Zeitzeuge erzählt
Wie der Straubinger Wolfgang Weinzierl das Kriegsende erlebte

Thomas Heigl, privat
Wolfgang Weinzierl als Jugendlicher in den 1940er Jahren (links) und heute mit 93 Jahren.
Wolfgang Weinzierl hatte bisher wirklich Glück in seinem langen Leben. Auch mit seinen 93 Jahren ist er körperlich fit. "Mir ist nix zu anstrengend", sagt er. Auch sein Gedächtnis funktioniert gut. Ereignisse, die schon 80 Jahre zurückliegen, sind immer noch in seinem Kopf. Erinnerungen, die es Wert sind, erzählt zu werden. Denn der Ittlinger ist in einer schwierigen Zeit aufgewachsen. Weinzierl ist Jahrgang 1931. Als die Front des Zweiten Weltkriegs nach Bayern kam, war er 13 Jahre alt. Vom Kriegseinsatz blieb er zwar verschont, doch hat auch er Dinge erlebt und gesehen, die kein Jugendlicher sehen sollte.
Als die Nazis an die Macht kamen, war er knapp eineinhalb Jahre alt. Bei seiner Einschulung ist Hitler bereits seit vier Jahren Diktator. Bis zu seinem 13. Lebensjahr kannte er nichts anderes als den Nationalsozialismus. Es waren andere Zeiten, härtere. Er erinnert sich an seine Kindheit ohne fließendes Wasser im Dorf. An Barfußgehen von Ostern bis Herbst ("da ist kein Mensch mit Schuhen in die Schule gegangen"). An prügelnde Lehrer, die in brauner Uniform mit Hakenkreuzbinde unterrichteten, das Kruzifix abhingen und es gegen ein Hitlerbild austauschten. An wochenlange Stromausfälle und eisige Winter "mit Eisflächen von Ittling bis Reibersdorf, kurz hinter der Donau". Auch musste er fast jede Nacht zur Arbeit aufstehen, seine Familie hatte einen Sau-Handel. Und dennoch: "Mir ist es mein ganzes Leben lang nie schlecht gegangen", betont er. Das harte Leben habe man damals so hingenommen.
Wie viele Kinder war auch er in der Hitler-Jugend (HJ). Die brachte ihm damals viele Vorteile. Eines seiner größten Hobbys zu der Zeit: Fußball. Richtige Bälle hatte man nicht, "eher so eine Art Tennisball". Durch die HJ konnte er öfter spielen, das hat ihm gefallen. "Einmal haben wir einen Fußball geschenkt bekommen. Da hieß es dann, der ist vom Hitler." Alles Gute käme nur von den Nazis, das wurde ihm 13 Jahre lang eingeredet: "In der Schule haben sie uns jeden Tag eingetrichtert, dass Hitler alles wäre. Und irgendwann glaubst du es."
Zu Beginn des Krieges ist er knapp acht Jahre alt. "Als kleiner Bub hast du das nicht begriffen, da dachte man sich nur, naja, jetzt ist halt Krieg." Dass auch viele Ittlinger an den Fronten sterben, hat er immer über den Ortsgruppenführer Kulzer mitbekommen: "Der musste, wenn jemand gefallen war, zu den Leuten an die Haustür gehen und die Nachricht überbringen." Auch sein Onkel überlebte den Krieg nicht, er fiel bei Warschau. "Als der Kulzer kam, wussten wir sofort, dass etwas passiert ist."
"Christbäume" über Straubing abgeworfen
Im April 1945 - Weinzierl ist mittlerweile 13 Jahre - ist die Front nicht mehr Hunderte Kilometer entfernt, sondern fast direkt vor der Haustür. An die Bombardierung von Straubing am 18. April erinnert er sich auch noch nach 80 Jahren. Mittags ertönte Fliegeralarm im Dorf, einer von vielen gegen Kriegsende. "Oft haben die Amerikaner einfach nur eine Menge Stanniolpapier über uns abgeworfen. Das war, glaube ich, um den Radar der Deutschen zu stören." An diesem Tag fiel allerdings eine tödliche Ladung. Mittags flogen die Amerikaner über Ittling hinweg auf Straubing zu. "Das müssen so zehn bis zwölf Flugzeuge gewesen sein. Die waren ziemlich tief, vielleicht 50 Meter über unseren Köpfen." Am Horizont beobachtete er, wie die Flieger die Fracht über der Stadt abwarfen: "Die erste Bombe war immer eine weiße, das konnten wir wunderbar sehen. Dann kamen jedesmal fünf oder sechs schwarze hinterher. Mit dem zackigen Muster haben wir immer gesagt, dass sie Christbäume über Straubing abwerfen."
