Fußball-Nationalmannschaft
Wechselmeister Nagelsmann und die große Schlotterbeck-Sorge

Jan Woitas/dpa
DFB-Teamarzt Jochen Hahne (l) ist für Bundestrainer Nagelsmann ein wichtiger Ansprechpartner.
Weltmeister möchte Julian Nagelsmann in wenigen Wochen sein. Wechselmeister ist er jetzt schon. Doch nach dem perfekten Gruppensieg und den sogar von Uli Hoeneß gelobten Tauschmanövern beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste ging es für den Bundestrainer ausnahmsweise nicht um die größte aller deutschen Fußball-Fragen. Ob WM-Held Deniz Undav im letzten Gruppenspiel gegen Ecuador wieder als Joker oder endlich mal in der Startelf zünden soll, darüber sollen erstmal alle Fans leidenschaftlich streiten.
Bei Nagelsmann überwog nach Sieg Nummer zwei die Sorge um die Verletzung von Nico Schlotterbeck. Das Thema zog sich auch für den Bundestrainer in Winston-Salem durch den ganzen Tag, der mit Regeneration und Spielersatztraining eigentlich zum Durchschnaufen gedacht war.
Was hatte es mit der Diagnose für den verletzten Fuß von Schlotterbeck wirklich auf sich? Wie war das von Nagelsmann angekündigte MRT in einer Klinik in North Carolina zu interpretieren? Warum wurden vom DFB ungewöhnlich lange keine Details kommuniziert?
Wichtigste Ansprechpartner für den Bundestrainer im Teamhotel The Graylyn Estate waren jedenfalls einmal nicht Kapitän Joshua Kimmich oder der durch fünf Turnierteilnahmen mit WM-Weisheiten gesegnete Manuel Neuer. Jetzt war der Rat von Teamarzt Jochen Hahne gefragt. Der DFB-Doktor, der auch beim FC Bayern über die Gesundheit der Spieler wacht, hatte Schlotterbeck schon nach dem Malheur in Toronto auf dem Rasen mehrfach behandelt.
Seine Expertise gilt im Profifußball als außerordentlich. Unvergessen ist, wie er Jamal Musiala nach dessen schwerem Beinbruch im vergangenen Sommer aus Amerika nach Hause leitete. In Sachen Schlotterbeck hatte Hahne Nagelsmann schon während des Spiels in Toronto mit Informationen versorgt. Die Blicke waren wenig optimistisch.
Als bis zum späten Sonntagabend Ortszeit in Amerika bei Schlotterbeck immer noch kein Bulletin herausgegeben war, mehrten sich die Befürchtungen, dass der Dortmunder Innenverteidiger zum nächsten WM-Ausfall nach Lennart Karl werden könnte.
Sofort abreisen? Beim Team bleiben - und vielleicht noch hoffen? Alle Optionen schienen möglich. Bei Verletzungen reden immer auch die Club-Verantwortlichen in der Heimat ein Wörtchen über die richtige Behandlung mit.
Unabhängig von allen medizinischen Entscheidungen zum Umgang mit der Blessur, die Nagelsmann gleich nach dem Spiel mit den Worten, „es sieht leider nicht ganz so gut aus“, in den Rang größerer Besorgnis gehoben hatte, wurde aber ein WM-Spezifikum deutlich, das bei allem Jammer sogar eine positive Richtung für die DFB-Elf einnehmen kann. Der vor der WM von Nagelsmann, Sportdirektor Rudi Völler und allen danach befragten Spielern zur höchsten Turnieraufgabe erkorene Teamgedanke wird beim XXL-Turnier zur gelebten Realität.
Zum neben Nagelsmann größten Daumendrücker für Schlotterbeck wurde ausgerechnet der logische Ersatzmann Antonio Rüdiger. „Ich hoffe, dass es nicht so schlimm ist. Er ist ein wichtiger Spieler, wir brauchen ihn. Wir wollen alle beisammen haben. Wichtig ist, dass Nico gesund ist“, sagte der Verteidiger von Real Madrid.
War das eine Worthülse eines Profis? Bislang gibt die Nationalmannschaft ein positives Bild ab, wenn es um die Gruppendynamik geht. Das hat Nagelsmann hinbekommen. Zum Symbol wurde die Jubeltraube nach Undavs Siegtreffer gegen die Elfenbeinküste. „Wie da die ganze Mannschaft im Eck lag, das ist schon ein cooles Zeichen und das freut mich super für die Jungs und das kann schon Kräfte freisetzen, definitiv“, sagte Nagelsmann.
Stammspieler, Einwechselspieler und Bankdrücker auf einem Menschenstapel der Freude. Da passte auch die Einschätzung von Kimmich, der die geglückten Einwechslungen von Nagelsmann noch einmal hervorhob. „Wir wussten schon vor dem Turnier, dass unsere Bank sehr, sehr wichtig sein wird. Das war sie heute. Alle Einwechslungen waren überragend“, sagte der Kapitän.
Lange Reisen, heißes Klima. Experten sagen schon lange, dass ein ausgeglichener Kader zum WM-Plus wird. Undav, Nadiem Amiri, Jamie Leweling, Leon Goretzka und auch Rüdiger - alle Einwechsler hatten ihren Glanzmoment. Und das färbt auf das ganze Team ab, meint der Bundestrainer.
„Wenn du Spieler einwechselst, die dann ein Spiel entscheiden, dann gehen natürlich auch Spieler mit, die auf der Bank saßen. Die wollen dranbleiben, die denken, ich kann auch irgendwann den Moment haben“, sagte Nagelsmann.
Dabei bewies der 38-Jährige die Größe, zuzugeben, dass er in seiner Karriere schon mehrfach falsch gewechselt hatte; so beim 3:3 gegen Italien im Viertelfinale der Nations League 2025 oder beim folgenden 1:2 im Halbfinale gegen Portugal, als jeweils drei Veränderungen den Spielrhythmus brachen. „Manchmal geht es gut. Es gab aber auch schon Spiele bei mir, da ging es nicht gut“, sagte er. So sei es im „real life“, im richtigen Leben.
Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ beschrieb den Effekt der Wechsel im doppelten Wortsinn als „Powerbank“. Energieabsicherung per Nachladung. „Es ist wichtig, dass jeder in jedem Moment bereit ist. Das ist ein wichtiges Zeichen an die Mannschaft, dass wir immer nachlegen können“, sagte Undav.
Als auch noch Bayern Münchens Ehrenpräsident Hoeneß nach Wochen der Kritik aus München positive Worte für den Bundestrainer fand, war keine größere Belobigung mehr denkbar. „Wenn sie allerdings so zu einer Mannschaft zusammenwachsen, und der Trainer immer so gut austauscht wie gestern, dann könnte es etwas werden“, sagte Hoeneß beim Streamingdienst Dyn.














