten auch intensiv mit der Polizei zusammen. „Mehr tun, als vorsorgen, können wir nicht“, sagte der Landsmannschaft-Vorsitzende Posselt. „Man macht sich immer Sorgen, vor jedem Sudetendeutschen Tag.“

Dieser Artikel ist Teil eines automatisierten Angebots der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Er wird von der idowa-Redaktion nicht bearbeitet oder geprüft.

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