Mit dem Fahrrad in der brennenden Heerstraße
Während andere Kinder sich vor Angst in ihren Häusern versteckten, packte ihn seine Neugier. Als die Flieger wieder abzogen, schnappte er sich sein Fahrrad und fuhr mit Freunden Richtung Straubing. Er war einer der Wenigen, die damals überhaupt ein Fahrrad im Dorf hatten. Er tauschte ein gebratenes Spanferkel dafür ein. Die Bomben, die abgeworfen wurden, stellten sich später als Brandbomben heraus. "Auf einmal brennt die halbe Heerstraße um uns herum, da wären wir fast nicht mehr nach Ittling rausgekommen." Geschafft hat er es, aber es hätte ihn genauso das Leben kosten können. "Mei, jugendlicher Leichtsinn halt", resümiert er und muss über seine damalige Radtour schmunzeln.
Eine Bombardierung blieb Ittling erspart. Dafür lag das Dorf zwischen Bogen mit seiner Eisenbahnbrücke und Straubing mit seinem Bahnhof für die Amerikaner wohl strategisch zu unbedeutend, um Munition zu verschwenden. Weinzierl erinnert sich aber, dass ein stehender Zug direkt bei Amselfing beschossen wurde. Auch einen Landwirt, der alleine auf seinem Feld arbeitete, hätten die Alliierten ins Visier genommen und auf ihn gefeuert. Er konnte sich retten, aber "das hat natürlich bei denen, die direkt betroffen waren, einen Hass auf die Amerikaner ausgelöst."
Abscheu gegenüber "dem Feind" schürten bis zuletzt auch die Schergen der Nazis. SS-Truppen, die im April 1945 immer noch in Ittling stationiert waren. Die heute 88-jährige Hilde Braun erinnert sich an eine unschöne Begegnung mit den Braunhemden, die sie Weinzierl erzählte. Sie stammt aus dem ehemaligen Gasthaus Doppelhammer, in dem die SS sich einquartierte. Als einer der Nazis Hunger auf Pfannkuchen hatte, musste ihre Mutter gestehen, dass sie keine Eier im Haus hätte. Der SS-Mann zog daraufhin eine Waffe, hielt sie den Kindern an den Kopf und schrie: "Bevor ich verhungere, erschieße ich euch lieber alle."
Zeuge der letzten Hinrichtungen
Traumatisierende Begegnungen wie diese, kamen bei Weinzierl nicht vor. Die letzten deutschen Einheiten mieden sein Wohnhaus. Es lebten einfach schon zu viele Familienmitglieder und Bekannte darin, um noch Platz anbieten zu können. Dennoch wurde auch er Zeuge von den Verbrechen der Nazis: Am 26. April 1945 bestiegen die beiden Ittlinger Alois Huber (34 Jahre) und Friedrich Beutlhauser (30 Jahre) den Turm der Kirche St. Johannes, um eine weiße Fahne zu hissen. Die Amerikaner hatten zuvor Flugblätter abgeworfen und die kampflose Übergabe gefordert, ansonsten würde man das Dorf zerbomben. Huber und Beutlhauser gingen davon aus, die SS habe den Ort bereits verlassen. Ein tödlicher Irrtum. Beide wurden erwischt und nur einen Tag später an der Linde vor der Kirche aufgehängt. Die Telefonkabel, die man eilig zusammengetragen hatte, rissen unter ihrem Gewicht, sodass man beide auf der Straße liegend erschoss. Beutlhauser trug dabei ein Schild um den Hals mit der Aufschrift "Das Schwein wollte die Front an den Feind verraten". Um die 50 "Zuschauer" sollen dabei anwesend gewesen sein, auch der damals 13-jährige Weinzierl. Zwei von vielen unnötigen Opfern, denn die Front lag bereits direkt hinter der Donau. "Ich dachte mir auch nur, als ich da daneben stand, warum muss man die denn jetzt noch erschießen, die hätten doch noch weiterleben können." Am nächsten Tag fuhren die Panzer der US-Armee durch Ittling. Der Krieg war - zumindest hier - zu Ende.

Thomas Heigl
2012 wurde für Alois Huber und Friedrich Beutlhauser vom Verein "Freunde Ittling" eine Gedenktafel aufgestellt. Weinzierl war Zeuge der Hinrichtung.
Der 28. April 1945 ist immer noch in Weinzierls Gedächtnis: Der Tag, an dem die Amerikaner kamen. "Ich stand in der Öblinger Straße. Angst hatten wir keine, es war eher aufregend. Ich weiß noch, dass es ziemlich gestaubt hat, als die Panzer vorbeifuhren, es gab ja noch keine Teerstraßen." Statt Stanniolpapier und Bomben warfen die Soldaten dieses Mal wertvollere Ware: Kaugummi. "Sowas kannten wir nicht, das gab es ja nie. Da hat oben aus den Panzern jeweils ein Soldat rausgeschaut und immer wieder ein paar Stück in die Menge geworfen. Wie im Faschingsumzug. Wir Kinder haben uns dann darum regelrecht geprügelt." Seinen ersten Kaugummi im Leben hütete er wie einen Schatz. "Da hast ganz stolz damit gekaut und angegeben, dass du einen hast. Abends haben wir den auf unseren Nachttischkasten gelegt und morgens wieder in den Mund. Zwei Wochen hab ich da bestimmt daran rumgekaut."
Jetzt allerdings haben sich die Zeiten von einem Tag auf den anderen geändert. "Vorher hat sich ja niemand getraut, was Negatives zu sagen. Wenn du da über den Hitler geschimpft hast, dann haben sie dich über Nacht gleich weggeschafft. Auch bei der NSDAP waren viele. Da musstest du einfach dabei sein, sonst wurdest ja schon falsch angeschaut." Ende April 1945 nun das Gegenteil: NS-Symbolik zu besitzen, war jetzt gefährlich. "Viele haben ihr Zeug, ihre Uniformen und Abzeichen gleich eingeheizt. Da haben dir die Amerikaner schon Angst gemacht, da wärst du ja dann ein Hitler-Anhänger, wenn du noch sowas daheim gehabt hast. Ein bisschen Muffe hatte man da schon."
Direkte Kontakte mit US-Soldaten hatte der junge Weinzierl nicht: "Man hat sich schon etwas gefürchtet vor denen, es könnte ja einer einen erschießen." Er erinnert sich aber noch an die Panzer und Jeeps, die durch Ittling fuhren. Mit Lautsprechern - schon auf Deutsch - wurde die Bevölkerung aufgefordert, alle Pistolen und Gewehre beim Gasthof Nothaft abzugeben. "Das war ein Riesenhaufen. Dann kamen zwei Amerikaner. Einer hat Benzin drüber geschüttet und der andere hat alles angezündet." Die Bevölkerung sollte bloß keine Chance bekommen, Waffen gegen die Besatzer zu richten. Auch neben dem ehemaligen Wirtshaus Prückl "mussten alle ihre Gewehre in die Aitrach werfen". Mittlerweile wurde aber der Bachverlauf geändert, nach den Relikten zu suchen, empfiehlt Weinzierl nicht: "Da sind inzwischen der Damm und neue Häuser drauf, da gräbst dich tot", sagt er und muss lachen.
Lebensmut und -lust nie verloren
Seinen Humor und seine Lebenslust hat er nie verloren. Recht schnell habe die Bevölkerung ein gutes Verhältnis zu den neuen Machthabern im Dorf aufgebaut: "Das waren ja an sich gute Menschen." Auch, weil die Amerikaner neue Ware mitbringen. "Essen, Kleider, auf einmal konntest in Straubing alles kaufen. Als wenn es über Nacht eingeflogen worden wäre." Die Anwesenheit der US-Soldaten brachte auch neue Familien hervor: "Viele Frauen aus dem Dorf haben GI´s geheiratet und sind dann mit nach Amerika rüber. Und jetzt kommen die ganzen Nachkommen immer mal wieder zu uns nach Straubing." Auch für Weinzierl ging es positiv weiter. Er bekam einen Ausbildungsplatz: Am 1. April 1947 begann er seine Lehre zum Friseur, später eröffnete er einen eigenen Laden. Eine Tätigkeit, der er bis vor Kurzem immer noch nachging.
Wie viele Menschen in Deutschland, legte auch die Bevölkerung von Straubing und Ittling über die Vergangenheit erst einmal den Mantel des Schweigens: "Da hat einfach von heute auf morgen niemand mehr darüber geredet, es war dann einfach Schluss." Später besuchte er mit dem Waldverein das Konzentrationslager Dachau. "Als man dann gesehen hat, was da so alles los war und wie die Menschen behandelt wurden, da ist einem schon anders geworden."
Dennoch war sein Naturell schon immer: nach vorne schauen. Er nahm seine harte Kindheit, genau wie die Kriegsgeschehnisse und danach sein Arbeitsleben so hin, wie es eben passierte. "Ich nehme das Leben so, wie es kommt, mit allen Höhen und Tiefen." Vielleicht ist er auch dank dieser Einstellung 93 Jahren alt geworden: "Mei, es ist halt, wie es ist." Auch sein Glaube an die Vernunft der Menschen ist noch vorhanden. Auf die Frage, ob er sich vorstellen könnte, dass so etwas wie die Nazi-Diktatur jemals wieder in Deutschland passieren würde, meint er schnell: "Das glaub ich nicht. Ich kanns mir einfach nicht vorstellen. Dafür ist doch zu viel passiert damals."









